Blick aus der Lage Király. Die turmartige Mauer erinnert fast ein wenig an den Röttgen bei Winningen.

Eine alte Lage rekultivieren. Ein altes Schloss renovieren. Den richtigen Winzer agieren lassen und selber nur dann und immer nur im richtigen Maß auf das wirklich Notwendige reagieren. Zu Besuch bei Károly Barta, der ein Glücksfall für Tokaj werden kann – nein, schon jetzt ist.

An sich nichts Neues. Da ist einer als Unternehmer erfolgreich. Nebenbei ist dort die Liebe zum Wein. Und irgendwann folgt er einer inneren Stimme oder einem sonst woher, vielleicht auch von außen genährtem Drang. Was dann kommt, ist eine Investition in Wein. Nicht wie bisher, in Flaschen. Sondern in ein eigenes Weingut. Was dabei rauskommt aber, ist offen. Da gibt es die guten und schlechten Beispiele. Und in Ungarn gilt das vielleicht gar mehr, als anderswo.

Károly Barta gehört zu den Guten. Das fängt bei seiner Wahl des Weingebietes an. Wo, wenn nicht in Tokaj, zeigt Ungarn seine eigentliche Stärke, seine Besonderheit in der Weinwelt, seine Alleinstellung. Barta’s Ansatz: Klasse statt Masse. Das, ist richtig verstanden gerade in Ungarn eher selten bei dieser Konstellation. Barta’s Prinzip: Wahrung des Gegebenen durch Wiederbelebung der Tradition. Das meint die Wahl des Weinbergs, des verantwortlichen Winzers und materialisiert sich nicht nur, aber eben auch und als erstes wahrnehmbar in einem entsprechenden Wein-Portfolio. Barta’s Stärke: Feingefühl für das nötige, das richtige Maß. In Stein gegossen, nein, aus und mit Stein wiederbelebt, manifestiert sich das in der Rákóczi Kúria. Der Sitz des Weingutes in einem der Epizentren des Tokajer Weinbaus, in Mád.

Mit eingebautem Echolot auf Lagen-Suche

Mauer- und Kunstwerk: die Steingebilde der Barta Pince in der Lage Király.

Doch langsam, eins nach dem anderen. Etwas mit Erde, etwas mit praktischer Arbeit Verbundenes sollte es neben dem Unternehmertum dann aus Sicht Károly Barta‘s doch noch sein, als Zusatzinvestition. Die landwirtschaftliche Verwurzelung seiner Familie konnte als hinreichender Nährboden für Sendungsbewusstsein herhalten. Die innere Stimme diktierte den Weg. Und sie traf an einem bemerkenswerten Ort auf ein Echo, das wie eine Berufung zu sein schien und vom Stand weg weit über eine nüchterne betriebswirtschaftliche Nutzung einer brach liegenden Agrarfläche hinaus ging und entsprechend laut schallte. Laut, mit Károly Barta als Resonanzkörper – und derart eindringlich, dass dieser in kürzester Zeit Fakten schuf, also kaufte.

Der Weinberg. Die Lage. Király, König. Bereits im 13. Jahrhundert standen hier Rebstöcke. Das Adelsgeschlecht der Rákóczi werkelte, ließ werkeln. So machte es den blaublütigen Herren nichts aus, dass der Hang steil und der Boden steinig war. Hunderte Jahre später hingegen schon, schließlich änderte sich nichts an Gefälle und Bodenbeschaffenheit. Doch es kam, was kommen musste. Was man schon so früh zu schätzen wusste, die außergewöhnliche Lage für außerordentliche Qualität, war einem gänzlich anderen Gesellschaftssystem zuwider. Der real existierende Sozialismus überließ eine der höchst gelegenen Weinlagen Ungarns sich selbst. Und was dann kam, war vor allem der Akazienwald, von oben, schrittweise und unaufhaltsam.

Rekultivierung, Reaktivierung, Return of old times

Wahrung des Gegebenen durch Wiederbelebung der Tradition. Károly Barta kam und ließ die alten Steinterrassen neu bepflanzen. Davor standen aufwendige Rodungen an, dazwischen vielerorts ein Rückbau der teils zerfallenen Mauern. Danach, heute, findet man sich in einem Weinberg wieder, der seine Einzigartigkeit in vollem Bewusstsein zur Schau trägt. Zehn Hektar werden hier inzwischen bewirtschaftet. Brach liegen zudem noch in direkter Nachbarschaft 17 Hektar, in der Lage Kővágó. Doch der Steinhauer, so der Name übersetzt, muss erst noch warten.

Schon von weitem fallen die Rotbraun-ockerfarbenen Steinformationen der Király ins Auge. Von oben, aus dem Weinberg betrachtet wirken die Rebstock-Formationen dann fast wie Fremdkörper. Was Reinhard Löwenstein „Schwalbennester“ nennt, erinnert hier, bei Mád, in Tokaj, eher an ein gazeartiges Gewebe, das wie von einer unsichtbaren Hand am Hang zu schweben scheint.

