Weinlagen. Immer wieder waren sie auch schon hier auf BorWerk ein Thema. Oft genug geht viel Mythos mit Ihnen einher. Dabei sind sie vielfach nur ein günstiges Marketinginstrument, inhaltsleere Hülsen die die kurze, direkte Botschaft suggerieren, dass der Inhalt in der Flasche etwas Besonderes sein muss. Die Mehrheit der Konsumenten weiß zumeist nicht, ob und wenn ja für was der Lagenname steht, der da prominent auf dem Etikett vor einem aufgedruckt ist. In Ungarn ist das nicht anders. Vermutlich trifft die Problematik sogar verschärft zu.

Dennoch und auch gerade deswegen: es scheint an der Zeit, sich intensiver und für Außenstehende strukturierter mit dem Thema zu beschäftigen. Denn der ungarische Weinbau tritt langsam aber sicher in eine neue Phase. In den ersten zehn Jahren nach der Wende ging es vor allem darum, dem Gespenst des Kommunismus, dem Massenweinbau, den Garaus zu machen. Einige wenige Winzer leisteten maßgeblich Pionierarbeit, entwickelten sich in wenigen Jahren zu Vorbildern für andere und begründeten den Qualitätsweinbau neu.

Die Folgejahre waren dann geprägt von einer spürbaren Ausdifferenzierung des Marktes. Neue Gesichter, vielfach auch junge Erzeuger betraten den Markt, der damit bunter und substantiell größer wurde und sehr schnell auch unübersichtlich. Man begann mit längst verloren geglaubten autochthonen Rebsorten zu experimentieren, entwickelte neue Stile – und begann, meist zaghaft, Traditionen wieder zu beleben.

Für Tokaj bedeutete dies neben zahlreichen neuen Erzeugern vor allem auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und das in weit größerem Maße, als in anderen Weinbaugegenden. Neben dem Erzeugen der ersten trocken ausgebauten Weißweinen ging es dabei auch immer um das Setzen von Standards für mehr Qualität, für Sicherheit und Transparenz. Ein natürlicher, erwartbarer – aber bei weitem nicht selbstverständlicher Reflex, der von den Erzeugern selbst kam und nicht nur den ernst gemeinten Willen zeigte, sich mit der Tradition auseinanderzusetzen und an sie anzuknüpfen, sondern auch aus Selbstschutz verstanden werden konnte und musste.

Tokaj, das ist und bleibt in Ungarn das Anbaugebiet, um das es sich beim Thema Lagen mehr der minder drehen wird. Ausnahmen, etwa aus Sopron, Eger, dem Somló oder der Mátra gibt es. Längere Erfahrungswerte fehlen aber verständlicherweise. Zehn bis fünfzehn Jahre sind viel, und hierfür eben doch auch zu wenig. Dennoch wird es auch um sie gehen.

In Tokaj ist das anders. Hier war bereits im 17. Jahrhundert klar, dass manche Bereiche in den Weinbergen bessere Weine hervorbrachten, als andere. Und so wurde 1641 das erste Appelationssystem eingeführt und damit eines der ersten der Welt überhaupt. Lagen wurden nach der Qualität ihrer Weine klassifiziert und damit kategorisiert. Heute, fast 400 Jahre später, treten immer mehr Erzeuger in die Fußstapfen ihrer Vorfahren. Manche tun dies für sich allein. Andere haben sich zusammengeschlossen und eines gemeinsamen Kodex verpflichtet, wie etwa seit 2006 in der Tokaj Wine Artisans’ Society.

Dabei sind sie Suchende – und finden Jahr für Jahr einen Teil einer größeren Antwort auf die Frage, was die Reben in einem Weinberg hervorzubringen imstande sind, wie sie sich verhalten im Einklang mit Boden, Wetter, Ausrichtung und dem, was jeder Einzelne daraus macht.

