In Ungarn politisiert man lieber nicht, das führt fast immer zu bösem Blut. Ein ganz klein wenig sei mir das an dieser Stelle aber doch erlaubt, nachdem ich zwei Weine von Orbán verkostet habe – dem Namensvetter des seit kurzem amtierenden rechtskonservativ-nationalpopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.  Die Assoziation kommt bei dem Namen unweigerlich, ein Schmunzeln treibt es einem ins Gesicht, wenn man auch noch das Konzept der deutlich am Flaschenhals sichtbaren Durchnummerierung der Weine wahrnimmt.

Man denkt an das Politmagazin hvg, wenn man so will dem ungarischen Pendant zum Spiegel, das nach der Wahl neue Zeiten ausrief, bzw. auf einen neuen Orbán hoffte, Viktor II. (da dieser bereits schon einmal 1998-2002 Ministerpräsident war), nein, nochmals korrigiert: vielleicht auf einen Gesinnungswandel des Politikers hoffte, bewusst aber auch die „Adelung“ des Egomanen vorwegnahm. Einen faden, nein äußerst bitteren Geschmack bekommt das Ganze inzwischen. Denn der doppeldeutige Titel (im Artikel ging es im Kern um die Mitglieder der neuen Regierung) dreht sich langsam aber stetig zur negativen Seite einer Realität in diesem mittelosteuropäischen Land – im Sinne einer gnadenlosen, bewussten Ausnutzung der gewonnenen Zweidrittelmehrheit Orbáns‘ und seiner ihm absolut dienerisch unterworfenen Partei auf die denkbar problematischste Weise. Sehr verkürzt: demokartische Kontollfunktionen werden durch Gesetzesänderungen und damit letztlich die demokratische Verfassung sukzessive ausgehöhlt, Medien gleichgeschaltet – und das ausgerechnet von der Person, die 1989 als junge, frische Hoffnung dem kommunistischen Filz den Kampf angesagt hatte. Aber derlei Verläufe gab es ja schon oft in der geschichtem, auch heute noch, man muss nur nach Südamerika oder Afrika schauen. Vielleicht endet alles ja wirklich in einem neuen, ungarischen, dann ganz anders zu verstehenden Viktorianischen Zeitalter… Doch hier höre ich auch schon abrupt auf und gehe lieber auf den Geschmack der beiden Weißweine von Gergely Orbán ein, der nun wirklich nichts für die Namensverwandtschaft kann.

Weingut, Ort: Orbán Borászat, Balatonrendes
Internet: borban.hu

Kőtenger Chardonnay 2009

Ein Chardonnay aus dem Steinmeer, das meint zumindest Kőtenger, recht bekannt, bei Szentbékkálla, was mit seinem vulkanischen Felsen wiederum eigentlich zum Badacsony-Gebiet gehört. Helles bis mittleres Strohgelb im Glas. In der verhaltenen, kühlen Nase vor allem Honigmelonen und Bananen. Anfangs recht voluminös sich am Gaumen breit machend, mit kühlem, buttrigem schmelz, dennoch nicht aufdringlich wirkend. Die Frucht aus gelben Äpfeln steht eher im Hintergrund, prägend ist eine leicht bittere Mineralik, fast bräunlich-steinern wirkend, daneben etwas grünlich wirkende Säuren. Einerseits etwas defragmentiert und doch nicht störend. Gut trinkbar.

Kerekesdomb Szürkebarat 2009

Ein weiteres Alkoholschwergewicht, mit 14,5% Volumen. Jedoch deutlich besser integriert, als bei den von mir kürzlich kritisierten Weinen aus Villány respektive Siklós. Der Szürkebarát, sprich grauburgunder, zeigt sich platinfarben im Glas, mit traubigem Bouquet, Karamell und klaren Botrytis-Tönen. Anfangs geschmeidig und rund und weich, gegen Ende säuerlich und bitter werdend, aber noch im Rahmen des erträglichen. Kandierte Zitrusfrüchte, rote Äpfel neben milden Säuren und einem Hauch von Mineralität, auch hier schmeckt man die Botrytis-Trauben etwas heraus. Auch absolut gut trinkbar, wenngleich alles andere als sortentypisch. Am Folgetag dann recht kraft- und strukturlos, ohne Säuren und Körper, ziemlich in sich zusammen gefallen.

