Über Ambrus Bakó, einem Newcomer am Badacsony/Plattensee, der mit optisch blassen und frucht-kargen Weinen Vorurteilen zu Welschriesling trotzt und dabei selbst noch sucht – und findet. Ein würdiges Ende der BorWerk-Serie zu Welschriesling.

 

Bakó Ambrus„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. “Hä? Wie meinen, werter Herr Hesse? Jedenfalls dauert es, ehe der Zauber seine Wirkung entfaltet. Physisch greifbar, optisch sichtbar ist er nicht. Zumindest nicht ohne eine ordentliche Portion Phantasie und Projektionsvermögen in die Zukunft.

Warum? Und um was geht es überhaupt? Um Ambrus Bakó, einen dieser jungen Winzer, die man kurzerhand und etwas überstrapaziert aber hier einfach treffen als passioniert bezeichnet. Seine Beigaben: Er startet ohne eigene Rebflächen, kaum Eigenkapital, hat erst kürzlich eine Familie gegründet und konzentriert sich in seinem Schaffen auf Welschriesling und Blaustengler. Olaszrizling und Kéknyelű sagt er dazu, ist nämlich Ungar, der Ambus Bakó.

Hmm? Geht’s noch? Ja, Riesling. Und, noch ein ja und nicht das Letzte: die alle kühlt er hinter seinem so schönen, weil alten aber eben auch baufälligen Présház, Weinhaus aus dem 19. Jahrhundert, in einer Notlösung. Anders bezeichnet er selbst das Konstrukt aus Pressspan und extradicken Styroporplatten, gespeist mit Luft aus einer außen angeflanschten Klimaanlage nicht. Denn der Keller unterm Haus ist längst zu klein geworden. Mikro-Betrieb hin oder her.

Von dort holt der studierte fast-Doktor der Molekularbiologe Ambrus Bakó nun einzeln, Flasche für Flasche, zum Verkosten. Man selbst sitzt derweil auf der Veranda und damit faktisch in der Sommerküche. Die Nachmittagssonne brennt bei 38 Grad unerbittlich auf den Rücken. Durchaus realistische Bedingungen also. Zumindest kann man sicher sein, dass nicht gerade wenige Konsumenten genau dabei genau diese Weine genießen. Die einfache Formel: was hier und jetzt gefällt, kann was!

Sommerhitze, Basalt

Und die können was, die Weine. Sie widersetzen sich all dem Unbill und damit auch der gemeinen Ansicht, dass aus Welschriesling nichts werden kann. Charakterschweine sind das, allesamt. Karge Gesellen, die Genügsamkeit lernen mussten. Karge Böden vulkanischen Ursprungs, dunkles Basaltgestein, teils nur wenig Erdkrume obenauf. Markant und bekannt: die sogenannten Basaltorgeln, dunkelbraun-schwarzgrau erstarrte Lavasäulen, die am Badacsony entlang des oberen Felsabbruchs hier und da in Reih und Glied stehen.

Das ist die Bühne für den Weinbau hier am bekanntesten Abschnitt des Plattensee-Nordufers. Hier, wie in allen Anbaugebieten Ungarns kämpft man gegen die Zeit, gegen die Vergangenheit. Auch hier haben ein paar Jahrzehnte mit einem totalitären Regime vieles zerstört, Gulaschkommunismus hin oder her: Qualität im Weinbau, aber eben auch Tradition. Seither sucht man und meint inzwischen, gefunden zu haben. Olaszrizling, „Italienischer Riesling“ in der direkten Übersetzung soll Zugpferd und Wiedererkennungsmerkmal, Benchmark des Anbaugebietes Badacsony sein. Von „unglücklicher Wahl“ bis „Dummheit“ sagen manche. Und mit ausländischer Augen und Ohren, vor allem aber Gaumen muss man zwingend, ja spielend leicht erst einmal zur selben Antwort kommen.

Schließlich steht es um den Ruf des Welschriesling, der so gar nichts mit dem deutschen Namensvetter zu tun hat, alles andere als gut. Das lässt sich auch hier, am Balaton nachvollziehen. Spielend leicht geht es dann, wenn man naiv – man könnte auch sagen primitiv und träfe die Sache im Kern – den unzähligen Schildern lokaler Erzeuger folgt und sich dem nichtssagenden bis völlig unsäglichen Erzeugnissen hingibt. Das einfachste Erkennungsmerkmal ist der Kunststoffkanister, gerne auch in handliche und optisch ungemein ansprechende Fassform gepresst. Einmal Schnuppern, zur Not auch ein Schluck und alles ist gesagt.

