Über Ökoweine und Punkteweine. Deutsche in Ungarn und Schweizer in Ungarn. Winzer mit Migrationshintergrund also. Alles im ungarischen Villány – und doch so verschieden.

Psst! Etwas Ruhe, bitte! Das hier sind leise Weine. Nur, es fehlt ein Manual, eine Verpackungsbeilage mit entsprechendem Warnhinweis. Denn so bekommt man, was man nicht erwartet. Etwas anderes jedenfalls, als die gängigen Schreihälse. Jene alkoholreichen, aufkonzentrierten, neubarriquegequälten Gestalten, die sich in und um Villány, der südlichsten und bekanntesten Rotweinregion Ungarns nach wie vor gerne tummeln. Doch hier ist alles anders. Das 2007er Mundia Cuvée aus Merlot und Blaufränkisch etwa, droht einen mit seiner unverschämt sanften roten Beerenfrucht fast einzulullen. Dennoch: kein Wein für Träumer. Der Blaufränkisch holt einen mit straffen Säuren und leicht würziger Mineralität zurück auf den Boden. Denn wo er herkommt, besteht dieser vorwiegend aus Löss.

Bio? Bio! Allen voran – ganz ungewollt

Wassmann steht drauf, Bio ist drin. Zertifiziertes Bio. In Ungarn!? Natürlich? Natürlich! Ausgerechnet ein deutsches Ehepaar ist in Ungarns südlichster Weinregion zum Vorreiter in Sachen ökologischem Weinbau geworden. Doch die Rolle fiel Susann Hanauer und Ralf Wassmann ungewollt in den Schoß. Sie waren halt die ersten. So einfach ist es. Und für die beiden kam von Beginn an schlichtweg nichts anderes in Frage. Ihren Einstieg vor 13 Jahren leichter gemacht hat diese Entscheidung gewiss nicht. So mussten sie bis vor kurzem viele Pflanzenschutzmittel mühsam aus Deutschland importieren. Vom Unverständnis der Einheimischen für ihren Ansatz ganz zu schweigen.

Das hat sich gewandelt. Und nicht nur das: aus dem einstmals von manchem alteingesessenen Erzeuger bestenfalls wohlwollend belächelten deutschen Öko-Winzerpaar ist ein Beraterteam zur Umstellung konventioneller Weingüter geworden. Öko liegt nun voll im Trend. Sogar Großbetriebe wie József Bock und Attila Gere sind auf den angefahrenen Zug gesprungen. Schließlich muss man mit der Zeit gehen…

Nur „ab Hof“: alles im Direktvertrieb

Die Ausstattung im Keller beschränkt sich auf das Wesentliche. Erst seit kurzem kommt eine gebraucht erstandene elektrische Presse zum Einsatz. Davor war Handarbeit angesagt. Die Maischegärung findet ganz klassisch, offen in Holzbottichen statt. Physisch geht das freilich nur, weil die Wassmanns im Schnitt gerade einmal 6.000 Flaschen produzieren. Alles wird im Direktvertrieb nach Deutschland verkauft. Für den normalen Handel sind die Mengen zu klein.

Einen Teil ihrer Weine fertigen sie aus zugekauften Trauben von anderen Biowein-Erzeugern. Daher verweist der Kékfrankos (Blaufränkisch bzw. Lemberger) auf die Rotweinregion Szekszárd, der Cabernet Sauvignon auf das nahe gelegene Pécs. Und das merkt man den Weinen auch an. Wer konsequent auf Terroir setzt bekommt die unfreiwillige Abkehr vom Villányer Terroir zu spüren. Die Weine sind schlichtweg anders. Der 2009er Kékfrankos wirkt etwas kraftlos und uninspiriert. Der Cabernet Sauvignon hingegen überzeugt durch eine sehr direkte Ansprache, wirkt mit deutlichen Säuren und Gerbstoffen recht kantig, maskulin, mit schöner dunkelroter Frucht.

