Kaláka Pince

Es war bei der Verkostung der Tokaj Wine Artisans Society im Onyx Restaurant, als meinereins ihn live erleben durfte. Dort hielt „er“ eingangs eine kurze Rede. Das war im November 2008. Danach dauert es einige Zeit, ehe man sich wieder sah und er mir auch erstmals vorgestellt wurde – beziehungsweise ich ihm. Das war bei der ersten Großen Furmint-Veranstaltung, damals noch in der Andrássy-Universität. Er hinterließ dabei gar einen etwas arroganten, unfreundlichen Eindruck.

Er, der Kenner Tokajs. Er, der in einigen wegweisenden Büchern und der Weinzeitschrift Borbarát auf einem Niveau und mit einer Detailkenntnis sein Wissen kund tat, wie es viel zu selten der Fall ist in der ungarischen Weinwelt. Die Zeitschrift gibt es nicht mehr. Zu viel des Guten, zu anspruchsvoll, und all das in Zeiten, als es mit Print schon längst bergab ging. In Osteuropa fing das früher an, als etwa in Deutschland.

László Alkonyi, eine Koryphäe, eine, nein die Instanz wenn es um Tokaj geht. Wohl keiner weiß mehr über Tokaj, seine Weine, seine Erzeuger, seine Lagen und überhaupt von der Gegend, ihrer Geschichte, dem Land, den Menschen, Pflanzen bis zu den Tieren. Konsequent schreibt er nur über Tokaj. Warum sollte man, so László, auch die Zeit mit anderem verbringen, wenn es doch diesen heilig anmutenden Flecken Erde gibt, der so viel Potential hat und schon jetzt so viel Wunderbares hervorzubringen weiß.

Nun, nach einem kleinen Exkurs ins Internet, dem abgebrochenen Versuch, eine Verkostungsdatenbank zu Tokaj aufzubauen, hat László die Seiten gewechselt. Lange genug hat er wohl mit ansehen müssen, was andere sehenden Auges vermeintlich falsch – oder sagen wir lieber: anders machten, als er es tun würde. Aus dem was wäre wenn ist nun ein „so!“ geworden. Und er, der in Wirklichkeit alles andere als arrogant ist, ein meinungsstarker, streitbarer, positiver, durch und durch sympathischer Kerl. Ausgerechnet der muss sich jetzt der Kritik stellen.

Er legt vor. Mit drei Weinen. Einer halbsüßen Cuvée aus Furmint und Hárslevelű. Und zwei (so sehe ich das zumindest, quasi) reinsortige Furmint, der eine aus der Nähe des Ortes Tállya und der andere auch, jedoch ausschließlich aus der Lage Tökösmál. Allen gemein ist: sie muten wie Feenwesen an. Das sind so luftig-leichte Geschöpfe, aus einer so filigranen Stoffigkeit, dass man schier kurz Angst hat, Sie allein schon durch das In-Den-Mund-Nehmen zu verletzen. Das scheint, das ist, ein gutes Stück weiter getrieben, ein neuer Stil in Tokaj zu sein. Die Weine sind leicht, wirken so – und haben eben doch alles, was es braucht. Dass sie leicht sind, diese zarten Gebilde, heißt nämlich nicht, dass sie nicht komplex sind und einem vieles zu sagen haben.

Konkret, wurde hier einmal mehr sprichwörtlich Handarbeit geleistet, und zwar Kärrnerarbeit. Ein Beispiel: an einem Tag wurden nie mehr als 80 Liter Most eingeholt. Jeder Wein wurde aus vier-fünf kleinen, schnellen Pressvorgängen mit den Rappen, den Traubenkämmen, gewonnen. Eine Korbpresse kam dabei zum Einsatz, das Traubenmaterial zuvor nochmals zwei Mal selektiert und dabei nicht nur die kranken, sondern auch die von (den wenn man so will gesunden Pilzen, der) Botrytis befallenen Beeren entfernt.

Die schönsten wurden zu den trockenen, reinsortigen Mustern verarbeitet. In jenen Fällen, in denen László sich nicht sicher war, ob der Wein den trockene Ausbau im Sinne seiner Vorstellung von Struktur, Stilisitik und freilich auch Qualität Stand hielte, wurden die Beeren zum halbsüßen Weißen verarbeitet.

Teil der Philosophie ist, dass auf den Etiketten weder die Rebsorte, noch der Ausbau/Weintyp, d.h. ob trocken oder süß oder ein Spielelement dazwischen erscheint. Der „Basiswein“ trägt den Namen des Anbaugebietes, Tokaj. Die Auslese, hier eine trockene, trägt den Namen Tállya. Das Beste vom Besten wird nach der Lage benannt, aus der der Wein stammt. Außergewöhnlich ist auch, dass die besten Weine immer trocken sind bzw. sein werden und der „Gutswein“ stets süß, bzw. halbsüß.

