Götterdämmerung? Sonnenaufgang hinter dem Hausberg von Villány, dem Szársomlyó

Wenn der Bock sich selber einen schießt – und der Gaumen beim Nachbarn dann doch noch seinen Frieden findet. Über einen teils recht heftigen Benchmarking-Test in Ungarns Rotwein-Hochburg Villány.

Groß? Was ist groß im Qualitätsweinbau? Eine Produktion von über 600.000 Flaschen jährlich ist nicht nur in Ungarn eine Ansage. Und für das kleine Weinland in jedem Fall das obere Ende der Fahnenstange. „Groß“ soll hier aber gleichzeitig für herausragende Qualität stehen. Für wahrhaft große Weine also. Und es mag verwundern: vom selben Produzenten gibt es Weine ab 5 Euro. Aufwärts, bis hin zu satten 70 Euro. Wir sind immer noch in Ungarn und reden nicht von Aszús aus der prominenten Region Tokaj. Zumindest der Preis suggeriert also: man hat es hier mit etwas Besserem zu tun. Hier, beim Weingut Bock in Villany.

Der „Magnifico“ 2006, eben jener 70 Euro-Pfünder, erweist sich dann aber als im Grunde rezeptpflichtig: tiefdunkel im Glas, mit überreifer, folglich säurearmer und zu Tode geteerter schwarzer, medizinischer Frucht und einem Tanninbombardement, das einem alles zusammenzieht. Sechzehnkommafünf Prozent Alkohol. Reinsortig Merlot. Die preislich nahe liegenden Cuvées Libra und Capella folgen – verkürzt gesagt –  dieser Richtung. Unerträglich. Untrinkbar. Kriegserklärung für den Gaumen, nur auf ärztliche Anweisung einzunehmen. Wem gefällt das? Wer bezahlt das? Was soll das?

Organisches Wachstum: vom Vorreiter zum Großbetrieb

 

Infrastruktur: ja! Teerige Weine: nein!

Hier ist von einem Bock die Rede. Keinem, der geschossen wurde. Sondern von József Bock – einem, nein „dem“ bekanntesten Rotweinerzeuger Ungarns. Auch wer in Ungarn nichts bis wenig mit Wein am Hut hat, kennt seinen Namen. Er war einer der ersten, der nach der Wende in Villány die Zeichen der Zeit erkannte und in ebenso konstantem wie rasantem Tempo eine inzwischen beachtliche Familiendynastie aufbaute. Während viele andere noch Jahre brauchten, um zu realisieren, dass ein „Weiter so!“ in den alten Strukturen nicht mehr angesagt war, nutzte Bock die Gunst der Stunde und investierte. Das macht er heute noch, ein nimmermüder Hansdampf.

Und so wandelt man mit ihm durch ein Kellersystem, in dem sich aberhunderte von Barriquefässern stapeln. Eine Welt für sich, mitten im beschaulichen Ort Villány, die man von außen nicht ansatzweise vermuten würde.

Respekt verdient er dafür, keine Frage. Bock hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass Villány – und damit Ungarn – über die Landesgrenzen hinweg überhaupt wahrgenommen wurde. Dort, wo es – selten genug – ungarische Weine gibt, ist Bock nicht weit. Und auch heute noch entsteht kein Artikel über Villány, ohne dass Bock, oder die andere lokale Größe, Attila Gere, besucht werden. Ein Muss? Nein, nicht mehr. Allenfalls zum Benchmarking.

Das Hauptproblem ist: Bock scheint über die Jahre dem Ansatz „mehr ist mehr“ gefolgt zu sein. Das Ergebnis: am unteren Ende findet man nichtssagende Weine, am oberen Ende untrinkbare. Unten scheint alles in die Flasche zu kommen, was nicht rechtzeitig von den Staren vernascht wurde. Oben vertritt er einen Stil, der eher an äußerst schwergängige Weine aus Übersee, als an gemäßigtes Kontinentaleuropa erinnert. Lokalkolorit? Fehlanzeige.

Dazwischen spielt sich dann vielleicht der noch interessanteste Teil ab. Hier bekommt man gute Qualität und auch schöne Weine, etwa die 2006er Royal Cuvée und manche sortenreine Selektionen. Das Sortiment ist groß, umfasst knapp 20 Weine. Die 600.000 wollen verkauft sein. Gut, dass wer es sich einfach machen will, nach wie vor zu Bock greift. Wirklich danebenliegen kann man im unteren Bereich nicht und als Gastgeschenk funktioniert ein Bock in Ungarn immer. Der Name trägt, erträgt es. Womit aber nach wie vor offen bleibt, wer bereit ist, das extrem teure obere Ende des Segments einzukaufen. Und wofür? Der Budapester Geldadel, Etikettentrinker, schräge Fanatiker. Und Bocks Nachwuchs? Auch das neue „Bock n’Roll“-Einstiegs-Cuvée vom Sohn Valér Bock zeigt nicht wirklich eine neue, inspirierende Richtung. Bis auf weiteres bleibt Bock „on track“. Am falschen Gleis.

Malatinszky: verhohlene Tradition, moderne Weine

 

Größe? Wie definiert sich Größe? Gemeint ist nun selbstredend nicht Quantität, sondern Qualität. Definiert sie sich in hohen Punktewertungen? Über Medaillen und Auszeichnungen? Über hohe Flaschenpreise? Über Weinbautradition? Oder gar über die adlige Herkunft des Machers? Und auch wenn viele und insbesondere die letzten beiden Kriterien auf Csaba Malatinszky zutreffen, am Ende sind es doch die Weine selbst, die für ihn sprechen.

