Das ist ja gar fast eine Breaking-News…  In der heute erschienenen neuen Ausgabe der „hvg“, wenn man so will dem ungarischen „Spiegel“, hat es ein heimischer Weinmacher bis auf die Titelseite gebracht: Vincze Béla aus Eger. Ungarns Winzer des Jahres 2005 wird die seltene Ehre, unter den Top-Schlagzeilen zu landen, jedoch nur durch eine  Negativmeldung zuteil, er reiht sich in die inzwischen recht lange Liste derer ein, die mittels Glycerin ihre Produkte künstlich mehr Körper verleihen wollten. Glycerin ist zwar nicht ernsthaft gefährlich für die Gesundheit (kann in hohen Dosen zu Bauch- und Kopfschmerzen führen), aber der Verbraucher wird durch die illegale Beimengung getäuscht.

Also hat nun auch Ungarn dank des Winzers aus Eger seinen handfesten Skandal – und Vincze Béla ab sofort wohl mehr, als nur ein maximales Absatzproblem… Glycerin kann zwar auch als natürlicher Bestandteil im Wein auftreten, beim Bikavér aus Eger sind das zumeist 7-9 Gramm pro Liter. In der eingeschickten Probe von Vinczes 2007er Bikavér betrug der nachgewiesene Wert 21,6 Gramm. Entschieden zu viel für die Möglichkeiten von Mutter Natur.

Zentrale Qualitätskontrolle scheint zu funktionieren

In der Weinbauregion Eger hatten sich die Winzer selbst stark gemacht für eine staatliche  Kontrolle der Weine und also derer Qualität und Sauberkeit. Dem Wunsch wurde 2003 mit einem landesweit gültigen Gesetz entsprochen, das helfen sollte, das im Sozialismus und den 90er Jahren beschädigte Ansehen des ungarischen Weines im Gesamten und des bekannten „Erlauer Stierblutes“, des Egri Bikavér im Besonderen, zurück zu gewinnen. Genau diese (zusätzliche) rechtliche Sicherheit wurde nun offensichtlich Vincze Béla zum Verhängnis. Vergangenen Dienstag sperrte die zuständige Direktion für Weinzertifizierung kurzerhand den Keller für 30 Tage zu, einzig die diesjährige Ernte, die in diesen Tagen eingefahren wird, darf verarbeitet werden. Der Rest bleibt bis aus Weiteres unter Verschluss.

Verwirrspiel – wo ist der Glycerin Bikavér abgeblieben?

Noch prekärer wird die Situation für den Ruf des ungarischen Weines angesichts der Tatsache, dass der manipulierte Bikavér für den Export vorgesehen war. Zu alledem gesellen sich einige Unklarheiten. Bislang ist unklar, wo der Wein überhaupt herkommt. In der Probe, die Vincze Béla eingereicht hatte wurde die überhöhte Dosis Glycerin nachgewiesen. Doch als man vor Ort im Keller nach eben jenen 250 Hektolitern Bikavér suchte, von denen die Probe stammen sollte, waren diese nicht auffinbar. Herr Vincze verwies darauf, dass er diesen Wein von zwei anderen Winzern zugekauft hatte. Doch auch eine Überprüfung bei diesen blieb erfolglos. Also macht man sich nun im Verkauf auf die Suche.

Weitere Weine mit Glycerin angereichert

Es wird vermutet, dass Vincze Béla beim Zukauf von Wein zum Verhändnis wurde, die Qualitätsprüfng nicht oder allzu oberflächlich gemacht zu haben. Allerdings bleibt er dann weitere Antworten schuldig. In zwei anderen Weinen, dem Bikavér von 2005 und Cabernet Franc von 2005 wurden nämlich auch überhöhte Glycerinwerte festgestellt. Logisch Konsequenz wäre und wird wohl auch sein, dass der gesamte Kellerbestand konfisziert  oder zumindest der Verkauf komplett gestoppt und eine Rückholaktion eingeleitet wird.

Beruhigend an gesamten Geschichte scheint mir, dass die landesweit zentral durchgeführte Laboruntersuchung zu funktionieren scheint – entgegen dem Wunsch vieler Weinregionen, vor Ort die Qualität überprüfen zu dürfen. Wer weiß, ob eine lokale Kontrolle ebenso hart und schnell durchgegriffen hätte? Weniger beruhigen erscheint mir, als Konsument vor Ort, dass bislang nur die für den Export bestimmten Weine jene Prüfung durchlaufen. Es bleibt das große Fragezeichen stehen, ob und wenn ja in welchem Umfang andernorts mit ähnlichen Methoden Weine manipuliert werden. Traurig genug, dass dieses  Fragezeichen stets bedrohlich, wenn auch zumeist nur im Unterbewusstsein oder überhaupt nicht  für den weltweiten Weinbau steht. Für diesen und nunmehr unwahrscheinlich  künftige Jahrgänge von Vincze Béla wird das immerhin vermutlich keine Rolle mehr spielen.

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  1.  Ungarns Winzer des Jahres 2009: Lőrincz György, St. Andrea (Eger) | BorWerk - Das Blog über ungarische Weine

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