Anbaugebiete

Das Weinland Ungarn, das sind sieben Weinregionen und zweiundzwanzig Anbaugebiete.

Das verlangt nach einer Kunstpause, zumindest gleich anfangs nach einem neuen Absatz. Denn, wo Ungarn selbst so klein ist – rund ein Viertel der Landesgröße Deutschlands aufweist – sind diese 22 Anbaugebiete erst einmal unterzukriegen.

Das Weinland Ungarn ist natürlich viel mehr. Aber im Innenverhältnis, geographisch und verwaltungstechnisch und ordnungspolitisch gesehen, ist es so erst einmal fix und korrekt.

In nackten, nüchternen Zahlen macht das zusammen fast genau 300.000 Hektar Rebfläche. Deutschland kommt gerade einmal auf 100.000 Hektar. Die einen, die deutschen stehen unter Ertrag. Die anderen, die ungarischen, nur zu einem geringfügigen Teil. 75.000 ha sind es nämlich, die bewirtschaftet werden. Das ist im vergleich zu den 100.000 deutschen immer noch vergleichsweise viel für das kleine Ungarn. Wie das oft so ist: die Zahlen sagen nicht alles aus. Im Gegenteil. Es gibt auch noch ein paar unfreiwillig stille Reservisten, die in Sachen Qualitätsweinbau nicht in Erscheinung treten.

Bükk wäre so ein Kandidat, um Csongrád steht es kaum besser. Nennen könnte man auch Ászár-Neszmély – und in der gesamten Tiefebene, die statistisch sehr viel Rebfläche ausweist, reichen im Grunde die Finger einer Hand aus, um erwähnenswerte Erzeuger aufzuzählen.

Doch nun weg von den nüchternen, nackten, das Bild verfälschenden und doch einen ersten Eindruck wiedergebenden Zahlen hin zu den einzelnen Anbaugebieten…

  • Alföld/Kunság (Tiefebene)

    Die Tiefebene. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2+/-013. Dies sind die Abenteuer des BorWerk-Autors, der mit seiner ein Mann starken Besatzung seit über 5 Jahren unterwegs ist, um die sandigen Böden zu erforschen, neue Weine und neue Weingüter. Viele Lichtjahre von den qualitativ wirklich spannenden Regionen entfernt dringt er zu Stoffen vor, die nie ein Außer-Ungarn-Lebender zuvor gesehen hat.

  • Ászár-Neszmély
  • Balaton
    • Badacsony (Balaton)

      Beim Balaton, dem Plattensee, muss man stets eine Entscheidung treffen. Wählt man das Südufer, hat man den herrlichen Blick auf das Bergpanorama im Norden. Aber man kriegt es auch mit den größeren Städten und dem Massentourismus in seiner unangenehmeren Ausprägung zu tun. Siófok ist hierfür das Mahnmal schlechthin.

      Wein gibt es hier wie da. Wirklich spannend wird es aber dort, wo es auf der anderen Seite des Seeufers vom Süden aus betrachtet fürs Auge schön wird: im westlichen Norden. Dort fügt sich das Panorama aus zahlreichen Vulkankegeln zu einem Anbaugebiet, dessen Name vom Größen und damit Auffälligsten stammt, dem Badacsony.

      So viel zur Einleitung. Und gleich danach wird es kompliziert. Denn zum Anbaugebiet zählen einige andere Berge. Sie sind mal mehr, mal weniger nah am Wasser stehen gelassen worden. Das, führt zu ziemlich unterschiedlichen Mikroklimata. Schließlich wirkt der See nicht nur wie ein riesiger Reflektor für alle Sonnenstrahlen. Er gefällt sich und den Trauben auch als Wärmespeicher für unzählige Nächte. Die geringe Wassertiefe von durchschnittlich 3,3 Metern tut ihr Übriges, gerne steigt die Wassertemperatur im Sommer auf unsägliche urinwarme Grade.

