Viel Wein, viel Freud‘. Mehr bedarf es angesichts dieser Runde kaum zu sagen.

Mit Aszús ist es ein wenig wie mit der Schachtel Pralinen, man weiß nie was man bekommt. Dummer Spruch aus blödem Film, ja. Einen Süßwein, das kriegt man. Stimmt genau. Doch was genau für einen, das ist erst einmal offen.

Denn: die stilistischen Unterschiede zwischen den einzelnen Erzeugern sind doch erstaunlich groß. Dann gibt es aber doch wieder Vergleichwerte, Linien zeichnen sich ab. So etwas schreit nach Kategorisierung, nach Ordnung. Und nach einigen Hintergrundinformationen, etwas Abhilfe, möglichst kurz.

Drei, vier, fünf, sechs – setzen!

Namhafte Erzeuger wie Királyudvar, István Szepsy, Bott und Zoltán Demeter beschränken sich seit längerem auf 6-puttige Aszú. Darunter geht bei ihnen nichts mehr. Die Großen, allen voran Oremus, Hétszőlő und Disznókő haben mehr Traubenmasse und fahren hier schlichtweg auch eine andere Strategie und bieten in ihrem Portfolio von drei- bis sechs-puttigen Edelsüßen alles an.

Die Verschlankung des Sortiments bei den anderen markiert aber zumindest indirekt auch eine Trendwende im Stil der Tokajer, wie die Aszús im deutschen Sprachraum fälschlicherweise verkürzend bezeichnet werden. Um die Jahrtausendwende wandten sich einige Erzeuger, unter anderem und vor allem einige der oben zuerst genannten, einem neuen Stil zu. Der bedeutete die Abkehr vom schweren, breit aufgestellten und primär stark durch seine Süße geprägten Dessertwein. Der konnte und kann zwar in sich schön sein, ist aber weniger zugänglich, tendenziell weniger dimensional, verdeckt bisweilen unnötig das deutlich breitere Potential der „Botrytis-Destillate“.

Neuer Stil. Jahrtausendwende als Trendwende

Die erste Kategorisierung ist demnach eine stilistische. Der moderne Aszú-Typ findet sich zeitlich etwa seit dem Jahr 2000 in der Flasche – logisch, dass nicht in jeder. Jedenfalls kommen diese dann oftmals mit einer Brillanz und Klarheit und zumeist auch ungemein frisch-fruchtigen Säurestruktur daher, die in der Gesamtsicht absolut bestechend ist und auch 10-jährige Weine noch fast wie vorpubertäre Jungspunde aussehen lässt. Interessanterweise geht das einher mit dem Abschluss einer ersten Post-Kommunistischen (Wiedererlern)-Phase im Qualitätsweinbau Tokajs. Und mit dem Beginn der Beschäftigung mit trocken ausgebauten Weinen. Ein paar Jahre später sollten sich dann noch Spätlesen als zusätzliche Spielwiese für die loaklen Winzer auftun. Und da steht man heute und lernt und lernt und lernt mit jedem Jahrgang, an jedem Jahrgang.

Partnerwahl – und andere lebensentscheidende Dinge

Aszú-Beeren 2011: Trocken wie der Jahrgang, kaum sichtbarer Botrytis-Pilzbefall. Die paar wenigen guten ins Töpfchen…

Ehe es jetzt doch zu lang wird, kurzerhand noch einige wesentliche Faktoren aufgezählt, die maßgeblich ein Mitspracherecht dabei haben, was am Ende hinten raus und also ins Glas kommt. Am wichtigsten: wird den Aszú-Beeren Grundwein oder Most zugesetzt (Grundwein macht die Sache tendenziell kantiger, griffiger)? Das ist fast schon so bedeutend, dass man es als zweite Kategorisierung nennen kann.

Kurz dahinter, auch nicht viel weniger wichtig: der Anteil bzw. das Verhältnis von Furmint  zu Hárslevelű (Hauptrebsorten von Aszú, daneben finden sich bisweilen, allerdings schon serh selten noch in kleineren Mengen Gelber Muskateller, Zéta, Kövérszőlő…). Dann noch: Lesedauer (kann sich über einige Wochen erstrecken). Lage/Terroir (bislang gibt es nur wenige Lagen-Aszú (Bsp. Lapis 2006 von Királyudvar), kleinere Güter müssen auf das Botrytis-Material aller Weinberge zurückgreifen, um ausreichend Menge zu haben).

Dann die von allen Weinen bekannten Geschichten wie Abpress-Philosophie, Maischestandzeit, Fasswahl (Größe, Holz (in der Regel Zempléner Eiche aus den lokalen, nördlich gelegenen Bergwäldern), x-te Befüllung), Dauer des Ausbaus (bei 6-puttigem sind 2 Jahre Minimum vorgeschrieben, dann noch ein Jahr Ruhe auf der Flasche bis zum Markteintritt. Manche Erzeuger lassen den Weinen jedoch individuell mehr Zeit).