Eben dieser, letzterer, der Tokaj also mit 66 Gramm Restzucker und einem Alkohol von gerade mal 9,5% Vol. ist ein profunder Einstieg, der so was von nicht unterschätzt werden sollte – aber gewiss gerne unterschätzt wird. Die Nase: Orangenhain im Sommer, Brunnenwasser, Äpfel, Meersalzluft, unterkühlt, fein-fruchtig, leicht und doch auf spielerische Weise elegant. Die Säuren sind erst angriffslustig, besinnen sich dann aber doch eines besseren und geben von da an begleitend, nein, wohl eher führend den Tankt an. So swingen sie sehr fidel zusammen mit dem Zucker, dass ihrem Tanzboden, der Zunge, fast schwummerig wird. Das macht er mit einem auch sonst am Gaumen – bis zum ende hin eine feine Mandel-Bitterkeit in einem verlockenden Strang sich stärker nach vorne drängt. Dazwischen: Cashewkerne, abgeschabte Haut unreifer grüngelber Äpfel, aber vor allem Aprikosen, Aprikosen und abermals Aprikosen. Die bleiben mit einem Zitronenspritzer lange zurück. Trinkfreue mit Fundament.

Der Tállya kommt dann nur noch mit rund 30 Gramm daher. Die Säuren aller drei liegen übrigens bei rund 9 Gramm pro Liter, in der Wahrnehmung freilich sieht das anders aus. Auch hier scheint eine sanfte Hand einem den Weg behutsam zu weisen. Die Säuren hingegen sind ein gutes Stück prägnanter, klar, nein transparent. Kurzgefasst könnte man von einem Spiel von Zitronenmelisse und Sommerminze reden. Schlank kommt er daher und dabei auch elegant. Kieselstein, Salzwasser auf der Haut, leicht angetrocknet an frühsommerlicher Meeresluft, die Restsüße wirkt als feine kleinwüchsige Balletteuse so behutsam auf den Rest ein, dass ein zarter Schmelz entsteht, aber kein Zerrbild in jedwede Richtung. Orangensaft und Pfirsich im Unterbau mit Substanz. Ein latenter Druck zieht sich durch, das Zitrus-Finish etwas zu ausgeprägt.

Der Lagenwein aus der Tökösmál hat dann nur noch 13 Gramm Restzucker. Hier kommt vielleicht das am deutlichsten zum Tragen was man gemeinhin Mineralität nennt und heutzutage fürder hin in jedem Wein vermutet, in jeden gerne rein interpretiert. Das lässt sich an einer kalkigen Note, einem gazeartigen Schleier, festmachen, der am ehesten noch mit dem Geruch an einem geleerten Mineralwasser-Glas festmachbar ist. Unreife Kiwi und Stachelbeeren machen die Frucht, vegetabile kräuterähnliche Noten wirkend kaum merklich ein, Brennnessel, Minze, frühsommerliche Gräser. Die Säuren wirken hier – so doch ziemlich deutlich und gen Ende wieder etwas zu stark – dann erstaunlicherweise etwas weniger ausgeprägt, abgerundeter. Wieder ist da dieser sanfte Druck, der auf quasi aristokratische Weise und also wenn man so will mit viel Understatement auf den Gaumen einwirkt. Wieder wirkt auch dieser Wein leicht und spielerisch- und ist es eben doch nicht, legt in seiner Gesamtheit eine Ernsthaftigkeit an den Tag, die einen kurzzeitig etwas sprachlos sein lässt.

Alle Weine stehen nach über einer Woche wie eine Eins. das ist nie selbstverständlich. Von László allerdings hatte ich nichts anderes erwartet. Es sind bemerkenswerte Erstlingsweine. Manch einer, genauer: viele wären wohl dankbar und voll und ganz zufrieden, wenn sie dergleichen nach zehn, zwanzig Jahren zustande brächten. Es gibt zweifelsohne noch Luft nach oben. Aber schließlich sind das nur die ersten Schritte und allein an der Stilistik, die ein Stück weit an deutsche Rieslinge von der Saar erinnert. Gut, dass es sie gibt. Gut, dass sie gegen die 14% Vol.-Front wirken können und wirken werden. Gut, dass László die Seiten gewechselt hat.

Wo es die Weine gibt? Im Weingut, bei László. Ob überhaupt von diesem ersten Jahrgang etwas auch auf diese Weise – „ab Hof“ – für Außenstehende auf dem Markt erscheint, ist mir erst einmal nicht klar. Die Menge ist: verschwindend gering. Der Preis, so es einen gibt: mir nicht bekannt. Die Zukunft: ist und bleibt damit spannend. Danke, László. Und viel Glück!

P.S.: Geplant ist es, fest. Wenn es rein passt, werde ich im Juni bei ihm vorbei schauen, und ausführlicher über den per se spannenden Ansatz erzählen können.

Kaláka Pince

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