Gyöngöyspata mit der Lage Gereg. Im Hintergund der Kékestető.

Kurze Anfahrt, große Wirkung. Kleine Erzeuger, klasse Weine. Die Mátra wird endlich aus dem post-sozialistischen Tiefschlaf erweckt. Tamás Szecskő und Bálint Losonci tragen mit viel Enthusiasmus, Wille und vor allem Talent ganz entscheidend dazu bei.

Die Mátra. Nahe liegend. Von Budapest aus gesehen, geographisch verstanden. Ein Gebirgszug dem der höchste Berg Ungarns angehört, der Kékestető. Satte 1014 Meter über dem Meer. Das erscheint einem zu Recht wenig. Dasselbe gilt auf den ersten Blick für das Anbaugebiet Mátraalja, sinnbildlich übersetzt „Am Fuße der Mátra“. Erzeuger die auf Qualität setzen, kann man an zwei Händen abzählen. Für jene, die wirklich besondere Weine erzeugen, reicht schon eine aus. Angesichts der heutigen Größe von rund 6.000 ha Anbaufläche eine verschwindend geringe Zahl.

Naheliegend ist das nun nicht wirklich. Vor allem nicht angesichts des Potentials. Das liegt brach, wie viele der ehemals mit Reben bepflanzten Hänge. Deren sanfte, vielfach mit Nadelwald bedeckte Hügel prägen die

Andesit und Kalk weden zu rotbraunem Gesteinsmehl. Nass (links): enorm verklumpend, trocken: fein rieselnd.

Landschaft. Ihre Herkunft erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Erst dort, wo die Menschenhand nach dem unsäglichen sozialistischen Massenweinbau-Intermezzo wieder kultivierend in die Landschaft eingreift, wird die Grundlage für bemerkenswerte Weine offenbar: der vulkanische Untergrund.

Großlage Gereg: Schlehen- und Hagebuttensträucher weg, Rebstöcke her

In der Großlage Gereg, am nördlichen Ortsrand von Gyöngyöspata gelegen, vollzieht sich genau das. Dort, wo vor kurzem noch stachelbewehrte Schlehen- und Hagebuttensträucher mit ihren in sich verschlungenen Ästen die alten Weinstöcke überwuchert und zu einem undurchdringlichen Dickicht gemacht hatten, pflanzt Tamás Szecskő neue Reben. Kékfrankos (Blaufränkisch) und die heutzutage fast nur noch im Karpatenraum kultivierte Kadarka sollen hier in drei, spätestens vier Jahren erste Erträge bringen. Etwas unterhalb hat Tamás bereits letztes Jahr einige Reihen Pinot Noir und Cabernet Franc gesetzt. Wenn alles gut geht, kann er schon 2012 eine erste kleine Menge Wein daraus erzeugen.

Was wenig erscheint ist doch viel Zeit für einen, der zwar von der Pike auf mit Wein zu tun hatte, aber erst vor acht Jahren begonnen hat, in die Erzeugung von Qualitätsweinen einzusteigen. Es sind kleine Schritte, mit denen es vorangeht, investitionsbedingter Geldmangel ein ständiger, bremsender Begleiter. Der qualitative Sprung ist ihm gleichwohl schnell gelungen. Die 3-4.000 Flaschen, die Tamás Szecskő derzeit über einige wenige Händler vertreibt, finden reißend Absatz. Bislang sind es überwiegend weiße Sorten: Grüner Veltliner, Muscat Ottonel und die „Ungarn“ Királyleányka, Hárslevelű und Irsai Olivér profitieren insbesondere im Herbst vom relativ kühlen Klima der Mátraalja und also einer langsamen, gesunden Reifung. Die häufig recht heißen Sommer können dann zwar bisweilen immer noch zu verhältnismäßig hohen Alkoholgraden führen, doch kräftige Säurestrukturen und die Mineralität der Böden halten angenehm dagegen.

