kikelet_intro

Tokaj verbindet man in erster Linie mit großen Namen wie Oremus, Királyudvár, Pajzos und natürlich Szepsy.  Sie brauchten ihre Zeit, um die Altlasten des Kommunismus abzuschütteln und Aszús hervorzubringen, die eine Renaissance der Tokajer als einen der ganz großen Repräsentaten der Edelsüßen gebracht hat und wo man weiß, dass das Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist. Die Jahrgänge 1999 und 2000 waren dabei die ersten markanten Wegweiser.

Seither, in den letzten 6-8 Jahren, hat sich eine Gruppe von Jungwinzern etabliert, die eine ganz eigene Interpretation der Weinerzeugung in Tokaj-Hegyalja ins Spiel brachten. Zwar kommt auch bei ihnen kaum einer um das Thema Aszú bzw. Dessertwein herum. Die Bedingungen sind einfach zu optimal für Botrytis. Aber sie wecken Aufmerksamkeit durch eigene Stile, verströmen den Charme des Familiären gegenüber der hocheleganten, durch internationale Investoren gepushten Großbetriebe, und betören durch hochinteressante Weine, vor allem was trocken ausgebaute Weiße anbelangt. Auch das ist neu: sie respektieren einander, tauschen ihre Erfahrungen aus, helfen sich. Aus dieser losen Gruppe habe ich zwei besucht, die ihre ganz eigenen Wege gehen: Kikelet aus Tarcal und Homonna aus Erdőbénye.

Kikelet Pince

Anbaufläche: 3 Hektar, davon eine bis dato unbepflanzt
Lagen: Lónyai, Farkas, Lestár, Váti dűlő
Rebsorten: Furmint, Hárslevelű

Es scheint, da haben sich zwei gesucht und gefunden. Das Gute für unsereins: bei der französisch-ungarischen Liaison war von Beginn an Wein im Spiel. Stéphanie und Zsolt Berecz

Stephanie und Zsolt

Stephanie und Zsolt

lernten sich beim großen Tokajer-Weingut Disznókő (im Besitz der AXA-Versicherungsgesellschaft, da schließt sich der französische Kreis) kennen, für das sie beide geraume Zeit arbeiteten. Sie, die zierliche Französin, an der Universität von Bordeaux ausgebildete Önologin mit wunderbarem Akzent, wie ich es im Ungarischen noch nie gehört habe, hatte es bereits 1994 nach Ungarn verschlagen. Er, Zsolt, motorradfahrender Arbeiter der Kategorie harte Schale weicher Kern, zumindest was den ersten Eindruck anbelangt, erinnert, wenn auch nicht groß gewachsen, ein wenig an Gérard Depardieu.

Ein interessantes, witziges, überaus sympathisch wirkendes Pärchen, das sich offensichtlich gut ergänzt. Und weiß, was es tut. Denn so unterschiedlich die beiden auch sein mögen, sie bitten einander um Rat, suchen nach der Meinung des anderen. Was umso wichtiger ist, nachdem sie sich 2002 entschlossen hatten, selber Wein zu machen. Allein hätte Stéphanie sich diesen Schritt nicht zugetraut. Dass sie nach wie vor auch angestellt ist, zwischenzeitlich bei Pannon Tokaj, inzwischen beim völlig neuen Weingut Holdvölgy, erklärt sie damit, dass sie zwar selber gerne Wein, aber ungern Schulden macht. Das Abenteuer, vielmehr der Lebenstraum ist so berechenbarer geblieben, was auch an den Dimensionen liegt.

Inzwischen sind es drei Hektar, davon derzeit zwei bepflanzt, verteilt auf die vier Lagen Lónyai dűlő, Farkas dűlő, Lestár und Váti dűlő. Überall Lößboden, dem es an Nährstoffen fehlt, aber schließlich kann man ja düngen. Sie konzentrieren sich ausschließlich auf die Hauptbestandteile des Aszú, auf Hárslevelű und Furmint. Das munter verteilte Puzzlewerk der einzelnen Lagen macht die Arbeit nicht einfacher, aber spannender. Sie selbst sagen, dass sie nach wie vor am Lernen sind, wie ihre beiden Rebsorten sich in den jeweiligen Lagen entwickeln und zu welchen Anteilen sie in ihren Cuvées und Aszús landen.

So langsam aber sicher scheinen die Bemühungen zu fruchten, in Gestalt eines eigenen Stils. Kikelet lässt sich auch im Ausland gut aussprechen, eine pragmatische Namensentscheidung. Kikelet ist der Lenz, wie im Deutschen eine etwas altmodische, romantisch anmutende Bezeichnung für Frühjahr. In dem befinden sie sich nach wie vor, was ihre Anstrengungen anbelangt. Aber die Leistungen werden konstanter, und damit, wie ihr unternehmerischer Ansatz, auch berechenbarer. Fast ist man geneigt zu sagen, dass den Weinen anzumerken ist, dass sie von Frauenhand gemacht sind: filigran, elegant, fruchtbetont, etwas verspielt.