Dass in seinen Adern blaues Blut pulsiert und seine Familie bereits seit dem 14. Jahrhundert am Balaton Weine erzeugt, leitet uns aber in eine unnötig falsche, gänzlich verklärende Richtung. Bei Csaba Malatinszky trifft man auf einen selbstbewussten, eloquenten Vertreter einer neuen Generation ungarischer Erzeuger, die quasi mit eingebautem Echtheitszertifikat ins Hier und Jetzt passt.

Der Ansatz: im Weinberg mit Hilfe der Wassmanns neuerdings kontrolliert ökologisch arbeiten, um das Terroir möglichst deutlich zum Vorschein zu bringen. Im Keller noch in Teilen spontane Vergärung, vorsichtige Pressvorgänge und auch danach – wie etwa beim Abstich – ein äußerst behutsamer Umgang mit dem flüssigen Gut, das später ein paar der besten Weine Ungarns geben soll.

Csaba Malatinszky

Das Gros der Weine findet auf Csaba Malatinszky Gut seinen Platz in klassischen Barriques. Wenn Holz, dann ausschließlich heimische Eiche und ein bedachter Einsatz ohne dominante Töne und harten Tannine.

Malatinszkys Werdegang? Wie so oft ein Einstieg über Umwege. Er arbeitete bis Anfang der 1990er als Sommelier im berühmten Restaurant Gundel in Budapest. Damals, lange her, noch die erste Adresse für feine Küche. Nach dieser Zeit verschlug es ihn in das Bordelais, er ging nach Frankreich, um praktische Erfahrung in der Weinbereitung zu sammeln. Seine Stationen: Chateau Pichon-Longueville, Chateau Lynch-Bages und Chateau Cos D‘ Estournel. Es folgte ein Intermezzo als Weinhändler, dann der Schwenk zum Weinbau, nach Villány, in dieselbe Straße wie Bock. Nachbarn, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Seine ersten Weine erzeugte Csaba Malatinszky noch nicht alleine. Unfreiwillig – und auf frappierende Weise in sich konsistent – sammelte er auch hier Erfahrungen. Was er bei der Zusammenarbeit mit Bock, Csányi und Jekl in wenigen Jahren sah, entsprach schlichtweg nicht seinen Vorstellungen. Das Terroir Villány fand in den Weinen der lokalen Größen entweder gar nicht oder viel zu wenig statt. Da musste – seiner Meinung nach – schlichtweg mehr drin sein. Die Schlussfolgerung: alles alleine und vieles anders machen. Das hat seinen Freundeskreis nicht unbedingt vergrößert.

Villány kann Großes – wenn man es lassen will

 

Letztlich dürfte es ihm egal sein. Seine Weine sprechen in der Tat eine andere Sprache, als die seiner Lehrmeister; sie bilden das ab, was ihre Reben an die Trauben weitergegeben haben: das Terroir der schweren Lössböden Villánys. Die Cabernet Francs der ungefiltert in der Flasche gefüllten Premium-Linie „Kúria“ sind wirklich groß. Und selbstredend fähig, Vergleiche mit anderen fantastischen Weinen der Welt aufzunehmen. Hier löst Malatinszky sein selbstauferlegtes Versprechen ein, dass Villány kann, wenn man es können lassen will. Der Cabernet Franc 2008, noch nicht auf dem Markt, zeigt eine warme, enorm konzentrierte, gekochte Frucht, zeigt Nougat und Kaffee, bringt sanften aber umso nachhaltigeren Druck. Und angespannte Tannine. Lagern!

Der derzeit erhältliche 2007er Cabernet Franc Kúria ist schon ein Stück offener, mit freundlicher, leicht süßlicher Schwarzkirschen-Brombeer-Frucht und fast demütigender Power bei ausgeprägten aber nicht zu aufdringlichen Tanninen. Zeit geben ist aber auch hier angesagt.

Apropos Zeit und Potential: das zeigt sich bei Csaba Malatinszky  – wie es eigentlich sein sollte – auch schon im Einstiegsbereich. Doch ähnelt der 2007er „Tenkes“ – ein sehr runder Blend aus Cabernet Sauvignon und Merlot – mit seiner klaren und eleganten Frucht stilistisch eher einem Burgunder ähnlich, als einem Bordeaux, wie die Cuvée vermuten ließe.

Bereits darunter macht der „Illatos“, der „Duftende“ dem Gaumen mit seiner unverkrampften und zugänglichen Art Freude. Ein schöner Alltagswein. Stilistisch absurderweise in Richtung Bordelais: der spannende Mix aus Pinot und (vor allem) Blaufränkisch im 2007er „Pinot Bleu“. Weiß und schön, wenngleich ein wenig international getrimmt: der „Serena 2009“ mit unverhohlen lockendem Muscat Ottonel.

Am Ende zurück zum Anfang: auch von Malatinszky gibt es Weine ab 5 Euro. Bis hin zu 75 Euro (für das extrem dichte Bordeaux-Cuvée „Kövesföld“). Wir sind immer noch in Villány. Und jetzt ist es auch richtig, ist es auch gut so.

Bezugsquellen:

Einige Weine des in drei Stufen (Le Sommelier, Noblesse, Kúria) unterteilten Sortiments von Malatinszky bei Unikornis

Die Weine von Bock unter anderem bei:

Tokajshop.de
Unikornis
Weinkomplott

 

Dieser Artikel ist auch auf CaptainCork erschienen.

Teil einer Artikelserie zu Villány-Siklos. Der Einstieg zur Serie “” findet sich hier.
Und Teil I über den Jungwinzer Ákos Ruppert findet sich hier.
Und Teil II über Gábor Kiss ist hier verfügbar.
Teil III über Wassmann und Heumann gibt es hier.

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