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Oft dort gewesen. Immer überzeugt weggegangen. Überfällig war das Schreiben. Über Királyudvar, dem „Königshof“ von Anthony Hwang. Eine der besten Adressen Tokajs, die früh erkannt hat, wo der Weg hin führt. Und den Spagat zwischen Moderne und Tradition exzellent darbietet – vom charakterfesten trockenen Furmint bis zum atemberaubenden Aszú.

 

Gut fünf Jahre ist es nun her. 2008 war es. Anthony Hwang und Szabolcs Juhász sitzen zusammen, verkosten eine Reihe von Weißweinen von internationalem Format. Drei deutsche Rieslinge sind auch darunter. Und daneben, die eigenen trockenen, halbtrockenen und halbsüßen.

Sie lassen sich Zeit. Diskutieren viel. Zeigen sich kritisch. Auch Proben verschiedener Jahre aus einzelnen Parzellen ihrer Weinberge haben sie vor sich. Man will es ganz genau wissen. Bestandsaufnahme, Benchmarking – und im Kern die Frage: können die eigenen Gewächse einmal in dieser Reihe stehen? Gemeint sind vor allem der „Sec“ und der „Demi Sec“. Királyudvars (sprich: kirai‘udwahr) Antwort auf das, was in Tokaj erst um die Jahrtausende begann, dann aber so dynamisch wie experimentierfreudig: die Beschäftigung mit nicht-edelsüßen, vor allem trockenen Weinen.

Auftakt im eigenen Sec-undentakt

Das Ergebnis in Gestalt des aktuell erhältlichen 2011er „Sec“ zeigt Format und Potential, in sich und für seine Nachfolger. Aus vier Lagen stammen die Trauben, wurden wie immer recht früh, ab Mitte September geerntet, der Frucht wegen. Quitten und Birnen, die sich auch in der Nase eindringlich goldgelb und reif breit machen. Dort warm und breit, am Gaumen eher kühl und zurückhaltend. Die Säuren sind markant, die Mineralität fordernd. Das erzeugt Druck, da kommt auch Breite und Tiefe und Spannung. Der Ausbau in 500 Liter Eichefässern wirkt lindernd, abrundend, Volumen verleihend.

Das Holz kommt aus der Region, aus Zemplén. Der „Sec“ aus Furmint, jener großen, und abrufbar so vielschichtigen und vielverwendbaren festen weißen Größe aus Ungarn, hat was burgunderhaftes. Und bleibt doch durch und durch seiner Scholle und Identität treu: recht mächtiger Körper, ordentlich Druck, deutliche Säure-Ansagen, karge Frucht, maskulin, fordernd. Er kann eine noch nicht erkannte Lücke schließen. Oder einfach die Reihe jener internationalen Weißen mit Format fortschreiben. Ein Stück fehlt ihm vielleicht, noch. Ein weiterer Zwischenschritt dahin ist mit ihm gelungen, allemal.

Gelebte Passion, geglückte Investition

anthony_hwangJedenfalls kann Anthony Hwang stolz und zufrieden sein, nach so kurzer Zeit so weit gekommen zu sein. Er, der schon länger mit der Domaine Huët an der Loire wegweisend unterwegs ist, übernahm das Weingut nicht allzu lange nach der Wende, im Jahre 1997. Hwang ist viel mehr als reiner Investor, lebt die Weine, für die er steht, interessiert sich für alle Details und wirkt aktiv bei der Gestaltung des Portfolios mit. Ein Glücksfall für Királyudvar und Tokaj, diesen hochintelligenten und erfolgreichen amerikanischen Geschäftsmann mit chinesischen Wurzeln für sich gewonnen zu haben.

Allein schon der Sitz ist neben den modernen Bauten großer Güter der Region wie etwa Oremus oder Disznókő einzigartig. Jenes mit viel Aufwand restaurierte historische Gemäuer wirkt auf den Besucher mit seinem Innenhof, den weiten Bögen und dicken Mauern harmonisch elegant einladend und distanziert erhaben abweisend gleichermaßen. Er spürt die Geschichte.

Geschichtsträchtig im Jetzt

kiralyudvar_02Királyudvar meint Königshof. Diesen Namen verdankt das Gut der der Doppelmonarchie, als die Habsburger Kaiser gleichzeitig auch König von Ungarn waren. Doch schon deutlich früher, im 16. Jahrhundert, ließen ungarische Könige hier Wein erzeugen. Schon damals erkannten die Ungarn die außergewöhnliche Qualität des Terroirs und Vielfalt der Böden und führten ein erstes Appellationensystem ein, unterteilten die Weinberge in Lagen und klassifizierten diese.

