István Szepsy (copyright http://www.szepsy.hu)

Szepsy István ist schon jetzt eine lebende Legende. Der berühmteste Einzelerzeuger aus Tokaj hat die Schule der trockenen Furmint gegründet und damit einen Trend eingeleitet. Ein Trend, der erst am Anfang steht und schon jetzt dazu beigetragen hat, dass Tokaj sich vom altherkömmlichen Bild befreit. Von einem Bild, das einzig von Aszúweinen der alten Machart geprägt ist, von schweren, häufig unausgewogen süßen Weinen, denen man Tokaj zwar seine weltweite Bekanntheit verdankt, die in die heutige Weinwelt aber nur noch bedingt passen und das internationale Image dieser historischen Weinregion negativ belasten.

Szepsy hat als erster begonnen, genau dagegen anzuarbeiten. Und als der Februar diesen Jahres vom umgarischen Online-Weinmagazin vinoport zum Furmint-Monat ausgerufen wurde, da war das auch ganz wesentlich Szepsys Verdienst. Bei der großen Verkostung im Festetics Palota in Budapest drehte sich alles um jene Rebsorte, die so großes Potential in sich trägt und von der die Welt doch noch nicht so viel gehört hat. Die vor Ort vorgestellten Weine waren zu über 90 Prozent trocken ausgebaut. Auch István Szepsy stellte seinen 2007 Furmint aus der Lage Urbán vor und damit einmal mehr seine ganz eigene Linie, fernab von fast allen anderen Erzeugern. Ein bemerkenswerter Wein.

Der Starwinzer ist unter Weinkennern weltberühmt, seine besten trockenen Lagenfurmint gehen inzwischen für über 40 EUR über die Ladentheke. Er ist 1951 im Nachbarort von Tokaj, in Bodrogkeresztúr und also mittm im Weinanbaugebiet geboren. Die Wurzeln des Weinbaus seiner Familie reichen bis 400 Jahre zurück. Seit 1975 lebt er in Mád, von 1990 an leitete er Royal Tokaj, also jenes Weingut, an dem auch Hugh Johnson Anteile hält. Von 1997 an zeichnete war er Geschäftsführer von Királyudvar, seit 2006 steht er gänzlich auf eigenen Füßen. Er bewirtschaftet 50 ha bei den Ortschaften Mád, Rátka,, Bodrogkeresztúr und Tarcal. Zu den bekanntesten lagen die er bearbeitet gehören: Szent Tamás, Király, Nyulászó, Betsek, Úrágya, Urbán.

Nun ist kürzlich ein recht langes Interview mit István Szepsy vom ungarischen Inforádió gemacht worden, das ich hier etwas gekürzt in zwei Teilen wiedergeben möchte. Aus Zeitmangel kam ich nicht eher dazu und jetzt gerade hält mich eine Virusinfektion vom Verkosten ab – genau der richtige Zeitpunkt also für diesen Inhalt. Das Interview im original und ungekürz findet sich hier.

Herr Szepsy, wie wird die diesjährige Ernte ausfallen?

Das dauert noch und wäre verfrüht, schon jetzt ein Urteil zu fällen. In Tokaj reifen die Trauben später, insbesondere von den Hauptrebsorten Furmint und Hárslevelű. Die Reife ist jetzt schon in einem guten Stadium, aber wir müssen noch etwa fünf Wochen warten, ehe man etwas zur Qualität sagen kann, vor allem der trockenen Weine. Von der Aszú-Lese reden wir natürlich noch gar nicht.  Das Jahr hat sehr schlecht begonnen, war sehr feucht und kühl, es war sehr schwierig, den richtigen Zeitpunkt zum Spritzen zu finden und die Reben gesund zu halten. Dazwischen gab es Perioden, in denen es tagsüber nicht 100% Sonnenscheindauer gab, sondern gefühlte 150-200%. Derzeit sieht es wieder schlecht aus, der Herbst ist kühler und feuchter als üblich, so dass es nur dort keine Probleme mit dem Laubbestand gibt, wo die Pflanzen durch und durch gesund sind. Dann kann es jetzt auch vollends sehr schnell gehen und die Vollreife in wenigen Wochen da sein. Wir hoffen bis zur letzten Minute das Beste.

Was kann man bei solch einem extrem abwechslungsreichen, stressigen Wetter machen, wo es am einen Tag Bindfäden regnet und am anderen 38 Grad heiß ist?

Man muss jede Sekunde ausnutzen. Das heißt dann im Weinberg Arbeiten beginnen, sobald es irgendwie möglich ist und solange es irgendwie geht. Das bedeutet oftmals, an heißen Tagen, dass man einige Stunden am frühen Morgen ab 3 Uhr arbeiten konnte, viele Stunden tagsüber aufgrund der extremen Hitze nicht, weil diese  nicht nur für die Arbeiter sondern auch für die Rebstöcke schlecht wäre – und dann eben abends wieder bis zum Einbruch der Nacht. Das gilt vor allem auch für das Spritzen. Und dennoch gibt es in den Pausen tagsüber immer genug zu tun – so dass man nur im Schlaf zum Ausruhen kommt und im Schnitt 18 Stunden arbeitet.