In Linie reiht sich dann wieder der 2007er Olaszrizling ein, zu Deutsch Welschriesling, der die Nase an zarte gelbe Früchte und Hefegebäck erinnert, sich am Gaumen subtil zeigt, wenn auch nicht allzu tiefgründig. Mit zarten Säuren und einer satt-reifen, gelben, leicht grünlichen Birnenfrucht. Überzeugend und fast am lautesten das Cuvée Charlotte aus vollreifem Chardonnay und Olaszrizling. Honig und Botrytis, Quittengelée, zerlassener, erkalteter Speck. Auch am Gaumen fast speckig, zart schmelzend, dabei feingliedrig, warm, füllig, verhaltene Backäpfel, Butter. Der Nachfolgejahrgang kommt hingegen etwas zu flach und säurearm daher. Die Natur wollte es wohl nicht anders. OK, etwas mehr Kontinuität wäre für die Kundschaft dennoch wünschenswert. Und würde es den Wassmanns auch leichter machen. Leise Weine mit zugeschaltetem Verstärker, so in etwa.

Feintuning für besseren Punkte-Sound

Drei wortwörtlich zu nehmende Schritte weiter. Immer noch Villány, genauer Siklós, im Westen des Weingebietes. Und doch wie in einer anderen Welt. Klar, es geht immer noch um Weine. Teils auch um dieselben Rebsorten. Aber doch um ganz andere. Hier, in direkter Weinbergnachbarschaft findet man die Heumanns. So konsequent, wie die Wassmanns Ökoweine, machen die Heumanns Punkteweine. Da ist der Verstärker schon zwangsläufig eingebaut. Vom anfänglichen Hobbywinzertum hat man sich längst losgelöst. Die großen Linien stehen, Feintuning ist angesagt.

Die Heumanns, das sind Evelyne und Erhard, ein Schweizer-Deutsches Ehepaar. Die eigenen Weine sind die für sie logische Verlängerung ihres gelebten Weinenthusiasmus. Dass er nach wie vor in einem Angestelltenverhältnis sein Zubrot verdienen muss, ist lediglich nüchternem Überlebenswillen verschuldet. Vom Wein allein können die beiden noch nicht leben. Während Evelyne vor Ort im kleinen elterlichen Haus mitten in den Weinbergen die Stellung hält, ist Erhard nach wie vor zum Pendeln zwischen den Ländern gezwungen.

Pragmatisch, praktisch, gut

Weinenthusiasten? Der Weg zum eigenen Wein, ihr Zugang, ist ein umso technischer, nüchterner. Das zeigt sich am deutlichsten am Weingut selbst, einem reinen Zweckgebäude in einem kleinen Industriegebiet am Rande von Siklós. Ohne jeglichen Schnickschnack findet sich alles vor Ort, was für die Bearbeitung, Reifung und Lagerung der Weine notwendig ist. Form follows function.

Punkteweine? Meint hier: bewusste, deutlich wahrnehmbare internationale Stilistik, Rebsorten, Konzentration, Barrique. Die Weine sind schon jung erstaunlich zugänglich. Und dennoch langlebig. Lust auf mehr garantiert eine zumeist deutlich herausgearbeitete, fleischige Frucht. Das Holz ist zwar präsent, aber nicht dominant – für Parker wäre es zu wenig. All das ist nicht weiter schlimm, bringt nur eben eine gewisse Beliebigkeit mit sich.

So etwa der erste Jahrgang des Cuvées „Borosso“, ein 2008er, mehrheitlich aus Cabernet Franc, dem Bruder Sauvignon, Merlot, und etwas Blaufränkisch. Selbstredend jung und vor allem anfänglich noch etwas schüchtern. Doch die reife schwarze Frucht macht schon jetzt Spaß, nicht opulent und doch dicht, geschmeidig, das Holz ragt etwas heraus, noch. Und die 14,5% Vol. sind gut verpackt. Ein schöner Wein, mit vermutlich viel Potential. So international ausgerichtet, dass er nicht unbedingt aus Villány kommen muss. Das ist kein Gebot, aber ein wenig schade.

Gewiss hilft der Ansatz in der Vermarktung, die für ungarische Weine im Ausland nach wie vor schwergängig ist. Überzeugungsarbeit muss geleistet werden, wesentlich mehr als für Franzosen, Italiener oder Spanier. Und da ist internationale Stilistik eine Option. Man setzt mehr denn je auf Cabernet Franc, für den die Rahmenbedingungen in Villány mit warmen bis heißen Sommern und schweren Lössböden besonders gut sind. Neben einigen reinsortigen Weinen sind es aber vor allem Cuvées, die punkten sollen – und wollen. Allen voran der Terra Tartaro, ein klassischer Bordeaux-Verschnitt und angenehm anders, weil wesentlich zugänglicher als etwa die deutlich teureren Kontrahenten der alteingesessenen Größen Bock oder Gere.