      An Sonnenstrahlen und Wärme mangelt es in der Regel auch den leicht nach hinten ins Land versetzten Zeugen längst vergangener Aktionismen der Erdkruste nicht, wie etwa dem Szent György Hegy (Berg des Heiligen Georg) oder dem Csobánc. Den Rest gibt dann der Common Denominator, der gemeinsame Nenner aller Berge: der vulkanische Untergrund aus dunkelbraunem bis schwarzem Basalt. Das ist ein Gesamtpaket, das hohe Mostgewichte quasi unabhängig vom Jahresklima garantiert. Viel eher stellt sich die Frage, ob kühlere Sommer im Vergleich nicht gar die besseren Jahrgänge hervorbringen.

      Denn so einzigartig all die Einzelfaktoren hier am Badacsony einen kontinental-submediterranen Mix für mehrheitlich weiße Sorten bieten, so sehr schaukelt sich alles gegenseitig hoch und damit bis zur Ernte im frühen Herbst auch die Zuckergehalte und in der Verlängerung im Keller die Alkoholgrade. Das führt leider auf zuverlässige Weise immer und immer wieder zu schweren, allzu stark vom Alkohol geprägten Weinen. In Verkennung der Problematik oder perverser Geilheit einer entsprechend untragbaren Stilistik wird ein Grauburgunder dann gerne auch mal voller Stolz Brutális genannt, weist er doch 16,5% Vol. aus.

      Wer als Erzeuger über den Tellerrand des lokalen bzw. heimischen, ungarischen Marktes einen Blick geworfen und das Terroir im Griff hat, sprich die physiologische Reife des Erntegutes nicht überreizt, kann wirklich interessante Weine auf die Flasche bringen. Der Basalt bringt ohne weiteres Zutun eine mineralische Note mit, die zu deutlicher Würze und leicht salzigen Einschlägen führt. Lokale Besonderheiten wie die Rebsorte Kéknyelű, der Blaustengler, kommen dann auch noch dazu. Kurz, an sich hat das Anbaugebiet Badacsony einiges zu bieten. Nur, sein Potential ganz ausgeschöpft hat es wohl nicht. Da kann und soll gefälligst noch einiges kommen, bitte.

    • Balaton felvidék (Balaton-Oberland)
    • Balatonfüred-Csopak
    • Süd-Balaton (Dél Balaton)
    • Zala
  • Eger
  • Etyek-Buda
  • Grenzgänge

    Schengen ist zwar noch nicht überall. Das gilt gar für einige ungarische Außengrenzen. Und doch kommt  man um den einen oder anderen Grenzgang nicht herum. Nein, man will ihn sogar, begeht ihn aktiv. Schließlich ist die Welt nie groß genug, gibt es immer etwas jenseits der begangenen Pfade zu entdecken.

    Mit dem Wein und seinen Machern und seiner Herkunft an sich ist das keineswegs anders. Und so handelt der eine oder andere BorWerk-Eintrag hier und da auch von Weinen aus den Nachbarländern Ungarns, deren anliegenden Regionen. Österreich streift meinereins eher weniger. Umso mehr im Blick sind hier auch jene eher selten betrachteten Gebiete, der Norden Serbiens, die Vojwodina, der Osten Rumäniens und dessen Mitte, Siebenbürgen, – und schließlich noch der slowakische Süden. Alle haben ihre Eigenheiten, jeder seinen Charme, überall sind zudem auch noch ungarischstämmige Winzer zugange. Was will man also mehr.

  • Hajos-Baja
  • Mátra
  • Mór
  • Pannonhalma
  • Pécs
  • Somló
  • Sopron

    So richtig schlau wird man aus Sopron nicht. Wie ein überdimensional großer Hemmschuh für die eigene Entwicklung wirkt die unmittelbare Nähe zum Burgenland. Während sich der direkt angrenzende österreichische Nachbar dynamisch entwickelt und gerade in Sachen Blaufränkisch echtes Benchmarking betreibt, scheint das westlichste Anbaugebiet Ungarns sich nur ganz allmählich von der Stelle zu bewegen.

    Was am meisten erstaunt ist, dass trotz des (ähnlichen oder absolut identischen) Potentials kaum Bewegung wahrzunehmen ist unter den Erzeugern. Während zeitlich in Szekszárd, Tokaj oder Villány fast schon mit vorhersehbarer Stetigkeit neue Gesichter den Markt betreten, scheint in Sopron die Zeit still zu stehen. Auf die Frage, welche Namen einem im Zusammenhang mit Sopron spontan einfallen, dreht man sich gefühlt und faktisch seit Jahren wie ein Brummkreisel um sich selbst und kommt immer und immer wieder nur auf ein und dieselben Winzer.