Doch es geht eben auch anders. Hier und da. Nicht allzu oft, aber oft genug, um Potential zu erkennen und Abbitte zu tun. Ambrus zeigt das. Die Mittel sind einfach und, ja im Grunde schon altbekannt: Sorgfalt im Weinberg, bei sommerlichen Hitze gilt es, ein besonderes Augenmerk auf die Laubwand zu haben. Grünarbeit. Vergoren wird spontan. Ausbau in Holz, Reifung in Holz. Nicht zu lang. Nicht zu viel. Nicht zu frisch. Ach ja, das Spontane. Das gehört auch in Ungarn fast schon zum Standardrepertoire jener Erzeuger, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, „handgemachte“ Weine mit eigenem Charakter oder eben besonderer Stilistik zu schaffen. Meist reicht das freilich nicht. Hier, bei Ambrus Bakó schon.

Welschriesling, Riesling, Grauburgunder – und Blaustengler

Der 2012er Welschriesling „Teraszok“, Terrassen gibt den Einstieg. Karger Boden. Windige Stelle. Sommerliche Hitze. Warme, vom See als Wärmespeicher gespeiste Nächte. Dier Ertragsreduzierung findet auf natürliche Weise statt, wird für Ambrus Bakó gratis mitgeliefert. Am Ende standen etwas mehr als 3000 Flaschen von dem einen, schmalen Hektar. Experimentiert wird noch, munter. Der Ausbau fand in acht unterschiedlichen Gefäßen statt. Gerne setzt Ambrus auch Glas ein. Dieses Experimentieren: auch das typisch, für das Ungarn der Nachwendezeit, die andauert. Sehr gerade, ausgeglichen, schlank und direkt kommt der Wein daher. Leicht wirkt er, fast ein wenig verspielt noch. Mit einem steinig-mineralischen Einschlag, der an der Luft sich zunehmend stärker ausprägt. Eher verhaltene Säuren, Frucht Fehlanzeige.

Dann der Badacsony, aus 2014. Ein sehr schwieriges Jahr, auch am Balaton, auch am Badacsony. Gesundes Traubenmaterial, aber wenig Ertrag, viel Säure und das für die Gegend noch spät, Anfang Oktober – gleichzeitig auch recht früh und recht viel Botrytis, ein ungewöhnlicher, schräger Reifeverlauf. Ambrus entschied sich für den Mittelweg als Ausgang und damit eine Cuvée als Kompromiss: 55% Olaszrizling, 26% Riesling, der Rest Grauburgunder und Zenit, eine autochthone ungarische Rebsorte mit eher überschaubarem Erfolg. Mit 12% ein leichtes, letztlich in sich ruhendes Weinchen, das schon jetzt viel Zugänglichkeit zeigt, unkompliziert sich öffnet. Das Spiel aus Botrytis und Säure, die pragmatisch abgerungene Balance daraus stimmt. Eine Riesling Nase mit ungewohnter Verlängerung aus weißem Pfeffer. Harmonisch, mit floral-fruchtiger Frische, Holunder, Zitrusfrüchte, gelbes Steinobst an einem runden, nicht zu tiefen Körper.

Der 2013er „Rózától“, d.h. aus der Lage „Rózá“ ist dann wieder reinsortig und welsch. Sehr sauber und klar und spritzig. Feine Säuren, leicht vibrierende Mineralität, zarte Anklänge von grünen Äpfel – aber man soll es ja nicht Übertreiben mit der Frucht. Schalen von halbreifen Birnen und Quitten, hier etwas hart, herb, würzig, aber alles sehr gesetzt, gedeckt. Der 2014er daneben, auch mit knapp 12,0% Volumen und in Kleinstmenge überhaupt nur gelungen und ohne Botrytis wirkt daneben steinig, vegetabil und härter, auch einfach noch verschlossener.

