Fortsetzung des von mir übersetzen und gekürzten Interviews mit István Szepsy im Infórádió vom 10. September 2010. Zum Teil 1 geht es hier.

Daher kann es zu Überraschungen kommen, nehme ich an.

Selbstverständlich. Beispielsweise der Art, dass nur Namen genannt werden – ich rede jetzt nur von der nahen Umgebung meines Wohnortes Mád – da das eh zu viel wäre, zu breit, zu weit, nicht spezifisch genug. Bei Mád zeigt sich dieses Jahr beispielsweise wieder der obere Teil der Lage Becsek in ausgezeichneter Form, von der Lage Király sind die besten Teile auch auf einem guten Weg, die Lage Nyulászó ist sehr sehr schön, ich habe die Trauben dort noch nie in so gutem Zustand gesehen. Dann ein kleiner Teil von Szt. Tamás und der obere Bereich von Úrágya.

Will sagen, es gibt Teile von Lagen, wo die Trauben auch jetzt in sehr sehr gutem Zustand sind. Dort war entscheidend, dass es zwar viel Niederschläge gab, der zeolithhaltige Boden jedoch durchlässig ist und einen Großteil der Nässe durchließ, nur so viel speichert wie die Mineraldinger aufnehmen können, und der Rest sickerte acht bis zwölf Meter nach unten, wo das Wasser in kleinen Quellen im Tal austritt. In diesen Bereichen blieb das Wasser also nicht stehen, der Druck in den Pflanzenzellen ist nicht gestiegen und die Pilze hatten auch keine guten Bedingungen sich auszubreiten. Der Boden erwärmte schneller und so war in diesen Bereichen die Assimilation intensiver, ganz zu schweigen davon, dass dort auch die Böden an sich mineralstoffreicher sind. Das heißt, dass die stärker mit Mineralien durchsetzten Böden in diesem Jahr bessere Trauben ergeben als beispielsweise die Lössböden.

Gibt es in Ungarn Top-Winzer, die schon Markenstatus haben?

Sagen wir, ja, grundsätzlich schon. Grundsätzlich gibt es die in jedem Anbaugebiet. es zeigt sich bei allen seit einigen Jahren, egal ob wir von Rot-, Weiß- oder Süßweinen reden, dass es ein paar gibt, die unter allen Umständen, den verschiedensten klimatischen Rahmenbedingungen konstant in eine Richtung schreiten, sich weiterentwickeln und dabei auch die anderen versuchen mit sich zu ziehen. Gewiss, es gibt auch Nachteile des ungarischen Modells, da wir eine kapitalistische Wirtschaft aufbauen, lediglich mit Kapital, aber ohne Markt. Da wir schon seit langem in vielen Weinregionen auf kostspielige Weise mit hohem Einsatz Weine erzeugen, mit Aufwendungen auf Weltniveau arbeiten, und dann unsere Weine versuchen an Verbraucher zu verkaufen, deren Einkommen größtenteils deutlich geringer sind, als die in Westeuropa. Das ist ein sehr bedeutender Wettbewerbsnachteil, jeder hat ja quasi bei null begonnen.

Sind sich die ungarischen Spitzenwinzer darin einig, wie man sich daran macht, Top-Weine zu erzeugen, wie die Prinzipien der Herkunfts-Klassifizierung aussehen und wie diese kontrolliert werden sollen?

Die Toperzeuger sind sich darin einig, ja.

Und die anderen?

Die anderen nicht.

Warum?

Nehmen wir uns als Beispiel, kürzlich sollte eine neue Art der herkunftsbezeichnung definiert werden, hier in Tokaj. Die überwiegende Mehrheit der Winzer der Region, 85%, haben dafür gestimmt, beim Alten, bei der bisherigen Gesetzgebung zu bleiben. Der Grund: die neue Gesetzgebung, die wir, einige wenige, wollten, umgehend zu einer Verteuerung der Produkte geführt hätte, und die Mehrheit wollte nicht jene Kunden verlieren, die nur wenig Geld haben. Jedoch wurde unserem Vorschlag auch zugestimmt, dass wenigstens bei den Lagenweinen und bei denjenigen, die mit einer Ortsbestimmung versehen sind, eine völlig neue Regulierung in Kraft treten soll, welche beispielsweise eine Herabsetzung der zulässigen Ertragsmenge von bisher 14 auf nunmehr 4 Tonnen bei Lagenweinen und auf 7 Tonnen je Hektar bei „Ortsweinen“ vorsieht. Das sind schon bedeutende Unterschiede. Ohne derartige Schritte kommen wir in der Gegend nicht weiter, und auf Ebene des ganzen Landes auch nicht.

