Weinliebhaber der Welt: schaut auf dieses Tokaj! Denn was einige kleine Erzeuger inzwischen anstellen, ist ganz große Show und hat nichts mehr mit zuckerscheren Aszús zu tun. Eine Annäherung, die getrost auch als Balztanz verstanden werden kann.

„Wenn die Gänse von Onkelchen Pali die Straße blockieren, seid Ihr zu weit gefahren.“ Fehlen nur noch Storchennester und Pferdekarren in Judit Bodós Wegbeschreibung und das Klischeebild wäre komplett. Störche gibt es in der Tat, in Bodrogkisfalud wie in allen anderen Dörfern der Umgebung, Tokaj inklusive. Die ärmlichen Holzkarren mit ihren zotteligen Gäulen hingegen sind eine Seltenheit geworden. Und dennoch: dass vieles einen ländlich-provinziellen Charme mit Ostblock-Touch beibehalten hat, stört nicht weiter. Ohnehin verirren sich nur wenige Touristen in Ungarns bekannteste Weinbauregion, von ausländischen ganz zu schweigen.

Ja, so herrlich klischeehaft geht es zu in der Region um Tokaj – auch. Denn hinter der unscheinbaren Fassade des einen oder anderen Hauses vollzieht sich ein nach außen nicht sogleich wahrnehmbarer Paradigmenwechsel. Der ist massiv und nachhaltig und handelt natürlich vom Wein. Aber eben nein, Du mein gängiges Klischee seiest spätestens jetzt enttäuscht zurückgewiesen, nicht um Aszú. Zumindest nicht vordergründig, aber dazu später mehr.

Es geht vielmehr um trocken ausgebaute Weißweine, aber auch Spätlesen. Und darum, dass der Paradigmenwechsel sich nicht entlang der großen Güter wie Oremus, Disznókő oder Hétszőlő vollzieht. Er geht von kleinen Erzeugern aus, die hier den Takt vorgeben und Maßstäbe setzen. Es geht um ein neues Tokaj, mit einer ganz eigenen Stilistik und Aktivierung des ausgezeichneten Terroirs. Und damit geht es im Kern schon heute um bisweilen schlichtweg erschreckend schöne Weine, die nur so viel mit den gängigen Klischees gemein haben, dass die auch aus Tokaj kommen.

EPISODE I: ATTILA HOMONNA

Attila Homonna steht beispielhaft für eines jener kleinen Wunder, die sich in den vergangenen Jahren abgespielt haben. Wer ihn zum ersten Mal im abgelegenen Dorf Erdőbénye besucht käme nicht ansatzweise auf die Idee, dass hier einer der jetzt schon angesehensten Winzer Tokaj’s sein Werk verrichtet. Ein einfaches gelbes Wohnhaus, ein mindestens so gelber Jeep davor und selbst seinen winzigen Keller würde man nicht dort vermuten, wo er sich tatsächlich befindet. Attilas Erfolgsformel ist die eines Quereinsteigers, des gelebten Eigenbrötlers, aber vor allem der Konzentration auf das Wesentliche.

Da er gerade einmal 2,9 Hektar bewirtschaftet, kann er jene Oneman-Selfmade-Show wirklich durchziehen, die auf den ehemaligen Verleger eines Stadtmagazins perfekt zugeschnitten ist. Aufwendig reanimierte der Mittdreißiger eine alte Parzelle mit bis zu 100 Jahre alten, einzeln erzogenen Rebstöcken. Die Weine presst er über zehrende Stunden hinweg so behutsam wie möglich mit einer alten Presse von Hand. Er lässt sie spontan vergären und in ein paar wenigen Holzfässern reifen.

Blick aus der Lage Határi

Attilas Interpretation eines trockenen Furmint aus der Lage Határi (Grenze, weil zwischen zwei Ortschaften eben das markierend) wirkt mit ihrer überreifen grünen Apfelfrucht anfangs bisweilen verstörend heftig auf Nase und Gaumen. Wer die kurze Aufwallung des Pubertierenden duldend erträgt, wird gleich danach mit einer gewinnenden, tiefgründig-saftigen Art konfrontiert, die ausgesprochen Resolut mehr Aufmerksamkeit verlangt. Die straffen Säuren und tiefgründige Mineralität des vulkanischen Bodens der Lage erschließt sich mit etwas mehr Zeitverzögerung, doch dann liegen Komplexität und Potential offen. Der selbstbewusste Attila geht von 20 bis 30 Jahren aus. Wie lange sich trockene ausgebaute Furmint dieser Kategorie letztlich halten, wird die Zukunft zeigen. Längere Erfahrungen mit trocken ausgebauten Weißweinen aus Tokaj gibt es schließlich noch nicht.

Mit dem 2005er Jahrgang dieses Weines gelang Attila der Durchbruch als vermeintlich bester trockener Furmint des Landes, im dritten Jahr seines Winzerdaseins. So schnell dreht die Zeit im scheinbar verschlafenen Ostungarn. Seither sind seine Weine gefragt, die Produktion ist dennoch klein geblieben. Mit einem Furmint-Hárslevelű, Lindenblättriger, gibt es einen weiteren trockenen Wein, deutlich zugänglicher, der 2007er ist ein Trip in tropisch Gefilde, der trotz schöner Säuren leider etwas zu kurz ausfällt. Der „süße Dreier“, Édes Hármas, aus denselben Rebsorten plus etwas Muskateller ist schließlich seine Darstellung eines Tokajer Süßweins moderner Prägung mit den Charaktereigenschaften einer Spät- ja Auslese. Der 2007er ist wirklich außergewöhnlich, das beginnt schon in der Nase: er erinnert an Ofenkürbis, Birnenkompott, hat auch etwas Salzig-Mineralisches. Am Gaumen dicht, geschmeidig, mit klar umrissenem Säurekern und einem warmen, robust-männlich wirkendem Aromenspektrum aus Backpflaumen, gerösteten Erdnüssen und deutlicher Salzigkeit. Mehr bedarf es nicht, meint Attila grinsend. Und recht hat er, auch wenn man sich insgeheim mehr Weine von ihm erhofft.

Dieser Artikel ist auch auf CaptainCork erschienen. In den folgenden Wochen wird die Serie zu Tokaj fortgesetzt…

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