Hier auf BorWerk wird es von nun an intensiver um diese Lagen gehen. Vordergründig um jene aus Tokaj, aber auch um jene aus anderen Gebieten, die vermeintlich für mehr stehen, als nur oberflächliche Effekthascherei. Dies wird sich langsam aufbauen, Wein für Wein, Schritt für Schritt geschehen. Die Kooperation mit Weinlagen-Info macht es möglich, dass zu jeder Lage auch eine Karte, eingebettet in GoogleMaps in der rechten Spalte neben jedem Artikel erscheint und das ach so ferne und fremde Ungarn etwas näher bringt und plastischer macht. Danke dafür, Charlie!

Danke auch an den Kenner Tokaj’s schlechthin, an László Alkonyi, für die Gespräche, all den Lesestoff und die Kärrnerarbeit mit Karten und allem, einfach allem. Und nicht zuletzt auch mal ein Dank an alle Winzer, die ich die Jahre über besucht habe und von denen ich so viel erfahren und lernen durfte. So. Genug.

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Balassa - Furmint Nyulászó 2012Los geht es mit einem Furmint von Balassa István (hier ein ausführlicherer Artikel zum Weingut) der Lage Nyulászó, die südöstlich von Mád – einem, viele würden sagen das Epizentrum Tokajs -, von der Hauptstraße kommend rechts vom Ortseingang sich den Hang hinauf erstreckt. Historisch gehört sie zu den sieben zu Mád gehörenden Lagen, die der ersten und damit besten Kategorie zugeordnet wurden. erstmals schriftlich erwähnt wurde sie bereits 1600.

Balassa István nennt hier zwei Parzellen sein eigen, von gerade einmal 0,3 und 06 Hektar Größe. Der Boden ist hart und gelb. Aus Ton und Rhyolith-Tuff. Durchzogen von Quarz und verwittertem Bimsstein. Mineralisch durch und durch. Rhyolith ist ein vulkanisches Gestein, auf das man in Tokaj immer und immer wieder trifft. Es hat den reichsten Anteil Siliciumdioxid unter den Vulkanfelsgesteinen. Man erkennt den Stein leicht an seiner porösen Oberfläche. Einzelne Brocken liegen hier und da auf der Erdkrume auf.

Die eine Parzelle zeigt nach West-Südwest, die andere nach Ost-Südost, offen, ohne echten Schutz in bzw. aus irgendeiner Richtung. Sonne satt bekommen dennoch beide ab und dass es keine volle Südausrichtung ist, kann – ja nicht nur aber besonders im sommerheißen Tokaj – eher als Vorteil gesehen werden. Heiß und trocken sind oftmals die Sommer, karg die mit Böden, in die die alten Rebstöcke ihre Wurzeln – Balassa’s Stöcke wurden 1961 respektive 1972 gepflanzt – tief getrieben haben.

1.200 Flaschen hat der Jahrgang erbracht. Ein Furmint, der Kraft und Eleganz vereint. Was für ein Marketinggeschwätz. Aber es stimmt einfach. Warm-würzige Nase mit reifer, dunkelgelb-goldfarbener Apfelfrucht, etwas Honig, etwas Karamell, vegetabil (Rosmarin) und ein klein wenig floral.

Kräftig, gleich in die Breite drängend und mit einer warmen, sauber gezeichneten und sehr bestimmenden mineralischen Würze um sich greifend. Der Holzeinsatz ist spürbar und doch dezent, mehrfach gebraucht Fässer regeln das gut ab und binden den Überschuss an Säure, den Furmint gerne mitbringt. Was da ist an Säure ist frisch und nach wie vor kräftig, harmoniert bestens mit der Würze und vor allem der Apfel-Birnen-Stachelbeeren-Frucht. Meeressalz auf sonnenwarmer Strandhaut. Viel Dynamik, viel Kraft, ein behutsam gezähmter Wilder mit 14% Vol. die aber sehr gut verbaut sind. Und gleichzeitig auch ein Aristokrat, der sich würdig zeigt – mit langem Abgang. Schöner Wein, große Show, wunderbarer Einstieg für die Lagen-Thematik!

Wein: Furmint Nyulászó 2012
Weingut, Ort: Balassa Bor, Tokaj
Rebsorte/n: Furmint
Alkoholgehalt: 14,0%
Preis: 15,90 EUR (4.995 Ft)
Internet: balassabor.hu

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