Die Ästhetik des von Menschenhand Geschaffenen und von den Pflanzen pflichtbewusst Umgesetzten beeindruckt auf ihre ganz eigene Weise. Kein Ort in Ungarn, der mit seinem kleinen Hangausschnitt so sehr an die Mosel erinnert. Und doch auch wieder ganz anders ist. Nicht Riesling, sondern vor allem Furmint wächst hier, auf den vor Mineralität nur so strotzenden Böden vulkanischer Herkunft. Nicht Schiefer, sondern gelber und roter Ton, gemahlenes Zeolit, vermischt mit hartem Rhyolith-Tuff dominieren und prägen auch an der Oberfläche das Bild. Dieser Grund, seit den 1950er Jahren nicht bewirtschaftet, verharrte wie in einer unfreiwillig aufgezwungenen Wartestellung.

Gleiches Denken: der Unternehmer und der Winzer

Noch ein Blick aus der Lage Király gen Süd-Südwesten.

Nun gibt er alles ab an die Reben, die in den steilsten, den Parzellen nahe des Waldes einzeln nebeneinander stehen. Pfähle erziehen ihren Wuchs. Handarbeit wird verlangt. Biologischer Weinbau betrieben. Keine synthetischen Mittel, keine Unkrautvernichter, stattdessen reges Leben zwischen den Reben. Alles, ohne dass man groß ein Wort darüber verliert. Das, ist typisch für einen Winzer in Tokaj. Und genau er ist es, der die Arbeit im Weinberg und -keller im Auftrag verantwortet.

Attila Homonna zieht dieses, sein im eigenen Weinberg erspürtes, an der eigenen Scholle erlebtes Konzept bewusst durch. Hier, im Keller, und da, im Weinberg, sind die Eingriffe minimal. Technologie kommt kaum zum Einsatz. Die Weine werden geschwefelt und geklärt. Fertig. Ihre Stärke, Robustheit müssen sie sich aus der Natur holen. Der Ausbau findet klassischerweise im Holzfass statt. Selbst die moderne pneumatische Presse, welche bereits heute der größeren, zukünftigen Aufgaben harrt, ist im Grundaufbau einer manuellen vertikalen Korbpresse nachempfunden. Jetzt, im Spätherbst 2011, acht Jahre nach dem ersten Landkauf, soll der echte Eintritt in den Markt geschehen, haben die verkaufbaren Mengen relevante Größen erreicht.

Klasse statt Masse, nicht gelabert, sondern gemacht

Károly Barta. Investor, aber noch viel mehr.

Das sind alles sehr bewusste Entscheidungen. Details, die zusammen das Bild eines großen Ganzen ergeben, das in sich geschlossen und stimmig ist. Hier fehlt es schon jetzt an nichts. Es ist aber auch nicht zu viel da. Klasse statt Masse. Kluges, feinfühliges unternehmerisches Handeln, das Károly Barta in aller Ruhe erläutert und ihn dabei nicht von ungefähr auch im Weinthema eine gelassene, lockere Sicherheit ausstrahlen lässt. Denn über die Jahre hinweg hat der geschätzte Mittvierziger nochmals die Schulbank gedrückt. Dass sich später, in einem langen Gespräch mit dem anderen Quereinsteiger, dem Pragmatiker und Autodidakten Attila Homonna große Überschneidungen hervortraten, ist kein Widerspruch. Es verweist allenfalls auf das Potential, das Tokaj und gar nicht so wenige seiner Menschen in sich tragen.

Klasse statt Masse. Homonna spielt mit besonnener Hand die Stärken des Furmint aus. Wie die großen Rebsorten der Welt gibt sie das Terroir wieder, dem man sie überlassen, ausgeliefert hat. Die mineralische Zusammensetzung des Bodens der Lage Király, die süd-südwestliche Hanglage, deren Neigung, der stete leichte Wind, der Wald als Schutz von Norden vor Wetterunbill, warme bis heiße Sommer mit vielfach kalten Nächten, die kleine Terrassierung aus dortigem Gestein, mit natürlicher Begrünung – alles Faktoren, die nur dort so zusammen kommen.

Endlich, die Weine: klar, karg, strukturiert und eigenständig

Homonna gewinnt daraus Weine mit bemerkenswerter Klarheit, präzise gezeichneter Struktur, Kargheit und eigenständigem Profil. Damit laufen sie gegen den Máder Stil, wie man ihn insbesondere von Szepsy kennt, der seine trockenen Weine durchweg die malolaktische Gärung erleben lässt. Homonna tut dies nicht. Jetzt also, nach langer Herleitung, zum Eigentlichen, zum Wein. Und die Feststellung: das sind nicht viele. Das Portfolio ist noch klein, gut überschaubar. Doch schon die beiden trocken ausgebauten Furmint, der „einfache“ und die Selektion sind so unterschiedlich und haben dann doch wieder gemeinsame Nenner.

