Der Beginn einer Arikelserie. Über Villány, dem ungarischen Rotweinland!? Aber: ohne das übliche Gesäusel von mediterranem Klima, abgelutschte Klischees von feurigen Rotweinen, von Donauschwabentum und einem „Bordeaux des Ostens“. Dafür: über die große Chance, selbstverschuldete Fehlwege zu korrigieren. Über Erzeuger, die eigenständige Weine machen. Über ein Villány, das erst ganz allmählich wahrgenommen wird, dafür umso mehr Nachhaltigkeit verspricht. Ohne einen längeren Exkurs geht das nicht. Sajnálom, tut mir leid.

Am Anfang war Villány. Wenn über Ungarn als Weinland geschrieben wurde, dann über Villány. Ok, Tokaj auch. Aber von dort kamen lange nur diese Aszús – zwar voller Tradition aber eben leider auch allzu häufig haltloser, erdrückender Süße. Nicht nur thematisch und stilistisch war Villány da grundsätzlich leichter verkaufbar, breitentauglicher. Schließlich sind da ja auch die donauschwäbischen Wurzeln, auf die man deutschen Lesern gegenüber verweisen konnte. Aber natürlich vor allem die Weine.

Bei den Roten zeigten sich die vielfach nach wie vor deutschstämmigen Erzeuger unter Ausnutzung der guten klimatischen Rahmenbedingungen und gestützt auf das Fundament schwerer Lössböden schnell als Vorreiter. Villány, korrekt Villány-Siklós legte den besten Start hin. So war man in den 1990ern an der innerungarischen Rotweinfront der Konkurrenz aus Sopron, Szekszárd und Eger stets einige Schritte voraus. Man produzierte körperreiche, männliche Weine aus internationalen Sorten mit, ja einem gewissen internationalem Touch – was teils tatsächlich auch einigen wenigen internationalen Kunden gefiel.

Dass Beliebigkeit und Austauschbarkeit dabei einander die Klinke in die Hand gaben, darauf kam man erst mit etwas Zeitverzögerung. Als retardierendes Element erwies sich der heimische Markt. Der ungarische Käufer, männlicher Natur, nicht Statur(!), sah im typischen Villányer Kraftpaket das in Rebsaft gegossene Spiegelbild seines eigenen Ideals. Und was jenseits der Grenzen getrieben wurde, im Ausland, fand bei ungarischen Weinkonsumenten und auch echten -freunden schlichtweg nicht statt. Auch fehlte es an einer Weintrinkkultur. Woher sollte diese nach Jahrzehnten der sozialistischen Massenweinproduktion und -konsumation auch kommen?

Weltabgewandt, patriotisch trinkend und damit ein Stück weit selbstverschuldet und selbstgefällig lebte es sich so ganz gut. Auch und vor allem, wenn man zu den ersten und binnen kürzer Zeit groß gewordenen Erzeugern gehörte. József Bock, Attila Gere, Ede und Zsolt Tiffán und Zoltán Polgár sind vorneweg zu nennen und lassen sich gerne noch um einige Namen erweitern. So war es bis in die Anfänge der 2000er. Doch dann lag Villány nicht mehr so im Trend, auch in Ungarn. Man schaute zunehmend über den Tellerrand, in andere Regionen und Länder, war zudem qualitätsbewusster und mündiger geworden. Kurz: je mehr Weintrinken zu einem mit westlichen Standards vergleichbaren Kulturgut wurde, desto mehr schwand das Interesse an gesichtslosen Önologenweinen, die mehrheitlich überteuert auf einen zunehmend engeren Markt trafen.

Heute ist dem nicht mehr so. Zumindest nicht mehr ganz. Eine Wende zum Positiven hat sich über die letzten Jahre angedeutet und verstetigt sich langsam aber sicher. Es ist eine Mischung aus der altbekannten, etwas abgenutzten Formel von der Rückbesinnung auf das Alte. Und, ja, man muss es so direkt sagen, einer vermeintlich entwickelteren, weil diffizileren, den Erzeuger fordernderen (Selbst)-interpretation des Weinmachens, die Teil des neuen Villány geworden ist.

Das neue Villány ist da. Vorerst nur in leicht überschaubaren Ansätzen. Hier und jetzt mal mehr, mal weniger sichtbar. Und, ein Glück, es wird als solches auch wahrgenommen. Mit Einschränkungen. Nicht von der breiten Masse. Die wandelt mehrheitlich immer noch auf alten Pfaden. Doch es verstetigen sich die Zeichen, dass Villány in der Tat das Zeug hat, wirklich eigenständige Rotweine zu erzeugen. Weine, die markant sind, und zwar nicht aufgrund ihrer Alkohole und Tannine. Weine, die ohne das übliche Palaver vom mediterranen Klima, ohne die mehr als hinkenden Vergleichen zur Toskana auskommen und alles was sonst s über die Jahre bemüht und strapaziert wurde.

Es ist die Suche nach einer eigenen Identität, die eingesetzt hat. Die Suchenden gehören einer anderen, neuen Generation von Weinmachern an. Es ist keine homogene Truppe. Sie suchen bewusst, oder unbewusst. Mit unterschiedlichen Intentionen, unterschiedlichen Ansätze, unterschiedlichen Ergebnisse. Und das ist gut so.

Ende des vielleicht etwas zähen, weil lang geratenen Exkurses. Der aber notwendig erscheint, als Einstieg in eine kleine Serie von Artikeln. Einer kleinen Reihe, die das neue Villány konkreter machen soll, greifbarer. In der es zwingend um die Rückbesinnung auf das Alte geht. Und um jene forderndere (Selbst)-interpretation des Weinmachens. Und auch um die Frage, was Ungarn da draußen in der großen weiten Weinwelt ein Stück weiter bringen kann.

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Dieser Artikel ist auch auf CaptainCork erschienen und die Einleitung zu einer Serie von Beiträgen über Villány-Siklós.

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