Es folgt der 023/18 Szőlőlskert Rajnai Rizling aus 2013 hat dann immerhin 13,5% aus dem Traubengut gewonnen. Der Name steht für die Kennzeichnung der Anlage, des Weinbergs. Neben den bisherigen, vor allem den anderen reinsortigen Weinen ein fast schon barock anmutender Geselle. Mandarinen und Mango in der breiten Nase. Mit Schmelz, etwas Restzucker am Gaumen, fast schon anleihen von Parfüm, reifer Pfirsich, aber auch Salz und Stein und Wärme und Breite. Nicht fett und auch nicht gefällig oder nuttig, aber sehr präsent und stolz und mit ordentlich Tiefgang. Mit ihm brach Bakó’s Händler, Bortársaság, erstmals die Preispolitik und setzte ein Zeichen nach oben. Knapp 15 EUR die Flasche, die anderen liegen alle bei 10-12 EUR, sanfter Mut.

Dass das ausgerechnet mit dem echten Riesling geschieht und nicht mit einem seiner Welschrieslinge ficht Ambrus Bakó nicht an. Ohnehin interessiert ihn die Rebsorte letztlich an sich nicht, wie er in einem Nebensatz beiläufig, lapidar anmerkt. Wie das? Was dann? Keiner weiß bislang, was es ist oder sein könnte. Aber Ambrus will zeigen, was drin steckt – im Weinberg, in diesen hitzigen Basalthängen, die diese Region auch gut sichtbar ausmachen.

Dieses abstrakte „Was steckt drin?“ treibt ihn also gleichermaßen um und an, seit er begonnen hat, sich mit Wein zu beschäftigen. Eine klassische Ausbildung oder gar ein Studium der Önologie hat Ambrus Bakó nicht genossen. Sein Lehrmeister und Ziehvater im Weine bereiten gleichermaßen war István Németh von der Németh Pince am Badacsony. Hier entwarf er früh das Bild eines in sich ruhenden, ausbalancierten und doch permanent, vom ersten Schluck an fordernden Wein. Der ist ihm aus eigener Sicht mit dem 2013er Kéknyelű gelungen. Dabei ist die autochthone Blaustengler-Rebe alles andere als einfach im Handling. Das fängt damit an, dass sie ausschließlich weiblich ist, also andere, doppelgeschlechtliche Pflanzen dazwischen gesetzt werden müssen. Frostschäden sind immer mal drin, da früh treibend. Und sie endet leicht in einem gesichtslosen Säure-Bad.

Das gilt ganz und gar nicht für den „A villa melett“, neben der Villa. Der kommt druckvoll und fordernd daher. Fast schon zu viel und in jedem Fall überraschend in dieser Reihe. Gewiss tragen die 7 Gramm Restzucker nicht unwesentlich zum Stilbruch dabei. Vielleicht ist es auch das, was Ambrus Bakó zum Nachsatz verleitet, dass das heute vermutlich nicht mehr seinem Ideal entspricht. Apfel, Birne, Quitte und Melonen-Kaugummi in der Nase. Extraktreich. Mit einem engen Fruchtkern, Pfirsich, Apfelschalen vibrierenden Säuren, feiner Zitrus-Tänzelei, klar und gerade, etwas bauchig  durch den Süße-Einschlag und förmlich erbeißbarer mineralischer Bitternote. 10,1 Gramm Zucker bei einem pH-Wert von 3,5. Eine nicht unübliche Kombination für Ambrus, für den Badacsony.

Zum Abschluss nochmals ein Olaszrizling. Der Welschriesling aus dem schönsten Fass des nicht einfachen Jahrgangs 2010. Nochmals ein niedriger Alkoholwert von 12,5%. Ein Segen, ein Zeichen von Entwickeltsein, bei weitem aber kein Standard in der Region. Leichte Petrolnase, Birnen, gelbe Trauben. Da lehnt sich jemand gerade entspannt zurück. Nimmt ein wenig Auszeit, wirkt wesentlich breiter, aber auch flacher. Aprikosen aus der Dose. Stein. Flechten. Schon wieder diese Kargheit. Nicht abweisend, aber auch nicht werbend. Und sehr hell im Glas, fast durchsichtig. Auch eine Wahrnehmung von Ambrus Bakó: „Je länger ich hier Wein erzeuge, je mehr ich lerne, besser werde, mehr weiß – umso heller wurden meine Weine.“ Warum das so ist bleibt offen. Wie so vieles in diesen Jahren der Suche und Findung. Aber der Anfang ist gemacht. Mit Welschriesling.

Die Weine kosten zwischen 10 und 15 EUR und sind über die Weingesellschaft, d.h. den ungarischen Händler Bortársaság zu beziehen.

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