Einige Filetstücke hat Anthony Hwang sich noch in den 1990er Jahren gesichert. Über 100 Hektar nennt er nun sein eigen. Ein Großteil steht noch nicht unter Ertrag. Auf den Böden im Jetzt spannt sich der Bogen in die Vergangenheit. Die ruhmreiche Geschichte Tokajs fordert heraus, verlangt ihren Tribut. Gleichzeitig fragt der internationale Wettbewerb nach mehr als „nur“ Edelsüßem im klassischen Stil – und nach verständlichen Weinen. Wie dem mit 20,5 g/l Zucker bei 6,0 Säure halbtrockenen Demi Sec aus 2009, dem von Beginn an zugänglicheren Furmint des Hauses. Feine Rauchtöne, goldgelbe Apfelfrucht, Holz. Der Schmelz wird allenfalls durch die mineralischen Stränge unterbrochen.

Die Trauben entstammen der Lage Becsek (sprich: bätschäck). Böden aus gelbem Ton und vulkanischem Rhyolith-Tuff bringen breite und feine Würze ein. Es dominiert aber eine Geschmeidigkeit, eine Rundheit, die es fast schon zu weit mit einem treibt. Einen guten Tick prägnanter und doch auch wie ein moderner Klassiker kommt da der halbsüße Lapis daher, ebenfalls aus 2009.

Blick von oben – runter fürs Wesentliche

kiralyudvar_lapisLapis (sprich: lapisch) ist eine der bedeutendsten Lagen Tokajs. Anthony Hwang nennt hier die besten Teile, die höchsten Terrassen sein eigen. Schneeweißer Rhyolith liegt auf den graubraunen Tonkrumen feinporig-leicht oben auf. Der Blick von dort oben: traumhaft. Die Weine: klar und markant. Dieser hier: Grapefruit und florale Noten in der Nase, zart schmelzend am Gaumen, mit moderner, frischer grün-gelber Knackapfel-Frucht, klaren Säuren, einem feinen medizinischen Einschlag, aber gänzlich ohne Botrytis-Trauben – die luftige Höhe macht‘s. Inzwischen ist man bei 60 g/l Restzucker angelangt. Kurze Auszeit.

Dafür wieder runter von den Terrassen und zurück zum Anfang und damit Wesentlichen. 2008, da übernahm Szabolcs Juhász (sprich: ßaboltsch juháß) die Arbeit von Zoltán Demeter. Dieser war und ist heute als selbständiger Winzer mehr denn je eine der Lichtgestalten und Aushängeschilder Tokajs, Vorbild und ja fast wahnhafter, streitbarer Perfektionist. Auch bei Királyudvar hatte er das Grundkonzept im Wesentlichen eingeführt und damit Standards gesetzt. Den Sec als trockenen Basiswein und Demi Sec als halbtrockene, jahrgangsabhängige Ergänzung und den Lapis in guten Jahren als halbsüße Verlängerung. Am oberen Ende ein vollumfänglicher Aszú. Ein Muss. Reminiszenz an die Tradition, die Wurzeln, die Kernidentität der Region.

kiralyudvar_03Da passte aber für den Pionier einer bestechend klaren Stilistik noch etwas dazwischen. Ein Muss, diesmal aus Sicht des Marktes. Der lag und liegt für Királyudvar auch in Ungarn, aber mehrheitlich im Ausland. Und der fragte für den Einstieg in diese so anders geartete Weiß- und Süßweinwelt Ungarns neben Sec und Demi Sec auch nach einer Antwort am süßen Ende. Die nennt sich Cuvée Ilona, nach der Ehefrau Hwangs. Und ist eine moderne, komplexer Süßweinkreation mit viel Verve.