Ihr kleiner Keller hinter der Kirche von Tarcal beherbergte zwischenzeitlich eine Kneipe in seinem 250 Jahre alten Backsteingewölbe. Beide entschuldigten sich bei mir für die Unordnung, da gerade umgeräumt und für die nahende Ernte Platz geschaffen wurde. Da reifen auf kleinem Raum kleine Erträge zu erstaunliche Größe heran, wie sich alsbald herausstellen sollte. Was aus Platzmangel nicht geht: die einzelnen Lagen getrennt voneinander auszubauen. Das macht das Experimentieren schwieriger. Was umso besser geht: sich unter optimale Lagerbedingungen auf den Ausbau in 225l-Holzfässern zu konzentrieren, für die sie sich ausschließlich entschieden haben.

Die erzeugte Menge ist nach wie vor so gering (bei den Aszús reden wir von deutlich weniger als 1.000 Flaschen, bei den anderen von 3.-4.000 Flaschen), dass man sich wundert und automatisch auch geehrt fühlt, dass sie anstandslos Flaschen für einen öffnen. Der Großhandel
sieht nichts davon, ein gewisser Bestand geht an das Maligán Restaurant in Budapest. Exportiert werden auch einige Kartons nach Frankreich und Dänemark, einen Teil verkaufen sie direkt vor Ort, ab Hof, wie die Österreicher sagen.

Verkostungsnotizen

Furmint 2007

Trocken ausgebaut. Die Trauben wurden von Hudák Péter hinzugekauft, der seines Zeichens Önologe beim großen Weingut Béres Szőlőbirtok ist. Am 8. Oktober geerntet, im Juni auf Flaschen gezogen. 13% Vol. Hellgelbes Glas mit grünlichen Einsprengseln. Fruchtig, leicht säuerliches Bukett. Ganz frische, aber unaufdringliche Säuren, feine Frucht. Ein leichtes, filigranes Geschöpf, das sicher jung getrunken werden  kann und sollte.
Preis: 8,40 EUR (2.100 Ft)

Hárslevelű 2007

12% Vol. Halbtrocken. Helles Goldgelb. Südfrüchte, vor allem Ananas. Am Gaumen einerseits das Abo vom Hárslevelű, der Honig, aber auch Mandarinen, Grapefruit, ohne dabei säuerlich zu wirken. Leichte Mineralische Noten.
Preis: 10,00 EUR (2.500 Ft)

Die kleine aber feine Verkostungsreihe

 

Furmint Hárslevelű 2007

Halbsüß ausgebaut. Aus der Lage Váti dűlő, die erst seit 2006 bewirtschaftet wird. Ananas, Feuerstein, Südfrüchte, dick.
Preis: 10,00 EUR (2.500 Ft)

Késői szüretlésű 2006

2006 war der Herbst sehr trocken. Stéphanie und Zsolt warteten lange mit der Ernte, erst Mitte November kam es dazu. Das Ergebnis im Besonderen ist ziemlich konzentriert. Karamell und Butter in der Nase. Einmal mehr Honig und dazu auch Orangenmarmelade, hinten raus Quitten, fast ledriger Eindruck bleibt auf der Zunge. Trotz alledem ein leicht zu trinkender Wein, nicht zu süß. 12,5% Vol. Nett unaufdringlich, ohne flach zu wirken.
Preis: 10,80 EUR (2.700 Ft)

6 Puttonyos Aszú 2003

2003 wiederum war insgesamt sehr warm. Gute Voraussetzung also, um am Ende Traubenmaterial für 6 buttigen Aszú zu haben. Bei Kikelet hat es nach strikter Auslese gerade mal für ein Fass gereicht, oder anders gesagt 412 Flaschen! Eine davon habe ich mit nach Hause nehmen können… Erstaunlich helles Goldgelb. Tropenfrüchte. Viel Frucht: Quittengelée und Mango, Nussnougat. Süße überhaupt nicht aufdringlich, was mir persönlich mehr zusagt. Langer Abgang. 165g/l Zucker, 11,5 Vol. %.
Preis: 48 EUR (12.000 Ft)

5 Puttonyos Aszú 2004

Für 5er helles Goldgelb 830 Flaschen Frischer, frecher als der 6-buttige 2003er. Auch deutlich ausgeprägtere Säuren, ohne die Frucht zu überdecken. Erstaunlich dynamisch, eigentlich gar nicht wie Aszú. 149 g/l Zucker
Preis: 36 EUR (9.000 Ft)

Hárslevelű és egy kis Furmint 2007 (Fassprobe)

Hárslevelű und ein klein wenig Furmint. Noch sehr jung und frisch. Anklänge von Erdbeeren und Äpfel Gegen Ende Karamellnoten. Schön, und natürlich hoffe ich, den später nochmals probieren zu können.

6 puttonyos Aszú 2007 (Fassprobe)

Nach Stéphanie ein sehr schöner Jahrgang. Zuckersüße Versuchung! Fast schon wie eine Esszencia.  Fett, einnehmend im Glas und erst Recht am Gaumen. Ein öliger Film aus dann wiederum jugendlich frisch wirkender Frucht legt sich über alle Geschmacksporen. Der Duft noch absolut Aszú untypisch, erinnert an Himbeermarmelade. Ganz dezente Botrytis-Noten. Überaus spannend – herzlichen Dank an Stéphanie und Zsolt, für die Verkostungsmöglichkeit.

Kikelet Pince

Zsolt – Depardieu des Tokaj

Berecz Stéphanie und Zsolt
Tarcal, Könyves Kálmán u. 62.
Tel +36 30 636.90.46
Internet: www.tokajkikelet.hu

Zu Homonna, demnächst…

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