Wann wird der Weinkenner und analog der normale Weintrinker bemerken, dass in Mád auf Lagen-Ebene ein Schutz der Herkunft betrieben wird?

Ein wenig kann man das jetzt schon sehen. Ich habe ja bereits über einige Lagen, über Úrágya, Király, Nyúlászó und Szent Tamás gesprochen. Es gibt vier bis sechs, teils auch acht Erzeuger in jeder dieser Lagen, deren Weine man nebeneinander stellen kann und die alle nach hohen Standards erzeugt wurden. Insgesamt sind da schon sehr hohe Qualitäten vertreten, und bei jedem der Wein tritt die Eigenart der Lage hervor, was der Sache besonderen Reiz verleiht.

Das heißt, dass man Weine eher nach Lagennamen und nicht nach Markennamen suchen sollte?

Man sollte eher nach Marken und Lagen Ausschau halten, ja. Das schließt zwar nicht aus, dass ohne Lagenbezeichnung keine hohe Qualität anzutreffen ist, schließlich führen auch wir Gutsweine ohne Lagenname auf dem Etikett. Daher ist die Marke ein guter Wegweiser, dem zu folgen bedeutet, dass es keine großen Probleme geben sollte. Und wer auch nur ein klein wenig Wert legt auf den Aufbau seiner Marke, der wird jetzt schon sehr darauf achten, dass diese nicht beschädigt wird.

Sie und andere haben gegenüber den jeweiligen ungarischen Regierungen mehrfach betont, dass Weinherstellung als bevorzugt behandelt werden müsste. Sind Sie mit der neuen Regierung (Anm.: seit Mai 2010 regiert die nationalkonservative Partei FIDESZ mit einer Zweidrittelmehrheit alleine) da einen Schritt weiter gekommen?

Nicht wirklich. Genau deshalb haben sich mehrere von uns Winzern zu den Regionalwahlen aufstellen lassen, um die Behandlung des Themas auf der politischen Ebene sicherzustellen. Das Bild des Landes, des der Natur des Landes ist wichtig, und wie sorgfältig die Menschen mit ihrer Umgebung umgehen. Das ist nur möglich, wenn Leute gerne arbeiten wollen und stolz darauf sind, was sie machen, egal was sie verdienen.

Ich hatte das Glück oder das Pech seit den 1950er Jahren den Niedergang des ländlichen Ungarns bzw. dessen Zerstörung erleben zu dürfen. Dazu haben leider alle Systeme ihren Beitrag geleistet. Der größte Schlag kam direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als das alte Gutssystem abgeschafft wurde mit seiner 450 Jahre alten Steuerregelung, in dessen Rahmen eigene Wertestrukturen historisch gewachsen waren. Die Politik hat die Landwirtschaft gebrandmarkt mit der Begründung, dass man auf dem Land den Sozialismus nicht verstünde. Zwar wurde später die ländliche Bevölkerung mit den Arbeitern formell gleichgestellt, doch in der Realität führte alles letztlich dazu, dass das ländliche Leben immer weniger Wert zuteilwurde. In Zeiten der Kollektivierung gab es einen Moment, an dem man vielleicht daran glaubte, dass es in der Tat gelingen könnte eine gut funktionierende Landwirtschaft auf die Beine zu stellen. Aber letztlich kam es nicht dazu, da das Kapital fehlte und nur für einen Markt produziert wurde.

Ob nun die Wende 1989/90 gekommen wäre oder nicht spielt letztlich keine Rolle, das Ganze wäre ohnehin zusammengebrochen, da die Wirtschaft nicht wettbewerbsfähig war. Dann kam die Wende und die alten Strukturen verschwanden, ohne dass etwas Neues sie ersetzt hätte. Nichts blieb. Aber man hätte abwarten können, bis die Wirtschaft sich selbst reguliert hätte.

In Kürze dann auch noch der dritte und letzte Teil…

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