Schrittweise stieg der Zuckergehalt bis dahin. Jetzt der Sprung auf 192. Jahrgang des Wandels: 2008. Aszú- also edelfaule Trauben aber im Ganzen mit Stiel verarbeitet. Sieben Monate lang kleinen Holzfässern überlassen. Kandierte Früchte in der Nase. Verhaltene Botrytisnoten. Und: Aprikosen satt – und vollreif. Am Gaumen auch, eine Aprikosen-Badeanstalt. Als Zugabe: frische Säuren und tropische Früchte samt zart-einlullendem Schmelz. Und: wenig Botrytis-geprägt. Genau darauf ist er angelegt. Ein subtil-leichter, spielerisch-tänzelnder und doch erstaunlich tief gehender, komplexer Edelsüßer – wenn man sich auf ihn einlässt. Das darf, muss man aber nicht. Ohne Anthony Hwang nahe treten zu wollen: diese Ilona ist eine Verführerin. Oder, Geschlechterwechsel: der Key Accounter, Gate-Opener. Recht preiswert und extrem verfänglich. Wer da scharf wird, verlangt nach mehr, öffnet sich auch für den Rest. Genau so ist es angelegt.

Szabolcs macht auf Rudolf

Doch wo war man? Back to 2008 – und abermals ins Jetzt. 2008, ein Umbruchjahr für Királyudvar. Das Grobkonzept stand. Szabolcs Juhász dreht seither als an den Stellrädchen. Fine Tuning. Und doch mehr: die Umstellung auf biologisch-dynamischen Anbau läuft seit sechs Jahren. Ein echter Akt, der dauert, erst recht bei dieser Betriebsgröße. Und der noch recht junge Winzer setzt für sich noch eins oben drauf. Rund 15 Hektar werden inzwischen nach der Philosophie Rudolf Steiners bewirtschaftet. Mehr schafft er selbst nicht. Und seine Leute sind noch nicht so weit. Explizite Lagenweine für die Profilschärfung sind erst einmal kein Thema. „Jeder lagenselektierte Wein, den wir zu unserer Liste hinzufügen würden, so Hwang, muss unverwechselbar sein. Er muss für sich stehen können, ohne gesonderten Holzausbau oder künstliche Hefen. Und, am wichtigsten: er muss uns eine eigene Geschichte erzählen können.“ Verständlich, gut und auch nur konsequent, dass das Portfolio schlank geblieben ist.

kiralyudvar_04Bleibt das Finale. Ein atemberaubender Abgang von der Bühne. Zeit für den Klassiker. Live. Unplugged. Der 2006er Aszú Lapis, 6 puttonyos, 6-puttig. Dick aufgetragen? Nein. Exkurs, die technische Seite, nackte Zahlen: 203 g/l Zucker bei 8 g/l Säure. 24 Monate gereift in 225l Eichenfässern. Ein Traum für Auge, Nase und Mund. Allesamt ausgleitend, benetzend, belegend. Unverschämt. Flüssiges Gold. Aprikosen. Pfirsich. Mango. Dicht. Getrocknet. Gepresst. Verdichtet. Nochmals durchlaufen. So konzentriert. Rosinen, Honignoten, Karamelltöne, Kandiszucker. Schmelz. Und bei alledem, als Kontrapunkt und Spannungsbringer: frischeste Säuren. Laaaaang. Vorhang. Standing Ovations. Ende.

 

Dieser Artikel ist als Zweiteiler auch auf CaptainCork erschienen, hier und hier.

 

kiralyudvar_04Dass es sie nicht gibt in Deutschland sagt nichts über die Weine, aber einiges über die hiesigen Händler aus. Und dass der Weltreisende und Weinkenner Anthony Hwang sich der Starken Konkurrenz im Riesling-Heimatland bewusst ist. Dennoch: Királyudvar-Weine stehen auf den Karten aller Michelin-Restaurants in Schweden und Frankreich, wie etwa Alain Senderens und Guy Savoy in Paris und zahlreichen namhaften Restaurants in den USA.

Zu kriegen sind sie dank EU völlig problemlos direkt ab Weingut oder beim sehr gut sortierten Budapester Händler Terroirclub.

Der Einstieg ist nicht gerade günstig:

Sec 2011 für 16 EUR

Demi Sec 2009 für 18,50 EUR

Tokaji Furmint Lapis 2009 für 14 EUR

Ilona Cuvée 2008 für 34 EUR (0,5l)

Und, im Grunde ein Schnäppchen (nur ab Weingut): Aszú Lapis 6 Puttonyos 2006 für rund 85 EUR (0,5l)

Auch ein lagenselektierter Sekt auf Furmint-Basis ist im Angebot, hier leistete Királyudvar mit dem 2007er Jahrgang auch Pionierarbeit. Derzeit ist der 2009er Henye zu haben für 27 EUR.

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