Es war mein zweiter Besuch am Somló, aber im Grunde der erste richtige. Zuletzt war ich vor drei Jahren im Winter da, auf einen Tageausflug, unvorbereitet, kaum jemand war anzutreffen. Wir schauten beim Csordás-Fodor Borház vorbei, tranken ein paar Weine, die gut waren aber nicht wirklich überzeugen konnten.

Nun kam ich besser vorbereitet. Drückend schwüle Luft, nahende Gewitterwolken, fast unerträglich – und es sollte nicht regnen. Dafür aber spannender, interessanter und vor allem lehrreicher werden, als ich dachte. Ich hatte mir drei Winzer ausgesucht, bei denen ich in knapp eineinhalb Tagen vorbeischauen wollte: Spiegelberg Stephan (bzw. István (ungarisch)), Fekete Béla und Takács Lajos. Eine Querverkostung, wenn man so will. Vom etwas außergewöhnlichen, in den Anfängen steckenden Kleinwinzer, über die graue Eminenz hin zum aufstrebenden, quasi aus dem Nichts kommenden, extravaganten, bis dato nur in Kenner-Kreisen bekannten Shooting-Star. Fehlt eigentlich nur einer der großen Erzeuger, von denen es inzwischen zwei gibt. Die alteingesessene Tornai Pincészet und die von ausländischem Kapital getriebene, nach modernen Standards durchgeplante und gestylte mächtig aufstrebende Kreinbacher Pincészet. Doch dazu später mehr.

Gezeichnet von der Witterung: Türklinken eines verlassenen Presshauses

Gezeichnet von der Witterung: Türklinken eines verlassenen Presshauses

Der für Ausländer schier unaussprechliche Györgykovács Imre, ein weiterer Winzer der Gegend, der seit Jahren hohe Qualität liefert und sich vor allem um Hárslevelű und Olaszrizling einen Namen gemacht hat, war leider ganz offensichtlich nicht ernsthaft daran interessiert, einem Weine anzubieten. Ich habe kein Problem damit, wenn ein Winzer grundsätzlich keine Verkostungen anbietet. Das muss jeder selbst entscheiden. Ich verstehe auch, wenn man vor Rudeln von Säufern zurückschreckt, die nicht ernsthaft an den Weinen interessiert sind und sich bisweilen aus Versehen in eine gute Kellerei verirren. Aber ich habe noch nie erlebt, dass man die zur Verkostung geöffneten Flaschen komplett bezahlen soll. Das kann nicht ernst gemeint sein. Merkwürdiger Ansatz.

Wie dem auch sei. Jedenfalls tut sich einiges am Somló. Es herrscht Aufbruch und Umbruchstimmung. Mit allen Vor- und Nachteilen, die einer beschleunigten Wandlung bestehender Verhältnisse stets inne wohnt. Das Gesicht des Somló ändert sich, das ist augenscheinlich. Die Änderungen kamen in Gestalt von Kreinbacher József, einem Namen, der in Weinkreisen inzwischen für qualitativ hochwertige, interessante Cuvées steht. Am Somló selbst schon etwas länger bekannt und bei manchen gefürchtet ist, da er innerhalb der letzten Jahre am Nagy Somló, dem Großen Somló, selbst und den Nebenbergen Kis-Somló und Ság-Hegy, zusammen mit ausländischen Investoren 80-100 Hektar zusammengekauft und neu bepflanzt hat.

Das ist viel, für das kleinste Anbaugebiet Ungarns. Es bedeutet einen tiefen Einschnitt in die Tradition. Erst mit etwas Zeitverzögerung hatten sich neben den alteingesessenen Größen,

Moderne Architektur, die gut ins Landschaftsbild passt - Kreinbacher Estate

Moderne Architektur, die gut ins Landschaftsbild passt – Kreinbacher Estate

neue Qualitätswinzer empfohlen. Allesamt Familienbetriebe mit größtenteils 4-10 Hektar Anbaufläche. In der Summe sechs, wovon ich drei besuchte. Danach nochmals fünf bis sechs erwähnenswerte Namen, der Rest mehr oder minder Hobbywinzer, die ohne Flaschenabfüllung auskommen.

Mit Kreinbacher hielt hochtechnologische Weinzubereitung, ein ganzheitlicher Marketingansatz mit den inzwischen auch in Ungarn zunehmend aufkommenden durchgestylten Verkostungsräumlichkeiten Einzug. Frischer Wind, der der Region an sich gut tut, sie aus ihrem Schattendasein weht und sogar über die Landesgrenzen hinaus bekannt macht und gewiss noch bekannter werden lässt.

Auf der anderen Seite bringen solche Ansätze logischerweise einen Bruch mit bestehenden Traditionen. Parzelle um Parzelle wurde aufgekauft, größtenteils die besten Lagen am Südhang, in der Riede Tapósó-kút. Die bis dato üblichen, halbmeterhohen Weinbergmauern aus vor Ort
zusammengetragenem Basalt mussten weichen. Breitere, leichter zu pflegende Terrassen wurden angelegt. Die Mauern dazwischen sind heute dreimal so groß, die Steine vom Balaton herangekarrt. Obst-, Mandelbäume und Esskastanien, einst pittoresk in den Weinbergen verstreut, mussten konsequenterweise weichen. Klassische Entwässerungsgräben verschwanden, nun steht nach längerem Regen das Wasser auf den Wegen, wäscht sie ganz allmählich aus. Die Preise für das rare Land schossen in schwindelerregende Höhe. Vielen Kleinstwinzern kam das gelegen. Die nächste Generation hatte sich ohnehin nicht für den Weinbau begeistern können. Andere jedoch haben bis auf weiteres keine Chance, Land hinzuzukaufen.

Dennoch: solange kein echtes Monopol daraus wird, solange kleine und mittelgroße Betriebe existieren können, sehe ich kein ernsthaftes Problem. das sollte, das wird der Markt regeln. Der Wandel ist eine logische Konsequenz, die überall stattfindet, wo der Schritt zu moderner Weinerzeugung vollzogen wird. Gewiss, der Somló verliert einen Teil seiner Tradition. Aber aus ihm wird nun ein Weinbaugebiet, dessen Kellereistruktur der gleichen wird, wie man sie überall sonst auch antrifft. Grundsätzlich ändern wird sich dadurch das einzigartige Terroir des Somló nicht. Und das ist auch gut so.

Der Namensgeber für die beste Lage des Somló, der Taposó-kút (Taposó-Brunnen)

Der Namensgeber für die beste Lage des Somló, der Taposó-kút (Taposó-Brunnen)

Artikel über Winzer/Verkostungen:

1. Spiegelberg Stephan – der Robin Hood vom Großen Somló
2. Onkel Béla – Fekete Béla
3. Takács Lajos und die Renaissance der Postmoderne?

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