István Dorogi, oder einfach „Pisti“.

Noch so ein Suchender. Istán Dorogi, Winzer aus Tarcal, dem Nachbarort von Tokaj. Er sucht alleine. Denn auch wenn das Weingut Dorogi Testvérek heißt, Gebrüder Dorogi, ist es doch nur er, der sich kümmert, alles verantwortet. Auch István gehört zu der Riege von Jungwinzern, die sich auf die Suche gemacht haben. Sein Vorteil: er hat vergleichsweise früh begonnen, vor gut 10 Jahren.

Und damit verfügt er über etwas mehr Erfahrung, als andere. Schon hier wird einmal mehr offensichtlich: alles steht noch am Anfang. Wir reden von einigen wenigen Jahren, die den Unterschied machen können. Am deutlichsten manifestiert sich Istváns Mehr an Erfahrung wohl in seinen edelsüßen Weinen. Hier zeigt er sich auch mit alternativen Ansätzen jenseits des Klassikers, des Aszú, nicht nur einfallsreich, sondern auch erfolgreich. dafür spricht das „Anna Cuvée“ und noch mehr die „Avantgarde“.

Doch auch bei den trockenen Weinen lässt sich eine Handschrift, eine Philosophie erkennen. Sie sind allesamt eher karge Gesellen, über ihre Säuren definiert und geizen eher mit der Frucht. Das ist umso mehr ein Anzeichen von Istváns eigener stilistischer Vorstellung, als dass seine Reben in unterschiedlichen Lagen allesamt um Tarcal an den Hängen des Hausbergs Tokajs stehen, dem Kopasz. Sie wurzeln erst einmal in nährstoffreichem Löss. Dann, darunter, je nach Lage in unterschiedlicher Tiefe, kommt das teils noch eher sandig-kalkhaltige, teils mineralische Gestein. Vorfahrt für mehr Frucht bedeutet das verkürzt im Direktvergleich zu den kargen Böden anderer, von vulkanischem Gestein bis an die Oberfläche durchzogener Untergründe. Das zeigt sich am besten in den filigranen, subtil geformten Weinen von Stephanie Berecz von Kikelet, die teils aus denselben Lagen gewonnen werden.

Doch nicht bei István, der seine Weine spontan vergären und in Holzfässern reifen und ausbauen lässt. Ein Erklärungsansatz: die Alkoholgrade der Trockenen liegen bei 13,5% für Tokaj relativ niedrig, so dass hier vermeintlich nicht bis zum letzten Tag und gar einer überreife mit der Lese gewartet wird. Der von ihm eingeschlagene Weg weist, subtrahiert man im Geiste etwas Säure, in eine etwas an Burgunder erinnernde Richtung. Doch auch das greift wie viele Vergleiche zu kurz, wirkt ein Stück weit krampfhaft erzwungen. Schließlich geht es um ganz andere Rebsorten, ein anderes Terroir, einen anderen Hintergund und trägt gerade Furmint nicht unbedingt das Versprechen auf große Fruchterlebnisse in sich. Und bei allem zwischenzeitlichen Auffinden von Stilen und Ansätzen, geht es nach wie vor um ein fortgesetztes Suchen. Verkürzt gesagt wissen daher auch die trockenen Weine Istváns auf ihre Weise zu gefallen, eigenen sich aber weniger für einen Erstkontakt dieser Gattung. Und das gilt auch für den sonst per se etwas breiter, blumiger und fruchtiger aufgestellten Hárslevelű, welcher reinsortig bei István Dorogi aus der Lage Thurzó stammt.

Womit wir nach diesem etwas fahrigen Einstieg bei den Verkostungsnotizen angelangt sind.

Auch so geht Edelsüß aus Tokaj. Botrytis im Doppeleinsatz, macht einen Avantgardisten – und einen schönen Wein.

Hárslevelű Thurzó 2009
13,5% Vol. Thurzó die Lage, zwischen den Orten Tarcal und Tokaj am Kopasz, dem Hausberg Tokajs gelegen, Lössboden als Grundlage. Acht Monate im Holz.
Ein wenig Stallgeruch haftet dem Hárs anfangs an. Animalische Töne, die bei noch jungen, spontan vergorenen Weinen bisweilen vorkommen. Doch das vergeht mit der Zeit an der Luft. Doch die Nase bietet auch eine – wenngleich zurückhaltende gelbe Quitten-Frucht und grüne Paprika. Am Gaumen griffig und doch elegant und leicht wirkend, mit klaren , recht deutlich ausgeprägten Säuren, die durchweg ein schönes Rückgrat bilden. Zitrusfrucht und gelbe Birnen, beide eher karg und gefasst als – wie häufiger bei Hárs – breit oder gar blumig wirkend. Daneben feine Holz- und Kräutertöne. Jung noch, ein wenig Flaschengärung wird ihm in jedem Falle noch gut tun.