Der eine, 2009, duftet verhalten nach etwas entfernt platzierten nassen Kräutern und Wiesenblumen, Moos und Gräsern, alles in feinen holzigen Rauch gehüllt. Am Gaumen für einen jungen Furmint sehr sanft, einen metallisch schmelzenden Bogen um eine glasklare gelbe Birnenfrucht und etwas Stroh spannend. Erst am Ende trauen sich die Säuren deutlicher hervor, laufen etwas spitzt zu. Der Wein lässt einen zurück mit dem etwas verwunderten, gleichzeitig bemerkenswerten Eindruck, alles sei wie in eine Pufferlösung gepackt.

Der andere, ebenfalls 2009, aber die Selektion, kommt mit 7,5 g/l Restzucker deutlich breiter daher, spricht einen auch mit seiner wärmeren, feinwürzig traubig-floralen Nase und dem deutlicheren Holz – 12 Monate Holzausbau anstelle von acht – unmittelbarer, direkter an. Am Gaumen mit zerriebener Frucht aus Trauben und Stachelbeeren. Dann, mit der Zeit treten die mineralischen Noten in Gestalt von leicht bitteren Traubenschalen und -kernen hervor. Flechten und Stein neben verhaltenen, gelblich grünen Säuren. Füllig, samtig und bei alledem auch geradlinig, eben nicht diffus sondern geordnet.

Stillgestanden: das aktuelle Portfolio der Barta Pince.

Diese trockenen Furminte und die edelsüßen, der Szamorodni und der sechsputtige Aszú sind Weine mit Potential zu Größerem. Erste Andeutungen, die nachhaltig prägend wirken und schließlich zu frühen, nach wie vor ersten Repräsentanten des Weingutes zählen. Der Szamorodni, rein aus Furmint, zeigt nach 20 Monaten im Fass einerseits recht breit, fast fett. Mit einer frischen Frucht aus Aprikosen und Orangengelée aber auch weich und jetzt schon wunderbar „trinkig“, wie man in solchen Fällen unnötigerweise zu sagen pflegt. Der allererste Aszú, Jahrgang 2008, konsequenterweise sechsputtig, hat stolze 250 g/l Restzucker im Nacken. Doch bei 9 g/l Säure und einem sehr stabil wirkenden mineralischen Gefüge hat man es doch mit einem unverschämt leicht wirkenden, fast schon verspielt tänzelnden Dessertwein zu tun, der einem kurzerhand einen kleinen inneren Jauchzer entlockt. Tabaknoten, vollreife, getrocknete Pfirsiche und Aprikosen, glasklare Säuren, glattpoliert schmelzend und bei alledem intensivst den gesamten Mundraum ausfüllend.

Das Ende vom Anfang – jetzt kann’s losgehen

Alles also mengenmäßig noch klein – den 2009er Furmint gibt es 1.900, die Selektion 850 Mal – aber nach wenigen Jahrgängen schon erstaunlich fein. Und überhaupt: die Größe des Sortiments sagt bekanntlich nichts. Die Ambitionen der Barta Pince liegen schließlich ohnehin nicht in Größe. Zum Export soll die Menge denn aber doch mittelfristig ausreichen. Was fehlt noch auf dem Weg dahin? Ein repräsentativer Bau.

Károly Barta in einem Gang des H-förmigen Kellers unter dem Rákóczi Schloss.

Hier schließt sich, wenn man so will der Kreis bis auf weiteres, findet die Aufbauphase des Weingutes ihren Abschluss in der Eröffnung des Weingutes. Und auch hier trifft man wieder auf Pflichtbewusstsein, zeigt Károly Barta das nötige und, insbesondere in Ungarn alles andere als selbstverständliche Feingefühl für das richtige Maß. Mit viel Geschmack, liebe fürs Detail und Sorgfalt in Anbetracht der baulichen Tradition von über 400 Jahren wurde das Rákóczi-Schloss in Mád renoviert und zur Sitz des Weingutes mit allen notwendigen Arbeitsbereichen für Verarbeitung und Ausbau und repräsentativen Verkostungsräumlichkeiten für die Öffentlichkeit umgebaut. Hier, ganz am Ende, stößt man dann doch noch auf eine Übertreibung, eine Verhältnislosigkeit. Der H-förmige Keller ist es, der mit Abstand viel zu groß ausfällt. Noch. Doch dafür kann Károly Barta nun wirklich nichts.

Einige wenige weitere Verkostungsnotizen folgen.

Teil I der kleinen Serie findet sich hier, über István Balassa
Teil II hier, über die Zoltán Asztalos bzw. AZ Nektár Pince

Noch nicht ganz fertig renoviert. Doch schon so schön. (Foto: László Alkonyi, www.tokajwine.net)

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