Garagenweine: Korbpresse drinnen, Mutter Natur als Kühlapparatur draußen

Tamás Szecskő

Die Stilistik von Szecskő’s Weinen ist maßgeblich von den Naturgegebenheiten geprägt. Handgemacht und damit gänzlich unverfälscht landen sie in der Flasche. Ehe sie in seiner Garage durch eine 40 Jahre alte Korbpresse müssen, stehen Királyleányka und Co. zumeist eine Nacht lang im Hof im Freien. Etwas Gutes haben also auch die schon richtig kalten Oktobernächten in Gyöngyöspata: es bedarf keiner Kühlapparatur. Am Ende entstehen Weine, die mit ihrer klaren, auch mal streng wirkenden Frucht, den bereits genannten, meist sehr klar ausfallenden Säuren und einer steinigen Mineralität bisweilen fast etwas aristokratisches haben. Der 2006er Királyleányka war dafür ein gutes Beispiel und auch der 2010er könnte sich hier mit seiner kühl-exotischen Eleganz einreihen. Die Fassproben vom Zöld Veltelini, dem Grünen Veltliner aus 2010 zeigen einen sehr frischen, unbekümmert und noch etwas ungebändigt wirkenden Sommerwein. Der reinsortige Muscat Ottonel desselben Jahrgangs gefällt mit seiner unaufdringlichen, vor allem (auch) meinem eher Muskateller-abgeneigten Nase-Gaumen-Duo.

Bálint Losonci: Spaziergänge im Nadelwald nach Regenschauern

Einen Namen gemacht hat sich aber auch durch die Wiederbelebung schon verdrängter Klone aus den Anfangszeiten des sozialistischen Weinbaus in Ungarn: Rubintos und Turán. Aber dazu am Ende mehr. (Anmerkung: detaillierte Verkostungsnotizen werden morgen separat veröffentlicht). Denn damit ist man bei den roten Sorten gelandet, dem Schwerpunkt des winzerischen Schaffens von Bálint Losonci. Das stimmt so zwar nicht ganz. Der überaus sympathische Bálint selbst würde mit seinen großen funkelnden Augen vermutlich entschieden widersprechen. Schließlich war ihm mit dem Virágbor aus 2008 ein wirklich außergewöhnlicher Wein gelungen. Der Nachfolger, auch ein reinsortiger Cerszegi Fűszeres, gefällt nochmals deutlich mehr – nur dass dessen in der Nase florales, am Gaumen spannungsgeladenes Ergebnis im Jahr 2010 leider nur 25 Liter ergab und nicht einmal ansatzweise den Markt erreichen wird.

Bálint Losonci

Letztlich liegen die Stärken des Jungwinzers derzeit eher im Umgang mit Kékfrankos (Blaufränkisch) und so Exoten wie Bibor Kadarka und Magyar Frankos. Hier gelingen Bálint Weine, die zusammen mit ihrer frischen, erdig-steinernen Mineralität und zumeist klaren roten Frucht bisweilen an Spaziergänge im Nadelwald nach Regenschauern erinnern, während denen man sich hausgemachten Gelees von Waldfrüchten und Wildkirschen hingibt. Kürzer: die Weine strahlen eine erstaunliche Eleganz und Eigenständigkeit aus.

Dabei ist es gerade einmal knapp neun Jahre her, dass Bálint sich den damals wohl abwegig, wenn nicht gar verrückt erscheinenden Gedanken in den Kopf setzte, selber Wein zu erzeugen. Krank, ans Bett gefesselt und dem Fernseher bedingungslos ausgeliefert, bleibt er bei einer Reportage über ungarische Winzer hängen und beginnt zu träumen. Nicht viel später heuert der Außenhandels-Student in einem ersten Schritt beim renommierten ungarischen Wein-Magazin Borbarát, Weinfreund, an. Einarbeitung ins Thema steht zu diesem Zeitpunkt an. Danach ging alles sehr schnell, so schreibt es das Drehbuch in solchen Fällen stets vor: das Jahr 2004 ergab den ersten Wein, 2008 den endgültigen Umzug mitsamt Familie von Budapest nach Gyöngyöspata. Dazwischen waren die Wochenenden einseitig belegt, häufiges Pendeln angesagt.