Ihr Weingut ist auch dafür bekannt, mit Festangestellten zu arbeiten, was in der heutigen Weinwelt eine große Ausnahme bedeutet.

Ja, dass man damit eine Ausnahme darstellt, das bringt die heutige Welt leider mit sich. Das Ansehen der Landwirtschaft ist in den vergangenen hundert Jahren stetig zurück gegangen. Gleichzeitig stiegen die Erträge, alles wurde mechanisiert. Früher lebten 70-80% der Menschheit von der Landwirtschaft, heute sind es unter 5% und auch diese nicht gut. Es liegt auf der Hand, dass das ungesund ist, genauso wie gleichzeitig klar ist, dass die Nahrungsmittelfrage eine strategische ist und eine der Schlüsselfragen der Menschheit sein wird, von was sich die Menschen rein qualitativ gesehen ernähren werden. Wir sind, was wir essen.

Sie sagten, dass sich alles, was den diesjährigen Jahrgang anbelangt, in den kommenden fünf Wochen entscheiden wird. Eine Wetterprognose über fünf Wochen kann nicht erstellt werden. Ich gehe davon aus, dass sie das seit Jahrzehnten gewohnt sind. Dennoch: wie verhalten Sie sich gegenüber dieser Ungewissheit?

Ich erlebe das seit 50 Jahren, d.h. seit ich als Kind an der Seite meines Vaters mit dem Weinbau begann. damals schon war ich immer gespannt, ob wir raus können zum ernten oder nicht, ob wir unsere Helfer rufen sollen oder nicht, den Pferdewagen brauchen werden oder doch nocht nicht. Seither ist viel Wasser die Bodrog (Anm: Fluß bei Tokaj) hinabgeflossen, die Ansicht über den Weinbau hat sich wesentlich geändert, wir stellen andere Produkte her als in den 1970er und 80er Jahren und sogar im Vergleich zu den 90ern hat sich bis heute nochmal einiges geändert. Inzwischen habe auch ich mich verändert, und war dennoch stets am bibbern, bisweilen auch am fluchen, wenn das Wetter mal wieder nicht so war, wie ich es gerne hätte.

Wieder mussten wir neu planen und umorganisieren. Heutzutage bin ich wesentlich ruhiger und habe mich damit abgefunden, dass die Natur macht was sie will. Wir machen alles, was in unseren Kräften liegt, so arbeiten wir auch jetzt gerade im Weinberg, sobald es nicht in Strömen regnet. Dann schneiden wir die Trauben ab, die nicht mehr ausreifen werden oder jene, die zu früh von Botryrtis befallen sind um zu vermeiden, dass sie andere anstecken.

Doch ohne planen geht es nicht, sonst braucht man gar nicht erst beginnen, und dann bestimmt Gott was geschieht. Lange habe ich mich dem widersetzen wollen, habe mir gesagt: wenn der Jahrgang doch nicht gut wird, dann kommt er gar nicht erst auf den Markt, das würde der Marke nur schaden. So war es beispielsweise mit den Jahrgängen 2001 und 2004. Seither kann ich nicht klagen, gab es keine wirklich schlechten Jahre mehr und wenn ein Jahrgang einmal etwas schlechter ausfällt, so behaupte ich nicht dass er gut ist, sondern dass es ein kühler, verregneter, problematischer Jahrgang war, dessen Ergebnis man nun vor sich hat. Nicht ganz so gelb im Glas, etwas säurehaltiger, aber dennoch unser Wein. Unser Wein, den wir dennoch mögen, weil wir das ganze Jahr mit ihm verbracht haben, an ihm bzw. für ihn gearbeitet haben.

Wie sieht es mit den unterschiedlichen Lagen aus die Sie bewirtschaften? Reagieren diese auch unterschiedlich auf ein derart anomales Wetter? Oder kommen manche besser, manche weniger gut damit klar?

In der Tat verhalten sie sich unterschiedlich. Genau aus diesem Grunde wurde schon vor über 300 Jahren eine Rangliste, eine Klassifizierung von Lagen eingeführt. Es gibt welche, die sich an sehr viele unterschiedliche Bedingungen gut anpassen, und andere, jene Lagen und Gebiete mit reicheren, zeolithhaltigen Unterböden, die am höchsten eingestuft wurden. Und das wusste man auch bereits im 18. Jahrhundert, als die neue Adelsschicht nach Tokaj kam, um Wein zu erzeugen, nachdem durch die Türkenherrschaft viele Weingärten vernichtet wurden oder brach lagen. Damals wussten dann auch schon die Weinbauern, welche Erde was wert war, da es bereits eine Art Top-Liste, wenn man so will ein Ranking gab, aus dem hervorging, welcher Boden was unter den meisten Bedingungen erbrachte.

Teil II folgt…

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