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Eine lange Serie ist zu Ende. Ich habe in den letzten Monaten in unregelmäßigen Abständen 24 reinsortige Kadarka verkostet. Vor der Serie hatte ich lediglich zwei drei Kadarka getrunken und die Rebsorte unbeachtet gelassen. Zu wenig einprägsam waren die ersten Eindrücke. Das hat sich maßgeblich geändert. Wobei man stets ausreichend Distanz und Selbstreflexion zum Gegenstand der eigenen „Untersuchungen“ halten bzw. walten lassen sollte – ohne allzu wissenschaftlich heran zu gehen. Schließlich soll Wein immer auch und vor allem Spaß machen. Dennoch: der Gefahr ist man letztlich immer ausgesetzt, sich zu sehr mit der Materie, die man pflegt, zu identifizieren.

Wenn dies gelingt, und so frei möchte ich sein, mir das zu unterstellen, dann kann die tiefere Auseinandersetzung mit einer einzelnen Rebsorte, erst recht mit einer eher unbekannten, lokalen, autochthonen, einen selbst ein gutes Stück weiter bringen. Zwingt sie einen doch zu mehr Offenheit als einem bisweilen lieb ist. Wenn die Lust auf Wein zwar gegeben ist, man aber dieser nicht nur mit einem einfachen, schieren, wenn auch bewussten und „gepflegten Konsum“ nachgeben möchte.

Kadarka war also das Thema – und es brachte mich selbst insofern ein gutes Stück in meiner Kenntnis über Weine weiter, als dass die Rebe genau jene schwierigen Eigenschaften vereint, die es dem geneigten Weintrinker nicht immer einfach machen. Konkret: sie kann und ist vielfach nicht so zugänglich, wie es ein Cabernet Sauvignon oder auch Merlot. Sie bringt weder die beliebten und gesuchten, bisweilen leichtfertig schnell und automatisch als Qualitätsmerkmal ausgemachten Eigenschaften von dunkler dichter Farbe im Glas, noch den nötigen Körper mit sich. Und dass sie dann auch noch den Erzeugern das Leben schwer macht, indem sie mehr Aufmerksamkeit und Pflege im Weinberg verlangt, erschwert ihre Existenzberechtigung zusätzlich.

Kadarka-Klone von Heimann (Szekszárd): von links nach rechts P9, P102, P122, P124 (© Borigo Magazin)

Doch Kadarka hat seinen Platz und gewinnt zu recht an Bedeutung. Die verstärkte Auseinandersetzung mit der Rebe hier in Ungarn ist weit mehr als nur ein kurz- oder mittelfristiger Trend. Jene Erzeuger, die auf sie setzen und sich an ihr versuchen, wissen sehr wohl, was sie tun. Sie schließt eine Lücke, die der passionierte Weintrinker zwar nicht unbedingt von sich aus ausmacht, die es aber gibt. Im Rotweinsegment nimmt Kadarka quasi eine Sonderstellung ein – in und für Ungarn. Stilistische parallelen mit Pinot Noir sind nicht grundlos immer wieder anzutreffen, wenn von Kadarka die Rede ist. Und das sei auch erlaubt, ohne die Klasse der Französin zu schmälern oder die Kadarka über zu bewerten. Letztere hat jedenfalls mittelfristig das Zeug zu einem echten USP, zu einem Alleinstellungsmerkmal Ungarns, und längerfristig gar zum eingeschränkten, dafür aber umso spannenderen Export.

Beim USP denke ich an eine steigende Bekanntheit auch jenseits der ungarischen Landesgrenzen. Dabei gilt: was bislang gänzlich unbekannt ist, hat es ausgesprochen schwer, kann andererseits aber fast nur gewinnen. Der Export der Rebe, sprich deren Kultivierung in anderen Ländern, kann eigentlich erst danach kommen, wäre aber sicherlich auch spannend.