„Tőkések“: Reben und Kapital als Mangelware

Was es Bálint anfangs an klassisch angelerntem Wissen über Weinbereitung fehlte, machte er mit dem richtigen Händchen wett. Und gelernt hat er schnell und viel. Dass seine Weine handgemacht sind, ist auch bei ihm wortwörtlich zu verstehen. Die Qualität entsteht im Weinberg, sagt Bálint. Entsprechend oft trifft man ihn dort an.

Was entscheidend hinzukommt: der rege, quasi tägliche fachliche Austausch mit Tamás Szecskő. Die beiden unterstützen sich nicht nur wann immer es möglich und nötig ist, sondern inspirieren einander auch. Offene Kritik ist erwünscht und wird gelebt. Zugegeben, das hört sich verklärt, idealistisch an, nach billigem Fernsehfilm-Drehbuch. Geht aber noch weiter: gemeinsam mit Gábor Karner aus dem benachbarten Ort Szűcsi hat sich mit ein Trio gebildet, das sich auch nach außen hin als Tőkések, gemeinsam vermarktet: ein witziges, selbstironisches Wortspiel, da „tőké“ sowohl für Rebstock, als auch für Kapital steht – und von beidem haben die drei bislang nie genug.

Das Zusammenspiel ist an sich bemerkenswert und selten, erst recht in Ungarn. Es ist aber auch einer der sich mehrenden Nachweise, dass eine junge ungarische Winzerriege neue Wege einschlägt und (welt-)offener und vor allem gemeinschaftlicher denkend ans Werk geht als die Wende-Generation, die sich allzu häufig voneinander abschottete. Dass Bálint auch nach ersten Erfolgen – erst kürzlich wurde er zur „Neuentdeckung des Jahres“ gewählt – nach wie vor noch am Anfang steht, spiegelt sich auch in einem ungezügelten Experimentierdrang. Konkret bedeutet das: über die Jahrgänge hinweg wenig Stabilität im Angebotsportfolio, mal gibt es dies, mal das, und steter Zuwachs an Rebsorten, etwas zu viel des in der Regel stets Guten. Doch: beides macht es für den normalen Kunden nicht gerade einfach.

Mátra: da geht mehr als nur Weißweine

In absehbarer Zukunft kommen, soviel ist sicher, noch Pinot Noir und Riesling dazu. Halt, Beständigkeit gibt einem der wohl schönste Wein Bálints, der Blaufränkisch, selektiert aus der Lage Gereg. Bereits der 2007er war absolut gelungen, doch der 2008er und auch die Fassprobe des 2009ers weisen qualitativ einen klaren Aufwärtstrend auf. Der 2009er wirkt trotz seiner Jugend schon erstaunlich satt und fleischig, der Gereg Kékfrankos 2008 fällt dann breiter und weicher aus, wirkt eleganter. Trotz konzentrierter, leicht süßlicher Frucht wirkt der Wein nicht fett und doch reich, der säureorientierte 2008er Jahrgang stellt zudem ein schönes klares Gerüst in den Hintergrund. Zum Einstieg bietet sich, besser: drängt sich aber auch schon der Úrráteszi Kékfrankos von 2008 auf, der wie ein Nadelwald daherkommt, erdig, auch am Gaumen, daneben leuchtend rote, glasklare Frucht, Mandel im Aus. Sehr gefällig, sehr Mátra, sehr Bálint.

Nach einem gänzlich sortenuntypischen Cabernet Sauvignon (dazu, wie zu allen anderen Weinen dann mehr in den morgigen, ausführlichen Verkostungsnotizen) kommt noch einmal Tamás Szecskő zu Wort: mit der Fassprobe des 2009er Turán (einem etwas schrägen Klon aus dem nahe gelegenen Eger der 1960er Jahre, der gezielt zum Färben entwickelt wurde: Bikavér 8 (Teinturier x Kadarka) und Gárdonyi Géza (Medoc Noir x Csaba Gyöngye)). Danach geht geschmacktechnisch nichts mehr, die Knospen wurden ein letztes Mal und aufs Äußerste herausgefordert. 16,6% Vol. stehen an. Doch: man verträgt sie, denn der Wein trägt sie. Selbstredend nicht spielerisch, doch durch eine unheimlich präsente, dicht gewebte, wie eingedampfte Frucht aus schwarzen Johannisbeeren, Holunder und Waldbeeren. Breit angelegt, mit matt wirkenden Säuren und ebensolchen Gerbstoffen.

