Links Overdose, Mitte Alsóvölgy, rechts der Alltags-Bikavér.

Alte gehen, neue kommen. Mal mehr und mal weniger bewusst. So ist das auch mit Weingütern, auch in Ungarn. Dass es Egervin nicht mehr gibt und man es nicht wahrgenommen hat, mag noch angehen. Im Grunde ist das Verschwinden des Produzenten ausdrucksloser Supermarkt-Alltagsweine allenfalls Teil einer zeitverzögerten, post-kommunistischen Marktbereinigung. Dass mit Evowine nun schon seit einigen Monaten ein Nachfolger in Eger am Start ist, drang zumindest nicht bis hierher durch.

Als quasi Nachlassverwalter gilt es erst einmal, das Downsizing der vorhandenen Anlage angemessen abzuwickeln. Da ist dann immerhin von Tanks mit einer bisherigen Gesamtkapazität von 2 Millionen Liter pro Jahr die Rede, künftig soll die Hälfte auf dem Markt landen. Alte, mit übernommene Bestände gilt es noch an Mann und Frau zu bringen – soweit das verantwortbar ist und also mit der eigenen Markenbildung und Unternehmensphilosophie einher geht. Der Lacerta 2007 ist genau so ein Fall. Er wird als Bikavér verkauft, mit einem bunten Gecko – Lacerta der lateinische Name – auf dem Etikett. Für 1.200 Forint, rund 4 EUR, soll die Flasche junge Leute ansprechen. Der hellpurpurne Inhalt ist entsprechend: ein leichter und leicht verständlicher Alltagswein, den man nebenher als Begleiter eines Abends unbewusst trinken kann. Mit einer schlanken roten Beerenfrucht, verhaltenen Säuren, dezent wahrnehmbarem Holz trinkt er sich grade so unauffällig weg, wie er selbst ist. Ordentlich, für den Preis OK. So können die Egervin-Reste noch verheizt werden.

Im Hintergrund von Evowine steht ein ungarischer Softwarekonzern, wohl auch mit deutschen Anteilseignern. Vermutlich musste man mit dem Geld irgendwo hin, warum also nicht in ein Weingut… Und staatliche Hilfe für die Umstrukturierung durch eine Ausschreibung gab es zudem auch noch satt. Im Vordergrund László Bálint als Direktor des Weinguts. Er blickt auf 28 eigene Hektar. Weitere sollen, da aus seiner Sicht unternehmerisch unsinnig, nicht zugekauft werden. Dann eher pachten. Zu den Roten wird sich auch noch ein Rosé und ein Weißwein gesellen, letzterer vermutlich aus der Mátra. Der Ansatz von Evovin erscheint konsequent pragmatisch und undogmatisch, was für das Segment sicher nicht die schlechteste Überlegung ist.

Gib ihm die Sporen! Der 2009er Overdose mit Ross und Reiter.

Der genaue Platz am Markt muss erst noch gefunden werden, das gibt man offen zu. Das Ziel hingegen ist fix: gute Weine für jeden Tag zu fairen Preisen. An Export muss die den Mengen zwingend gedacht werden, ein erster Brückenkopf nach Schweden steht schon. Dort kommt der Alsóvölgy 2009, Unteres Tal, offenbar gut an. Was insofern verwundert, als dass der Bordeaux-Blend (Cabernet Sauvignon, Franc und Merlot zu gleichen Anteilen) noch sehr jung wirkt und mit recht harten Tanninen daher kommt. Das kann dem normalen Konsumenten eigentlich nicht per se gefallen, sollte ihn eher stören. Interessant, dass die Weine bewusst in großen Fässern – hier immerhin klassisch Eger eben – ausgebaut werden: 20, 30 bis 50 Hektoliter.

Trotz der tanninstrotzenden Jugend: warten wollte man mit dem Markteintritt offensichtlich dennoch nicht. Etwas Flaschenreife hätte die Tannine sicher ein Stück weit abgeschliffen. Nicht dass der Wein, Regalpreis 1.950 Forint also etwa 6,40 EUR, schlecht wäre. Weit gefehlt. Nur eben etwas widerspenstig und sperrig. Die 14,5% Vol. Alkohol merkt man ihm nicht wirklich an. Dunkles rubinrot im Glas. Dunkle Beerenfrucht und etwas Holz und Paprikawürze in der verhaltenen Nase. Am Gaumen grüne Paprika, viel Tannine, die zum Ende hin Recht hart und ziemlich adstringierend wirken. Traubenstängel und –kerne, aber auch dunkle, recht kompakt und doch leicht transparent wirkende Frucht, die sich noch eher im Hintergrund hält. Mittlerer Abgang. Jung, verschlossen wirkend. Kann aber Spaß machen, etwas Zeit würde ihm eben gut stehen.

Der Overdose 2009, benannt nach dem überaus erfolgreichen ungarischen Rennpferd (zumindest ist laut Wikipedia der Besitzer Ungar, wohl auch mit Evowine verstrickt, das Pferd selbst vermeintlich ein geborener Brite…),  ist bis auf weiteres der Top-Wein. Und kostet entsprechend auch nochmal etwas mehr, 2.995 Forint, etwa 9,70 EUR. Dafür kriegt man dann aber auch erstaunlich viel Wein. Und internationalen Stil mit schöner Struktur. Die kommt vor allem vom Cabernet Sauvignon (50%), etwas Merlot gibt noch Weichheit und Dichte, Pinot und Turán Säuren und Komplexität bzw. Farbe und Power. Der Alsóvölgy wirkt dagegen frischer, aber auch flacher. Der Overdose mit 14% Vol. gesetzter, in sich runder, gar gereifter und derzeit zugänglicher. Mit sattem Rubinrot im Glas. Mit viel Brombeer-Konfitüre und etwas Milchschokolade in der Nase. Und mit dunkler, satter Waldfrucht am Gaumen, weicher gezeichneten Tanninen, daher auch cremiger, etwas Karamell, geröstetes, weiches Holz, das hinten doch noch etwas sperrig wirkt. Mittlerer bis langer Abgang. Netter Wein für gutes Geld. Und kein Gaul, schon gar keiner, der durchgeht – oh nein! Doch irgendwas musst ja für die Headline herhalten…

Bálint László, Direktor von EvoWine, bei der Premiere von Overdose.

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