Der US-amerikanische Weinkritiker Matt Kramer (u.a. Wine Spectator) gab dem diesjährigen ungarischen Wein-Verkostungswettbewerb Pannon Bormustra die Ehre. Als Mitglied der Jury konnte er sich einen recht guten Eindruck über den aktuellen Stand der ungarischen Weinwelt machen. Den Blogger-Kollegen von Művelt Alkoholista, ihres Zeichens große Fans von Kramer – gerne drehen sich bei ihnen immer mal wieder Einträge um von ihm gemachte Äußerungen – gelang es, Kramer für ein Interview zu gewinnen.

Ich möchte den wesentlichen Inhalt des Interviews verkürzt und letztlich unkommentiert widergeben. Vorweg sei aber zumindest die Anmerkung gestattet, dass die Hauptbotschaften Kramers mit von mir bereits mehrfach in den vergangenen Jahren in Kurzeinträgen und Reportagen gemachten Thesen praktisch deckungsgleich sind. Das muss nichts heißen. Ich selbst lese den Wine Sepctator und kenne daher Kramers Vorlieben nicht. Im Zusammenhang mit dem Interview wird erwähnt, dass Kramer der Bezug zum Terroir, die Authentizität und biodynamische Ansätze wichtig sind.

 

Kramer äußert sich sehr kritisch gegenüber ungarischen Rotweinen. Er hält sie für „zu rustikal, zu wenig verfeinert, unstrukturiert“. Seiner Meinung nach müssten ungarische Winzer verstehen, dass sie mehr auf die Textur, den Feinschliff der Weine achten müssen. Es gäbe einfach zu viele Weine mit einer groben Textur, überreifer Frucht, mit störenden Tanninen – entweder wegen zu massivem Holzeinsatz oder zu starker Extraktion – oder es ist teils auf die Rebsorten zurückzuführen, mit denen die Winzer offensichtlich noch nicht gelernt haben richtig umzugehen. Dabei geht es ihm nicht um das Nacheifern eines internationalen Stils: denn wenn internationaler Stil saubere, schön geschliffene Weine meint, sei er voll dafür. Aber die Rotweine, die er verkosten konnte, seien zumeist unnötig rustikal daher gekommen.

„You cannot go past your culture.”

Nach Kramer ist diese häufig anzutreffende Stilistik bei ungarischen Rotweinen aber auch auf die Erwartungshaltung der Verbraucher zurückzuführen: in keinem Land können Winzer die Weinkultur der Verbraucher überholen. Die Ansprüche der Weinliebhaber seien wohl schlichtweg nicht hoch genug.

Der Besuch von mehreren Weingütern und die Tätigkeit als Jury-Mitglied erinnerten Kramer nochmals daran, wie vielfältig das ungarische Weinangebot ist. Manche kultivierten Rebsorten sollten seiner Meinung nach jedoch neu bewertet werden. Er kann nicht nachvollziehen, warum sich jemand mit Olaszrizling (Welschriesling) beschäftigt, außer dass es billig ist und viel Ertrag bringt. Gleichzeitig zeigt er sich von Juhfark begeistert.

Das trockene Tokaj: phänomenal

So sehr er die Notwendigkeit zur Arbeit an den Roten sieht, so sehr hat Kramer wieder entdecken müssen, wie einzigartig die süßen und trocken ausgebauten Weine aus Tokaj sind. Seiner Meinung nach sind die besten trockenen Weißen aus Tokaj phänomenal. Wer Beispiele von Zoltán Demeter oder Királyudvar kosten durfte, könne den Wert und die Zukunft der trockenen Weißweine Tokaj’s nicht in Frage stellen.

Das drängendste Problem für die den ungarischen Wein im nächsten Jahrzehnt sei genau genommen kein Problem, sondern eher eine Herausforderung. Es ist zudem für jede Weinnation ein und dieselbe: die Vermeidung von Provinzialismus. Im 21. Jahrhundert habe Wein keine Grenzen und der Provinzialismus und die Selbstzufriedenheit sei überall eine stetige Gefahr.

Offenheit vs. Provinzialismus

Winzer könnten letztlich nur davon profitieren, wenn sie ausländische Weine kosten. Die ungarischen Weine, so Kramer, würden sich in dem Maße verbessern, indem das Wissen über ausländische Weine zunähme. Die gewachsene Offenheit sei beispielsweise auch in Italien für die Steigerung der eigenen Qualitäten wichtig gewesen.

Schließlich könne man nicht erfolgreich exportieren, wenn man nicht weiß, welche Konkurrenz einen auf den Regalen des Zielmarktes erwartet. Ungarn müsse in diesen Wettbewerb einsteigen, wenn es würdigen Platz unter den großen Weinnationen der Welt einnehmen möchte. Die Grundlagen, die Fähigkeiten dazu seien gegeben. Grenzen gäbe es nicht mehr und wenn doch. dann nur in den Köpfen.

Das Interview im Original ist hier lesbar.

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