Viel geht davon nicht. Aber auf angenehme Weise beginnt man sich ans Außergewöhnliche zu gewöhnen. Das Glück, welches laut Goethe immer da ist, liegt hernach am ehesten in einer ruhigen Bettstatt.

Co-Artikel von Hungarianvoice und BorWerk

Gyöngyöspata – einseitig in den Medien

Gyöngyöspata. In diesen Tagen kann man schlechterdings einfach nur so einen Weinartikel über zwei Winzer aus Gyöngyöspata publizieren, ohne zur politischen Situation vor Ort Stellung zu nehmen. Auch wenn es auf BorWerk im Kern immer um das Thema Wein geht, wäre es doch ignorant und daher falsch, den Geschehnissen nicht wenigstens einige Zeilen zu widmen.

Seit Wochen ist der Ort in den Medien, auch den deutschen. Fast immer wird dabei ein Bild gezeichnet: das eines ungarischen Dorfes, in dem rechtsextreme Gruppierungen unter Duldung und teils gar Unterstützung der ansässigen Bevölkerung Roma massiv einschüchtern. In den Darstellungen sind die Rollen dabei zumeist klar verteilt, die Roma die Opfer, die Rechtsextremen die Täter, der Staat versagt. Und in der Tat: in der konkreten Situation sind die Roma Opfer einer Art von Selbstjustiz. Auch stimmt, dass manche Anwohner Gyöngyöspatas den sich paramilitärisch gebärdenden Neofaschisten freie Kost und Logis boten. Und es trifft leider auch zu, dass es den Rechtsextremen zwischenzeitlich gelungen war, die Staatsgewalt außer Kraft zu setzen. Alles keine Zustände, die man weder gutheißen sollte, will noch kann.

Der Zufall wollte es, dass ich zuletzt ausgerechnet am 15. März, jenem nationalen Feiertag, der an die Revolution von 1848/49 erinnert, Tamás Szecskő und Bálint Losonci in Gyöngyöspata besuchte. Es war nicht der erste Besuch. Wir kennen uns schon länger, die Einladung stand seit Monaten.

Ich traf auf ein Dorf, in dem immer noch Neonazis zu sehen waren, die deutlich erhöhte Polizeipräsenz aber inzwischen bzw. zwischenzeitlich größtenteils für Ordnung und eine trügerisch wirkende Ruhe gesorgt hatte. Ich traf aber vor allem auf zwei ganz normale Menschen, die dort seit Geburt (Tamás) bzw. seit einigen Jahren (Bálint) mit ihren Familien (beide haben Kindern) leben – und eben eigentlich nur ein ganz normales Leben führen wollen.

Bálint Losonci auf dem Titel der „HetiVálasz“ 2011/18

Die ganz normalen Menschen können aber entgegen ihres Willens seit längerem kein ganz normales Leben mehr führen. Das liegt an einigen Roma, die mit ihrer kriminellen Energie und den daraus resultierenden Taten das Dorf und seine Anwohner in einem Zustand des Daueralarms versetzt, der permanenten Angst gelassen haben. Die Politik versagte, seit langem, bis zum heutigen Tag. Ansätze zur Lösung der mannigfaltigen Probleme wurden nie konsequent angedacht oder verfolgt. Die Exekutive, die Polizei, war entweder überfordert oder ließ die Bevölkerung im Stich.

Über all das, findet man in den Medien kaum, nein eigentlich kein Wort. Diese Opferrolle wird ausgeblendet, ausgespart, aus welchem Grund auch immer. Bei meinem Besuch am 15. März war auch das ein Thema. Inzwischen hat Bálint Losonci jenen ganz normalen Menschen von Gyöngyöspata seine Stimme verliehen, in einem Interview mit der Wochenzeitschrift „Heti Válasz“.

Übersetzt und kommentiert wurde das Interview von Hungarianvoice, einem Blog, der es sich zur Aufgabe gemacht hat die deutsche Presse kritisch zu hinterfragen und zu kommentieren, durch eigene Berichte über Geschehnisse in Ungarn den informationsfluss anzureichern.

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