  • Szekszárd

    Es ist eine Krux mit diesem Szekszárd (sprich: ßäckßárd).

    Auf der einen Seite hat man es mit einem Anbaugebiet zu tun, das ab dem Jahr 2000 wie wohl kein anderes eine Dynamik entwickelt hat. Wie nirgendwo sonst in Ungarn tauchte eine Vielzahl neuer Erzeuger auf. Der Großteil sind kleine Betriebe, die Winzer meistens jung und gehören entsprechend der Postwende-Generation an.

    Auf der anderen Seite hat sich dadurch nicht grundsätzlich viel bewegt. Will sagen, zu einem neuen Trend in Sachen Stilistik, zu einer Umpositionierung oder zumindest Andeutung einer anderen Ausrichtung am heimischen Markt hat diese Dynamik nicht geführt.

    Szekszárd ist und bleibt damit eine klassische Rotwein-Region, die mehrheitlich für fruchtbetonte, somit auch eher leicht zugängliche Weine steht. Die verfangen leicht, machen sich selbst dadurch aber genauso vergesslich. Und sie sind durch ihre daraus gewonnenen internationale „Common-sense“-Stilistik bisweilen sehr austauschbar. Kein Thema, auch das soll es, auch das muss es geben. Nicht immer kann und will man anspruchsvolle Weine im Glas haben, die Charakter, Eigenständigkeit und Typizität ihrer Herkunft spiegeln.

    Als sanfter Einstieg taugt ein Alltagsroter aus Szekszárd allemal. Zumal diese Rolle durch die vergleichsweise günstigen Preise unterstützt wird. Wer also diese Kombination sucht, liegt innerhalb Ungarns bei Szekszárd mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig.

    Das ist aber auch die Krux. Denn das allein als USP, das Alleinstellungsmerkmal, reicht mittel- bis langfristig nicht aus. Da hilft es auch nichts, wenn seit einigen Jahren hier und da auch einmal ein Lagenname auf dem Etikett erscheint. Er suggeriert Terroir, bessere Qualität, rechtfertigt höhere Preise, allein – er steht letztlich doch für nichts Spezifisches. Zumindest konnte man das bislang nicht finden. Hier begnügt man sich vermeintlich mit dem erreichten Ist-Zustand, entwickelt sich eher in die Breite, denn in die Tiefe.

    A propos finden: die Selbstsuche, so sie denn überhaupt stattfindet, wird deutlich erschwert durch das Underdog-Dasein, das Szekszárd hinter dem berühmten Nachbarn im Südwesten, hinter Villány spielen muss.  Darunter leiden, mal mehr und mal weniger bewusst, auch die Alteingesessenen der Branche. Diese kann man an einer Hand abzählen: Dúzsi, Heimann, Takler, Vesztergombi, Vida.

    Dann on top noch der virtuell-reelle Konflikt um den echten Bikavér, den Szekszárd mit Eger austrägt und wo man auch tendenziell den Kürzeren zieht, oder eben auch nicht. Einfach weil im Massentourismus-Denken das Stierblut, wie Bikavér ins Deutsche übersetzt heißt, mit der mythischen Geschichte um die Verteidigung der Burg Eger gegen die Türken in 1552 am ehesten in Verbindung gebracht wird. Das ist schlichtweg Pech, dagegen marketingtechnisch anzukommen ungemein schwer.

    Für was steht Szekszárd also noch, neben den zahlreichen jungen Weinmacher-Sprößlingen und zugänglichen Roten für den Alltag? Gewiss auch für die Bemühungen einzelner Erzeuger, die alte Rebsorte Kadaraka wieder zu beleben: durch Versuche mit zahlreichen Rebklonen. Und genau daraus kann sich jene Authentizität und Lokalität gewinnen, nach der man sonst bislang vergeblich sucht.

  • Tokaj
  • Tolna
  • Villány-Siklós
  • Zemplén