Ungarische im Keller, konventionelle im Weinberg

In Trust we trust…

Erhard Heumann beweist vor allem viel Feingefühl beim Assemblieren, dem Erstellen der Cuvées. Der Weg dorthin ist ein direkter, kurzer. Die Heumanns verwenden allenfalls Reinzuchthefen bei der Weinbereitung. Tricksereien wie etwa der Einsatz von Enzymen kommen für sie nicht in Frage. Das Feintuning besteht in der Wahl und dem Umgang mit den Barriquefässern. Zum Einsatz kommt ungarische Eiche von Trust, 225l und 500l. Derzeit testen sie auch amerikanische und französische Eiche. Neues Holz soll künftig noch behutsamer zum Einsatz kommen, Weißweine nur noch reduktiv ausgebaut werden. Allzu hohe Alkoholgehalte wie teils 2007 soweit irgend möglich vermieden werden.

Im gepachteten Weinberg geht es konventionell zu. Bio trauen sie nicht, was beim internationalen Ansatz auch nur von untergeordneter Rolle ist. Zudem sind die Heumanns, wie teils auch die Wassmanns, Opfer eines Gesetzes, das Privatpersonen und GmbHs mit ausländischen Besitzern seit einiger Zeit den Landkauf in Ungarn untersagt. Erst kürzlich wurde das entsprechende Moratorium nochmals um drei Jahre verlängert. Daher pachten sie vier Hektar. Die andere Hälfte Ausgangsmaterial der durchschnittlich 25-30.000 produzierten Flaschen muss zugekauft werden. Vorausgesetzt, die Qualität stimmt. „Moment!“, hört man die Vertreter der „Qualität entsteht im Weinberg“-Fraktion aufbegehren. Und zweifelsohne schmälert das, wenn auch unfreiwillig, die Eigenleistung. Gerade in schwierigen Jahrgängen wie dem 2010er hat man es in dieser Rolle einfacher. Mengeneinbußen lassen sich jedenfalls leichter kompensieren.

Dennoch: einige Kompromisse muss man zwangsläufig eingehen. Echte Selbstbestimmung, die etwa eine Neupflanzung mit anderen Pflanzenklonen ermöglichen würde, gibt es nicht. Noch nicht. Etwas anderes als sich in Geduld üben bleibt den Heumanns nicht. Ach ja, und bis dahin noch drei Jahrgänge erzeugen. Weine mit serienmäßig eingebautem Verstärker, oder so.

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Dieser Artikel ist auch auf CaptainCork erschienen.

Teil einer Artikelserie zu Villány-Siklos. Der Einstieg zur Serie „“ findet sich hier.
Und Teil I über den Jungwinzer Ákos Ruppert findet sich hier.
Und Teil II über Gábor Kiss ist hier verfügbar.

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Bezugsquellen:

Wassmann
Die fein strukturierten, leisen Weine der Weinmanufaktur Wassmann über den Direktvertrieb bei: http://www.weingut-wassmann.de

Olaszrizling 2007 für 7,50 EUR
Cuvée Charlotte 2007 für 8,50 EUR
Mundia Cuvée 2007 für 12,00 EUR

Heumann

Chardonnay 2009
Im Unterschied zum Vorgänger erstaunlich leicht, mit fast unaufdringlicher, mit Kräuternoten und kühler tropischer Frucht. Um die 6 EUR, derzeit nur vom Winzer: www.heumannwines.com

u&i Pannon Kékfrankos 2008
Gemeinschaftsprojekt der Heumanns mit dem Weingut Heimann aus der Region Szekszárd, zu dem jeder von seinem Blaufränkisch beigetragen hat. Grafit und kühle, rote Frucht. Schlank zugeschnitten mit kompakter, geradliniger Frucht aus schwarzen Johannisbeeren und Holunder, mit feinen Säuren, kompakter, gegen Ende frisches Holz, adstringierend, Mandeln. Für 13,90 EUR bei Weinkomplott.

Borosso 2008 für 21,90 EUR bei http://www.vinocentral.de und in der Schweiz bei www.selection-schwander.ch für 21 CHF

Aus dem teils mit sehr hohen Alkoholgehalten (bis zu 15% Vol.) ausgestatteten 2007er Jahrgang gibt es noch einige Weine, u.a. den Terra Tartaro zum „Ramschpreis“ von 15,90 EUR, bei http://www.weinkomplott.de

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