Tokaji Bormívelők Társasága

Appellation, aus dem Lateinischen: appellare, (be)nennen, rufen.  Und wie sie benennen! Rufen eher weniger. Allenfalls ausrufen. Weingüter der Region Tokaj, im Nordosten Ungarns. Um das Weinbaugebiet geht es ihnen nicht. Sondern um die genaue Herkunft, den Ursprung ihrer Weine. Und auch hier nicht um alle, sondern nur einige wenige Lagen. Es geht um die vermeintlich besten Lagen, um Qualität also. Und um die Fortführung dessen, was in Vergessenheit geraten ist. Es geht um die Wiederbelebung eines Stück Weinkultur, um Tradition, um die Geschichte der Region Tokaj als Keimzelle für einzigartige Weine.

Appellation, appellare. Benennen und berufen. Damit fing es vor fünf Jahren an. Damals schloss sich eine Gruppe von Weingütern zur Tokaji Bormívelők Társasága (TBT) zusammen, zur Tokaj Wine Artisans’ Society. Sie begannen Lagen zu benennen, eindeutig zu definieren und in den Vordergrund zu stellen. Ein auf Tokaj beschränkter, ungarischer VDP wenn man so will. Der Vordergrund hieß nach außen hin zuerst einmal, dass auf den Etiketten der Lagenname aufgeführt wird. Denn: eine Klassifizierung gab es bereits. Und das gar vor über 350 Jahren. Die TBT setzt also auf einem der ältesten Appellationssystemen der Welt auf.

Társaság = Gesellschaft, Bormívelők = „Weinkunsthandwerker“

Das historische Appellationssystem Tokaj‘s 

…. unterschied zwischen Lagen von drei verschiedenen Güteklassen. Schon 1641 trafen sich Vertreter verschiedener Ortschaften der Gegend in Mád, um ein 48 Artikel umfassendes Regelwerk zu unterzeichnen, das fortan die Grundlage für den Weinbau der Gegend darstellte. Im Hintergrund standen vermutlich die 1613 von Aristokratie und Mittelklasse festgelegten Statuten, die nun nicht nur erweitert, sondern von der selbstbewussten Gemeinschaft von Winzern eigenständig festgeschrieben und reguliert wurden. 1737 kam der „Ritterschlag“ durch ein königliches Dekret, das die knapp 100 Jahre zuvor in Mád zusammengefassten Appellationen in denselben wirtschaftlichen Rang stellte wie jene, die der Stadt Tokaj angehörten. Eine der ersten geschützten Appellationen der Welt war geboren.

Dabei steht sie prinzipiell offen für alle Erzeuger, ist andererseits selbstredend keine Zwangsgemeinschaft. So trifft man heute auf eine äußerst heterogene Gemeinschaft von Erzeugern, kleinen und großen, bekannten und unbekannten, guten und – nun ja, weniger guten. Das alles macht den Ansatz nicht einfacher. Konsens ist notwendig, gemeinsame Annäherung, Verständnis, wird von jedem abverlangt. Vom einen mehr, vom anderen weniger. Wie das immer so ist. So gibt es Mitglieder aus der Anfangszeit, die mittlerweise wieder aus der TBT ausgetreten sind. Man war sich uneinig über die Regularien der Gemeinschaft, die Grenzziehung des Terroirgedankens. Die Diskussion hält an, wird nicht, will nicht enden. Wie auch?

“Es geht darum, eine Gemeinschaft zu bilden, das Land zu bewahren, Kultur zu schaffen und neue Gipfel hinsichtlich der Qualität zu erklimmen.”

Ein anderer, exklusiverer Zugang zum Thema wäre zwar auch denkbar. Die selbstauferlegte Offenheit verfängt jedoch in Zeiten, wo Tokaj nach wie vor und in vielerlei Hinsicht ganz am Anfang steht. Am Anfang eines langen Weges, der zu steigenden Qualitäten und authentischeren, eigenständigeren Weinen führen soll – und wird. Die Frage ist angesichts des bereits heute aufgezeigten Potentials mehr die des „Wie“ und des „Wann“ oder eben „Wie schnell“. Der gemeinsame Austausch mit dem Ziel der Profilierung der spezifischen Lagen-Charakteristika wird also immer und immer wieder zu Auseinandersetzungen, gar zu manchem Streit führen. Wo sind Grenzen zu ziehen? Welche Lagen werden aufgenommen, welche nicht? Welche Kriterien werden abverlangt? Vieles gilt es noch zu entwickeln, zu entdecken, zu verstehen. Es gibt eine zweijährige Karenzzeit, ehe Neue aufgenommen werden. Man schaut sich die Arbeit im Weinberg an, überprüft sich gegenseitig. Doch inwiefern kann man überhaupt auf dem alten System aufsetzen? Wo beginnt der gemeinsame Nenner? Wo endet er?

   Und: warum aber erzähle ich das alles? Und erzähle es nach 2008 in anderen Worte an dieser Stelle, in diesem Blog noch einmal? Weil es zweifelsohen ein spannendes Projekt ist. Eines, das sich lohnt, begleitet zu werden. Ein Projekt, das wirklich das Zeug hat die weitere Entwicklung des Weinbaus in Tokaj maßgeblich und vor allem positiv zu beeinflussen. Und weil es einen konkreten Anlass gab: am vergangenen Wochenende wurden einige Weine der Gesellschaft blind verkostet, die demnächst auf den Markt kommen sollen. Ein letzter Qualitätscheck und die Entscheidung, ob das Logo der TBT neben dem Etikett auf der Flasche erscheinen darf oder nicht. Ich hatte das unverschämte Glück, dabei sein zu dürfen und somit auch das Rahmenprogramm – Wanderung durch verschiedene Lagen samt weinfreudigem Picknick, Abendessen und weiteren Verkostungen – miterleben zu können. Die Verkostungsnotizen folgen schrittweise in den kommenden Tagen.

Eine Reaktion

  1. Wanderung mit Picknick + Verkostung in Tokaj… da kommt Sehnsucht auf (um nicht von Neid zu sprechen) 🙂 In der Tat ein interessantes Projekt und daher schön, hier (auch wiederholt) von zu lesen.

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