Noch einige technische Angaben:
Alkohol: 13,0% vol.
Säure: 5,8 g/l
Restzucker: 3,9 g/l
Extrakt: 22,6 g/l

Preis: ca. 7 EUR (1.990 Ft)

Technische Angaben:
Alkohol: 14,5% vol.
Säure: 5,81g/l
Restzucker: 4,5g/l
Extrakt: 23,21g/l

Preis: ca. 7 EUR (1.990 Ft)

3 Antworten

  1. Natürlich geht das nicht ohne Kommentar. Fangen wir erstmal mit dem Wochenblatt an: HVG sollte man nicht mal an einem Tag mit dem Spiegel nennen, denn das ist das Blatt, was in Ungarn die Leute lesen, die über ein bestimmtes Thema 1 maximal 1,5 Sätze in einer ebenso oberflächlichen Gesellschaft zum Besten geben müssen, um nicht aufzufallen. So tief ist HVG recherchiert und das ist auch das Niveau seiner Leser. Als ich den Eintrag las, dachte ich fast, ich lese das Blog Deines englischsprachigen Kollegen, der anscheinend auch nicht mehr weiss, was er noch über ungarische Weine schreiben soll und jeden zweiten Eintrag so beginnt, als sein Ungarn gerade das furchtbarste Land auf Erden. Schade nur, dass alles, was kritisch über das Land, die aktuelle politische Lage und den sog. Populismus der Reigierung und des Ministerpräsidenten in Deinem Artikel zu lesen ist, plötzlich ein Thema eines Weinblogs sein muss, obwohl seit dem Start von Borwerk Dinge in diesem Land stattgefunden haben, die hingeben kommentarlos blieben. Ich hab ja nichts dagegen, dass jemand aus dem Westen Deutschlands, der behütet und in Wohlstand ohne irgendwelche politischen Retorsionen aufwuchs, denkt, dass postkommunistische Ungarn nun gut genug zu kennen, um, das, was es in Deutschland sein 60 Jahren nur unter der Bettdecke geben darf – nennen wir es Nationalbewusstsein – in Ungarn als Rechtspopulismus zu bezeichnen. Auch ist es einfacher, die politische Situation in einem Land zu karikieren, wenn man zwar in diesem Land lebt, aber dennoch aus der Vogelperspektive urteilt. Erzähl das mal den Menschen, die ihr gesamtes Gehalt dafür aufleben, ihre monatlichen Rechnungen zu bezahlen und denen, die die letzten 8 Jahre der Vorgängerregierung darauf gewartet haben, dass endlich was passiert. Ich finde diesen Eintrag ungerechtfertigt.

    • Ich möchte ganz bewusst nicht den Fehler begehen und mich auf diese persönliche Ebene einlassen. Nicht nur aber vor allem weil meine Argumentation auf einer völlig anderen Ebene ansetzt. Letztlich verbitte ich mir aber, dass man – ohne mich gut genug zu kennen – über meine Kindheit pauschal urteilt. Inhaltlich kann und will ich auf den Kommentar von jemandem einsteigen, der bei der Wende 12 Lenze zählte und also kaum selbst politisches Bewusstsein entwickelt haben konnte. Und wenn, dann ganz offensichtlich nicht allzu viel, sonst wäre die Wahrnehmung der politischen Gegenwart automatisch differenzierter und würde nicht gleich in persönlichen Angriffe gegen jene münden, nur weil diese anderer Meinung sind. Was würdest Du eiegntlich argumentativ gegenhalten, wenn ich nicht westdeutscher wäre? Glaube mir, Leute die genau meine Ansicht vertreten und besorgt auf die gegenwärtigen Entwicklungen schauen, die gibt es.
      Meine Kritik setzt, wie gesagt, an völlig anderer Stelle an. Wer das nicht sehen kann bzw. will und versucht meinem leicht zynischen, zugespitzten Exkurs auf diese Weise zu begegnen, hat nicht verstanden bzw. nicht verstehen wollen, um was es mir im Kern geht. Wohl hat derjenige aber damit gezeigt, mit welchen Denkmustern er arbeitet. Erstaunlich, wie man sich in Menschen täuschen kann bzw. was für ein gänzliche falsches Bild sie von einem zu zeichnen bereit sind, wenn sie emotional gesteuert und engstirnig auf Themen einsteigen. er sollte wissen, dass ich mir allein schon familienintern solcher sozialer Probleme bewusst bin. Die Krux an der Sache: genau darum ging es mir ja auch, um mangelnde politische und gesellschaftliche Kultur, um einen echten Diskurs in der Öffentlichkeit, um die längst fällige Aufarbeitung der eigenen Geschichte (eben nicht nur aus der Opferperspektive). Der Diskurs und die Öffentlichkeit werden unter vielem anderem durch eine neu geschaffene, der Regierung hörigen Medienaufsichtsbehörde, gewiss ebenso wenig gefördert, wie durch eine, eben jene Regierung, die die Rolle der Öffentlichen Sender primär in der Unterstützung der Regierungsarbeit sieht. Kritikfähigkeit ist eine wichtig Errungenschaft, äußert sich aber wohl kaum in derartigen Schritten.


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