Ende der Einleitung, des eigentlich überfälligen und viel zu kurz greifenden Exkurses zum Thema Aszú. Ein Thema, das nicht grundlos hier auf BorWerk etwas zu kurz kommt. Schließlich trinkt man solche Weine nicht gerade jeden Tag und selbst auf Verkostungen sind sie eher selten zu sehen. Vergangenes Wochenende (7.-9. Oktober) hingegen war meinereins mit zwei Freunden, einem ungarischen Weinblogger und Winzern von Judit und József Bodó von der Bott-Pince zu einer fulminanten Aszú-Großverkostung eingeladen. Sowohl die Gastgeber, die Bodós, als auch Stéphanie Berecz (ehemals u.a. Disznókő, jetzt auch Moonvalley) von Kikelet griffen tief in ihre Privatkeller und trugen zu einer illustren und einzigartigen Botrytis-Quer-Schau bei. István Dorogi selbst steuerte auch von seinen Weinen bei. Ein Dank an alle auch nochmals an dieser Stelle.

Die ersten Beschreibungen, alle Weine wurden blind verkostet.

4 puttonyos Aszú 1993, Disznókő
Schon ziemlich dunkel im Glas, dunkelbräunlich-bernsteinfarben. Wie ohnehin grundsätzlich gesagt werden kann, dass die 1990er, also alle gut über 10 Jahre alten Aszú bereits erstaunlich dunkle Farben aufweisen. Alterstöne in Gestalt von Jod und Clor, erdig, getrocknete Aprikosen. Für einen 4-pütter recht breit aufgestellt, schon spürbares Alter aber auch nicht überaltert.

4 puttonyos Aszú 1995, Disznókő
Wieder 4 püttig. Aber zwei Jahre Altersunterschied und ganz anders. Hat viel von Dörrobst, tropische Früchte, nicht nur in der Nase sondern auch am Gaumen deutlich fruchtiger als der 1993er. Auch deshalb runder, mit deutlicher wahrnehmbaren, besser integrierten Säuren neben gereift wirkenden Botrytis-Tönen. Dann auch noch eine feine Bitterkeit, Traubenschalen, Kerne. Ein trockener Basiswein macht hier u.a. den Ausschlag. mehr Charakter, mehr Substanz.

5 puttonyos Aszú 1993, Disznókő
ist im Direktvergleich dann zwar auch wieder näher am klassischen Stil, wirkt rustikaler, mit Rosinen, türkischem Honig und einer überdeutlichen Botrytis-Nase. Macht sich am Gaumen dann aber spannend durch Aromen von Kaffe, Malz, fein grünlich-reifer Bitterkeit, Laub. Damit recht eigenständig.

6 puttonyos Aszú 1993, Disznókő
dem Vorgänger recht ähnlich, anfänglich jedoch mit störender, scharfer Nase, die an Scheuermittel erinnerte. Belüftung half, alles wandelte sich in eine medizinisch-kräuterige Richtung, Fenchel, Salbei neben Rosinen und den obligatorischen Botrytis-Aromen. Wirkte dann am Gaumen wesentlich konzentrierter, alles sammelte sich um einen engen, kompakten Malz-Kern, daneben recht ausgeprägte Säuren, em-Eukal-Hustenbonbon. Voll, gehaltreich, schön.

5 puttonyos Aszú 1995, Hímesudvar
Gedörrte Aprikosen, Tabak, geröstete Pfirsichkerne. Am Gaumen elegant, offener und freundlicher, moderner und damit auch „massentauglicher“ wirkend. Und das trotz deutlicher medizinischer Noten, weil filigraner, dennoch mit Tiefe, besser integrierte und dauerhaft mitlaufende Säuren. Schön.

 

Ein Szepsy mit heruntergelassenen Hosen. Dem Inhalt nach musste die Etikettierung aber wohl stimmen.

6 puttonyos Aszú 1995, Disznókő
Der bis dato Fruchtigste, Hingebungsvollste. In der Nase einmal mehr Aprikosen, Orangengelée und Honig, getrocknete Kräuter, Honig, Karamell. Am Gaumen sehr direkt, mit eben dieser offen zur Schau gestellten Frucht aus Organgenmarmelade, Aprikosen, Pfirsichen und sehr schön integrierten, sehr vital wirkenden Säuren. Sehr dicht, komplex, reich. Voll da. Und keine Spur von Müdigkeit.

6 puttonyos Aszú 1996, Hétszőlő
Sehr weich, matt, ungemein cremig, daher wunderbar zugänglich, offen, aber etwas eindimensional. So steht‘s in den Notizen. Allein aus Hárslevelű gewonnen, was der Weichheit und Cremigkeit Vorschub bestimmt geleistet hat. Einmal mehr mit Aprikosenaromen am Gaumen, in der Nase auch blumig, Honig, Spuren von Tee. Am Gaumen mit nur sehr schwach ausgebildeten Säuren, dafür einer sehr lieblichen Aprikosen-Birnen-Frucht.

6 puttonyos Aszú 1997, István Szepsy
Unsäglich verführerisches Birnenkompott in der Nase, Karamell, floral, weich, schmeichelnd, vorweihnachtliche Stimmung bereitend. Am Gaumen direkt, mit intensiver Frucht aber auch intensiven Säuren. Komplexe Eindrücke: überreife Aprikosen, Quitten, Röstaromen, Kaffee, Apothekenbesuch, Tee, Zwetschgenmarmelade. das alles sehr intensiv, tief, komplex, wohl ausgewogen. Sehr schön und all das konstatierte man so wie es sein muss dank Blindverkostung, ohne den Namen des Großen Szepsy hinter dem Wein gewusst zu haben.

Der Szepsy-Aszú war bereits von moderner Prägung. Fortsetzung mit den „jüngeren“ Edelsüßen folgt demnächst. Und ein Kurzbericht über jene am eigenen Leib erlebte Müh, die mit der Ernte von Aszú-Traube einhergeht.

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