Furmint Előhegy 2008
13,5% Vol. Die Lage „Vorberg“, direkt bei Tarcal am nordwestlichen Ausläufer des Kopasz gelegen, wiederum mit Löss-Untergrund.
Den 35 Jahre alten Rebstöcken wurde eine reife Apfelfrucht-Nase abgerungen. Sehr klassisch „furmintig“ wirkend. Am Gaumen überwiegt wieder die Kargheit und überdeckt die Frucht fast gänzlich. Leicht salzig, Feuerstein, grünes Moos, Flechten. Schlank geschnitten, mit klaren Säuren untermauert, gegen Ende trocken, steinern wirkend.

Furmint Előhegy 2006
Einmal mehr 13,5% Vol. und mit sehr deutlichen Säuren, grundsätzlich der säurebetonteste Vertreter von Dorogi aus dem 2006er Jahrgang. die Kräuter-Aromatik ist hier ausgeprägter, daneben Holunder-Noten, Mandarinen-Frucht. Insgesamt einmal mehr schlank geschnitten, gegen Ende mit einer zunehmend trocken auslaufenden Pfirsichkern-Aromatik fast etwas hart wirkend. Männlich, mit Nachdruck und Willen ausgestattet.

Anna Cuvée 2005
…stammt zu 50% aus Fordítás, zu 40% aus Gelbem Muskateller und zu 10% aus einem wilden Rebsorten-Mix. Damit hat man es wenn man so will mit einem modernen Süßwein mit eingebautem Traditions-Verweis zu tun. Und der ist mit seiner recht deutlichen Botrytis-Nase und dem feinen Duft nach Quitten richtig schön. Drängt sich auch am Gaumen nicht mehr auf als nötig – trotz des Muskatellers(!) – spricht sehr direkt an, verharrt in einer leichten, subtil fruchtig-süßen Spannung, erinnert an Quarkkuchen, leicht angebrannte Vanille, kommt mit feinen Säuren und einer ganz genau so eingependelten Frucht aus reifen gelben Birnen und  Quitten. Schön.

Sárga Muskotály 2009
in Stahl vergoren und ausgebaut, mit immerhin 116g/l Restzucker, aber leider doch recht schlicht gestrickt und flach und eindimensional wirkend. Kaum wahrnehmbare Säuren neben der üblichen Muskateller-Aromatik, einer gelben Frucht und sowohl flach wie einseitig verhalten-penetrant wirkenden Süße. Sonst nicht viel.

5 puttonyos Aszú 2007
In der Nase recht markant, oxidativ wirkend. Und auch am Gaumen eher etwas Ausgefalleneres – weder von moderner noch klassischer Stilistik geprägt, sondern eigen. Das zeigt sich in einer spannungsreichen Bitterkeit, die entlang eines Rosinen-Fruchtkerns verläuft, mit leicht grüngelben tönen, Traubenkerne, Apfelschalen. Ein wenig fehlt es an Säuren. Aber das mag eher subjektiv sein. Ansonsten: schlichtweg noch jung, verlangt seine Zeit und soll sie auch kriegen.

Szamorodni 2010
mit 180 g/l Restzucker bei satten 13 g/l Säure, nachdem der Grundwein 48 gemeinsame Stunden mit den Botrytisbeeren verbracht hatte. Und ganz offensichtlich ein sehr frisches, ansprechendes, zupackendes Ergebnis befördert hat. Das, was sich hier und jetzt im Glas befindet, wirkt trotz seiner schrecklich jungen Jungend erstaunlich fertig, sehr gut trinkbar. Mit einem schönen Aromenmix aus Aprikosen, Birnen, Karamell, sehr feiner, grünlich-bitterer Blätter-Aromatik, jungen, klaren Säuren und dem Touch Botrytis, der für die nötige Tiefe und Struktur sorgt. Sehr gefällig, schön gelungen.

Tokaji Avantgarde Botrytis 2006
Tokaj-Wein-Algebra. Die Formel: 1 Fass Fordítás + 1 Fass Aszú = Avantgarde Botrytis mit 209 g/l Restzucker. Und damit ein Wein, der den Spagat wagen will und vollzieht und an dem man sich erfreut, weil er sowohl über eine opulente Botrytis-Note verfügt, als auch mit spielerisch-leicht wirkenden Trippelschritten den Tanz eines modernen Süßweins vollführt. Gemacht als Lockvogel für den Erstkontakt mit dem edelsüßen Tokaj erfüllt er seinen Zweck mehr als gut. Gefällt mit Fruchtaromen von Aprikosen und Birnen und Äpfeln, mit schöner, vitaler Säure, breiter, aber eben nicht zu breiter und dabei cremiger Textur und setzt mit pfeffrig-rauchigen Tönen eins oben drauf in Sachen Eigenständigkeit. Schön!

Über die beiden 6 puttigen Aszús, welche es auch zu verkosten gab dann mehr im Zuge der großen Aszú-Verkostung, die am Folgeabend stattfand und zu der sich die beiden Dorogi-Vertreter auch noch(mals) gesellten.

Flaschenformen gibt es gar viele: die süße Cuvée Anna, der ebensolche Gelbe Muskateller und der trockene Furmint aus der Lage Előhegy

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