Hétszőlő - Főbor 1999Etwas fürs Dessert. Oder auch einfach so mal. Ein „Főbor“, Hauptwein. Von dort, wo sonst vor allem Aszú in aller Munde ist. Aus Tokaj also. 1570 taucht diese Bezeichnungen erstmals auf. Mit dem [vinum] generosum ward eine neue Kategorie für etwas Besonderes, „auserwähltes“ Edelsüßes geschaffen. Neben den Aszús und Szamorodnis der damaligen Welt.

Immerhin dauerte es weitere 150 Jahre, bis sich einer daran machte und einige Zeilen über die Erzeugung von Főbor verfasste. Paul Keller, ein polnischer Weinhändler mit sächsischen Wurzeln. Gut, der hielt vor allem erst einmal fest, dass derlei Hauptweine deutlich länger hielten, also lagerfähig waren als die gewöhnlichen Tropfen der damaligen Welt. Und dass noch gesunde grüne Trauben samt Stielen zusammen mit den überreifen, bereits leicht eingeschrumpften (auf Ungarisch „töppedt“) Beeren aber auch Aszú, also edelfaulen Beeren zusammen gepresst wurden.

Im 18. Jahrhundert geriet der Hauptwein dann langsam in Vergessenheit, um im 19. gänzlich verschwunden zu sein. Die damalige Besteuerung war ein Grund dafür: mit den reinen Aszús verdiente man unterm Strich einfach mehr. Risiko und Aufwand verschweigen wir mal.

Anfang des 20. Jahrhunderts spielten dann einmal mehr Händler eine entscheidende Rolle. Nicht als unfreiwillige  Geschichtsschreiber, sondern weil sie begannen, samorodni/szamorodni zu vertreiben. Noch was Süßes. Und das war letztlich nichts anderes als der Hauptwein. Den slawischen Namen hatten die Händler gegeben, polnischen Juden aus Galizien. Samorodni meint „wie gewachsen“, kurz: es landete alles in der Presse wie es am Rebstock hing – aber frei keine Botrytis-Beeren. Schließlich wurden diese für den edleren Aszú gebraucht.

Nach der Wende, Anfang der 1990er kam man mit der Suche nach den eigenen Wurzeln und der Besinnung auf die Traditionen auch der Szamorodni wieder auf. Und so auch der Főbor, der Hauptwein. Nur eben deutlich weniger prominent als Name eingesetzt.

Der 1999er vor mir war der erste, auf den ich selbst stieß. Das Weingut Hétszőlő, mit seinem Kellerlabyrinth, der Rákoczi Pince, zentral auf dem Hauptplatz des Ortes Tokaj gelegen, hat sich für Kövérszőlő als Grundlage entschieden, reinsortig. „Dicke Traube“ nennt sich die Rebsorte – die Beeren sind in der Tat richtig dicklich -, welche neben Furmint und Lindenblättigem ab und an auch einen Beitrag zu Aszús leistet. Meist fristet sie aber ein Randdasein, wird selten angebaut, gibt nicht allzu viel her.

Im 16. Jahr ist der Hauptwein deutlich gealtert, aber auch noch nicht im Siechenheim. Bernsteinfarben, leicht dicklich schlierend im Glas, mit Petroltönen in der Nase, Orangenkonfitüre, sanftem Holz, Zitrusschalen, Holunder und Honig. Am Gaumen recht fett und ziemlich ausgeprägter, breit angelegter Süße. Das macht ihn leider eindimensional. Säuren fehlen hier, fehlten vielleicht von Beginn an. Dennoch: angenehm warm ist er, mit ordentlich Schmelz, Karamell, auch Honig, wieder Orangenkonfitüre, leicht medizinischem Einschlag als Verlängerung der Petrol-Töne von der Nase an den Gaumen. Das hat dann in sich schon etwas stimmiges, wenn auch nicht tiefgründiges. Ordentliche Länge im Abgang, mit feinem Holzeinschlag und leichten Bittermandeltönen.

Keine Ahnung mehr, wie viel der mal gekostet hat.
Hier geht’s zur recht anspruchslosen Homepage des Weingutes, das sich vor allem touristisch ausgerichtet hat mit Kellerbesichtigung und anschließender Verkostung: Rákoczi Pince.

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