Oder doch nur einen? Aber das kann selbst ein dem Whiskey zugeneigter Highländer nicht wollen. Zumindest wenn er auf Vielfalt wert legt. Und auf Qualität, denn die kann er seit einiger Zeit wieder bekommen. Auf einem Niveau, von dem man nach der Wende nicht mal zu träumen wagte.

Aber langsam, eins nach dem anderen. Wer als Tourist nach Ungarn kommt oder sich grundsätzlich für Wein interessiert, wird unweigerlich vom Erlauer Stierblut zu hören bekommen, vom Egri Bikavér (bika = Stier, vér = Blut). Wer sich ein wenig mehr umtut, stolpert früher oder später auch über das Szekszárder Stierblut, das Szekszárdi Bikavér.

Die Koexistenz einer Bezeichnung für Rotwein-Cuvées in zwei Gebieten, 215 km Luftlinie voneinander entfernt: was verbirgt sich dahinter – und  was in den jeweiligen Flaschen? Was macht den Unterschied aus? Mir war klar: wenn ich mich mit ungarischen Weinen befasse, muss ich früher oder später über Bikavér schreiben. Eine aktuelle Bestandsaufnahme soll es sein, wofür ich Paare gebildet habe und die beiden Regionen gegeneinander antreten lasse. Ein klassisches Duell also, bei dem es nach ehernem Gesetz am Ende nur einen Sieger geben kann. Wobei jedem klar ist, dass die heutige Welt anders ist und die Weinwelt ohnehin. Insofern und weil ich es bin, der als Weinliebhaber Genugtuung fordere und den Fehdehandschuh eher spielerisch, virtuell werfe, lässt das BorWerk Duell mir und der Sache an sich ein Hintertürchen offen. Ehe ich mein selbstinszeniertes Spiel beginnen lasse, muss der geneigte Leser sich aber noch mit Grundlagenwissen versorgen lassen. Oder darüber hinwegspringen.

Meine ersten persönlichen Erfahrungen mit Bikavér vor rund acht Jahren waren nicht sonderlich positiv. Ich war für einen Tagesausflug mit Freundin und einem befreundeten Pärchen nach Eger gefahren. Dabei landeten wir nach der Stadtbesichtigung zwangsläufig auch im Szépasszony völgy, dem Schönfrauen Tal. Dort reiht sich Keller an Keller – und an Sommerwochenenden auch Bus an Bus. Denn wer nach Eger kommt weiß aus jedem Reiseführer, dass ihn in diesem Tal das berühmte Erlauer Stierblut erwartet. Man muss die Kellerreihe vielleicht mal gesehen, die daraus angebotenen Weine aber nicht getestet haben. Mehr sage ich nicht. Doch warum eigentlich, woher eigentlich der Name Bikavér? In Eger bemüht man die Geschichte. Geschichte ist schon viel gesagt, schließlich handelt es sich um eine Legende.

Wir schreiben das Jahr 1552. Ganz Ungarn ist (alsbald) von Türken besetzt. Ganz Ungarn? Nein. Denn eine kleine, unbeugsame Schar ungarischer Soldaten verteidigen die Burganlage von Eger gegen eine mächtige Überzahl von Angreifern, die aufgrund ihres Glauben gar auch noch alkoholische Getränke schmähten. Der Erschöpfung nahe, öffnet der Burgherr für die Kämpfer seinen Weinkeller. Mit rotem Superkraftstoff betankt, stemmen sie sich erneut gegen die Türken. Mit Erfolg, denn als diese die vom Wein rot-triefenden Bärte der Magyaren sehen, verbreitet sich unter ihnen das Gerücht, sie hätten Stierblut getrunken und dadurch übermenschliche Kraft und Ausdauer erhalten. Aufgabe war angesagt, bis auf weiteres. Ein kleiner Sieg für die Ungarn, ein großer für das Marketing der Rotweingegend einige Jahrhunderte später.

Bikavér-Duell

Bikavér-Duell

Das Herstellungsverfahren von Bikavér wird erstmals 1912 schriftlich erwähnt. Des Erlauer. Dass die Assoziation „Stierblut“ im Zusammenhang mit Rotwein in Ungarn in Niedergeschriebenem auftaucht, das kann nun wiederum nur der Szekszárder Bikavér von sich behaupten. Garay János schreibt in einem Gedicht von 1846 in einer Zeile „Színe, mint a bikavér“ – „Farbe wie das Stierblut“. In einem anderen Gedicht schon nicht mehr als Metapher, sondern als offensichtlich geläufige Bezeichnung verwendet heißt es bewertend über einen Wein: „Mely sötéten, sűrűn, mint a bikavér“ – „Tief dunkel, dicht, wie der Bikavér“. Doch genug, schließlich will ich hier weder mein Geschichtsstudium wieder aufleben lassen, noch irgendjemandem Ungarisch beibringen.

Was also steht gegen was, wer tritt gegen wen an im Duell? Eine nette, von Marketinginteressen mystisch überhöhte Legende versus ein-zwei Zeilen aus einem Gedicht eines ansonsten eher unbekannten Dichters aus Szekszárd. Letztere immerhin ein Faktum. Schlussendlich kann es einem egal sein und ist es den jeweiligen Winzern auch. Es erklärt nur die Koexistenz, die heutzutage auch im ungarischen Weingesetz fixiert ist. Demzufolge darf die Bezeichnung Bikavér ausschließlich in den Anbaugebieten Eger und Szekszárd verwendet werden. Zusatzbedingung: es handelt sich stets um ein Cuvée aus mindestens drei Rebsorten, die vor Ort jeweils offiziell erlaubt sind. In Eger ist zumeist Kékfrankos der Hauptbestandteil, in Szekszárd Kadarka.

Damit ist der Claim, der Interpretationsspielraum für jeden Winzer abgesteckt. Nun kann ich beginnen, mit den ersten beiden Weinen, den ersten Duellanten. Ehe ich anfange, noch eine Vorbemerkung. Die Regeln habe ich gesetzt, die „Waffen“ wurden von mir gewählt. Dass ich dabei Abstriche machen muss, bspw. nicht immer Weine aus demselben Jahrgang und derselben Preiskategorie aufeinander treffen lassen kann, liegt in den
marktgegebenen Möglichkeiten. Jedwede Quer- und Vertikalverkostung kann ja ohnehin stets nur eine Momentaufnahme sein.

Das Ganze soll also bitte nicht ernster genommen werden, als es ist. Schließlich soll Wein trinken in erster Linie Spaß machen. Ich behaupte dennoch, dass am Ende dieser Serie von Duellen, ich ziemlich weitgehend den Premium-Bikavér-Markt vorgestellt haben werde. Was das genau bedeutet, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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