Zuallererst muss Kadarka jedoch überhaupt wahrgenommen werden, eine Auseinandersetzung mit den Weinen muss beginnen. Und da kommt man doch noch einmal zum Ausgangspunkt, den Charaktereigenschaften zurück. Bei aller, noch in den Kinderschuhen steckenden Stilsuche und Tests mit verschiedenen Klonen: der gemeinsame Nenner liegt in der Tat in einer hellen roten, purpurnen Frucht im Glas, einer mal mehr, mal weniger ausgeprägten Würze und Frucht von Erdbeeren und Himbeeren. Alles darüber hinaus sind Interpretationen des Winzers und des Terroirs. Mir sind bei den 24 Kadarka wohl alle erdenklichen Varianten begegnet. Vom schier nichtssagenden „Wässerchen“, über leicht trinkbare Alltagsweine, auf international getrimmte, schier gar sich selbst verleugnende Vertreter bis hin zu außergewöhnlichen, solitären Weinen, die wirklich mit nichts was zumindest ich bislang getrunken habe zu vergleichen sind.

Kadarka-Klone P167 und Virághegyi (© Borigo Magazin)

Die Weinregion Szekszárd spielt dabei zusammen mit Villány und, eingeschränkt, auch Eger die Vorreiterrolle. Hier sind die Erzeuger vielleicht nicht am kreativsten, sicherlich aber am aktivsten. Und beschert einem für vergleichbar wenig Geld, ungemein viel Kadarka. Im 6:6 Endergebnis steckt hier und da ein Überraschungserfolg, der mit dem Preis nichts zu tun hatte. Zeugen aus Villány und Eger mögen vielleicht dennoch die ersten sein, die die Rebsorte auch jenseits der ungarischen Grenze bekannt werden lassen. Sie sind teils mutiger, häufig internationaler, was bisweilen zwar zu etwas sortenuntypischen Weinen führt, den Erstkontakt, den Zugang an sich aber vereinfachen mag. Klar ist auch, dass die komplexeren Kadarka eher etwas für geübte Weintrinker sind und auch bleiben werden.

Kadarka Rebstock, 1880 gepflanzt (© Kadarka kiadvány)

Nachtrag:

Die Serie ist zu Ende, die Beschäftigung mit Kadarka noch lange nicht. In den kommenden Wochen werde ich noch die eine oder andere Flasche aus Szekszárd verkosten, die leider ohne Kontrahent geblieben ist. Dazu auch noch einige außergewöhnliche weine anderer autochthoner Rebsorten wie etwa Rubintos, bei denen Kadarka Teil der Neuzüchtung war.

Die Artikel der Serie:

Zur Einleitung und zum Teil I der Kadarka-Serie: Borműhely (Szekszárd) vs. Frittmann (Kunság)
Teil II der Kadarka-Serie: Heutige Verbreitung des Kadarka in Ungarn. Duell II Villányi Kadarka 2006, Vylyan (Villány) vs. Kadarissimo 2006, Szt. Gaál Pince (Szekszárd)
Teil III der Kadarka-Serie: Name und Herkunft des Kadarka. Duell III: Kadarka 2005, Balla Géza, Ménes (Rumänien) vs. Kadarka 2007, Heimann (Székesfehérvár)

Zum Teil IV der Kadarka-Serie: Die Landnahme des Kadarka in Ungarn. Takler (Szekszárd) vs. Orsolya (Eger)
Teil V der Kadarka-Serie: Farbenspiele und Imageprobleme – eine Zwischenbilanz, und Duell V: Vida Péter (Szekszárd) vs. Maurer Oszkár (Délvidék, Serbien)
Teil VI der Kadarka-Serie: Veredelung des Kadarka. Halmosi Pincészet (Szekszárd) vs. Malatinszky Kúria (Villány)
Teil VII der Kadarka-Serie: Stimmen von Winzern I. Eszterbauer (Szekszárd) vs. Günzer Zoltán (Villány)
Teil VIII der Kadarka-Serie: Stimmen von Winzern II. Gróf Buttler (Eger) vs. Sebestyén (Szekszárd)
Teil IX der Kadarka-Serie: Stimmen von Winzern III. Dúzsi Tamás (Szekszárd) vs. Jekl (Villány)
Teil X der Kadarka-Serie: Stimmen von Winzern IV. Gedeon Birtok (Dél-Alföld) vs. Prantner Pince (Szekszárd)
Teil XI der Kadarka-Serie: Sauka (Villány) vs. Remete Bor/Vesztergombi József (Szekszárd)
Teil II der Kadarka-Serie: Mészáros (Szekszárd) vs. St. Andrea (Eger)

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  1.  Nachverkostung zur Kadarka-Duell-Serie: Kadarka 2008, Bősz Adrián, Szekszárd | BorWerk - Das Blog über ungarische Weine

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