Blick aus der Lage Vióka in die Tiefebene. In die Slowakei gehts nach „links hinten“, nur drei Kilometer sind es noch.

Da will es einer wissen. Übt sich spät, im Weine machen. Startet ganz im Osten. Baut nebenher noch Haus, Hof und Keller um. Und zeigt auf, was möglich ist. Der „Schreiner“, Zoltán Asztalos, von AZ Nektár.

Schon der Keller hat es in sich. Nach wenigen Stufen, im Presshaus, ahnt man noch nichts. Sauber und aufgeräumt ist alles. Der Boden mit alten Ziegelsteinen neu ausgelegt. Die Korbpresse aus Miskolc hat schon viele Jahrgänge gesehen. Der Charme des Alten umgibt sie, der Tradition, des Handwerks im wörtlichen Sinn. Das allein ist aber eher die Regel als eine Ausnahme bei Kleinerzeugern in Tokaj und Ungarn. Auch der Hinweis, dass die elektrische Beleuchtung im Keller dahinter defekt ist, wischt man beiseite.

Zoltán Asztalos hält eine Stirnlampe in der Hand. Eine andere Leuchte muss mittels einer kleinen Kurbel zum Leuchten gebracht werden. Der Winzer im Quereinstieg entschuldigt sich für die Gegebenheiten. Zuverlässig ist sie allemal, diese Leuchte. Und fast noch die modernste Technik vor Ort. Hier, im äußersten Osten des Weinbaugebietes Tokaj.

Keller? Tummelplatz für Speläologen – oder eher Bergbau-Historiker

Das Presshaus mit darunter liegendem „Keller“. Nicht putzig, aber einen Verputz-wert. Doch alles zu seiner Zeit…

Dann los. Inzwischen ist man vorgewarnt. Der Keller ist kein Keller im klassischen Sinn. Einem Stollen kommt die Sache schon deutlich näher. Ein Rundgang ist möglich. Zwischendurch geht es nur gebückt voran. Lehmiger Matsch klebt alsbald an den Schuhen. Gotischen Bögen gleich hat sich der rund zweihundert Meter lange Gang über Jahrzehnte hinweg verformt. Nach und nach haben sich Teil der mittleren Decke gelöst und sind zu Boden gefallen. Jetzt erschweren sie das Vorankommen. An den Wänden finden sich noch die Spuren der Bearbeitung mit Pickeln. Erz-, quarzhaltig erscheint das Gestein an manchen Stellen. Was von wann bis wann hier abgebaut oder wonach gesucht wurde ist auch Zoltán bis heute nicht klar.

Dann, nach gut zehn Minuten ist man wieder am Ausgangspunkt angelangt, passiert ein paar alte Holzfässer, in denen der Ausbau tatsächlich abläuft. Der Ausbau von Weinen, die wirklich handgemacht sind. Von Weinen, die für Pionierarbeit stehen. Die deshalb nicht allesamt makellos sind, nicht geschliffen wirken. Die aber das Potential der ansonsten bislang eher stiefmütterlich behandelten Gegend Tokaj’s zeigen.

Kampf gegen die sozialistischen Jahrzehnte

Der Vióka 2005 steht für den Anfang und das Ende. Für den Anfang der winzerischen Tätigkeit Zoltán Asztalos‘ – und für das Ende der einzig auf Menge getrimmten Rebstöcke in der Lage Vióka. So, wie es der real im Weinberg existierende Sozialismus wollte und getrieben hat. Gleich nach dem Kauf, im Frühjahr, begann Zoltán mit der Umerziehung. Zielte auf weniger Ertrag ab, suchte zu retten, was es in der kurzer Zeit eben zu retten gab. Und natürlich merkt man dem Wein an, dass die Reben nicht das Material liefern konnten, was Zoltán gerne wollte, was er inzwischen exemplarisch, ansatzweise aufgezeigt hat, wo sein Weg mit ihnen hinführen soll.

Mittleres goldgelb im Glas. Petrol und grüner Apfel in der Nase. Beides recht stark ausgeprägt. Am Gaumen mit kräftigen, leicht grünlich wirkenden Säuren. Mit einer kompakten gelben Apfelfrucht, mit Birnenschnitzen und mit Tabak. Diesmal gefiel er mir nicht (mehr) so gut, weil er zu wenig Rückhalt und relativ zu viel Säure zeigte.

Vom Fotografen und Journalisten zum Winzer

Zoltán Asztalos, „Jungwinzer“ im sechsten Jahrgang mit schütterem Haar.

Diesmal, denn ich hatte schon einen einführenden Beitrag zu diesem ungewollten Spätzünder geschrieben. Zu Zoltán Asztalos, dem ehemaligen Journalisten und Fotografen in Diensten von MTI, der staatlichen ungarischen Nachrichtenagentur. Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Und doch kommen einem manche Ereignisse auf fatale Weise bekannt vor. Wenn in diesen Wochen von Massenentlassungen bei den staatlichen ungarischen Medien berichtet wird, dann ist neben wirtschaftlich notwendigen Sparmaßnahmen auch immer wieder von politischer Motivation die Rede. Als Zoltán 2003 von MIT gegangen wurde, schwenkte das Pendel damals gerade in die andere politische Richtung.

Zoltán stand auf der Straße. Was tun? Er hatte schon länger den Wunsch gehegt, sich dem Weinbau zuzuwenden. Und in die Gegend zurück zu kehren, aus der er stammt. Ganz im Nordosten des Weinbaugebietes Tokaj, bei Sátoraljaúhely (bitte flüssig nachsprechen: „Schátorajaújhäji“. Hmm, geht doch.). Als Kind hatte er viel Zeit zwischen den Reben verbracht. Gelandet ist er nach ein wenig Suche in einem kleinen Ort, in Kácsárd, und einem ebensolchen Bauernhaus. Das heißt: das Haus liegt gar ein wenig abseits des Dorfes. Als ob die Abgelegenheit nicht schon genug gewesen wäre.

Mut, der in kleinen Raten belohnt wird

In jedem Fall war der Schritt kein leichter, erforderte Mut. Und verlangte viel Arbeit ab. Im Weinberg ohnehin, am und um das Haus aber auch. Arbeit, die Zoltán vielfach alleine bewältigen musste und muss, während seine Frau im entfernten Budapest arbeitet. Viel leichter ist es bisher nicht geworden. Doch schon jetzt, wo Zoltán auf die ersten Jahrgänge zurückblicken kann ist klar, dass hier etwas möglich ist. Hier, maximal weit entfernt von den bekanntesten Lagen Tokajs, von Szent Tamás, Király, Határi und Co.

Vióka heißt die Lage, mit der Zoltán Asztalos Zeichen setzen möchte. Auch hier beherrscht vulkanisches Gestein den Untergrund, macht offen liegender rötlicher Riolith-Tuff das Arbeiten schwer. Der Hang ist steil, doch der kommunistische Weinbau hatte auch sein Gutes. Ein breiter Betonplattenweg führt bis geradewegs und ganz nach oben. Ursprünglich für maschinelle Bearbeitung angelegt, sind die Terrassen so breit, dass man sich dann doch auf ebenem Grund wähnen kann. So breit sind sie, dass Zoltán irgendwann noch eine Rebzeile wird dazwischen Pflanzen können.

Experimentieren. Annäherungen an den biologischen Weinbau

Während dessen experimentiert er, nähert sich dem biologischen Weinbau an. Wo ehemals über Jahrzehnte hinweg kräftig, lustvoll und ausdauernd gespritzt wurde, was die sozialistische Chemie zustande brachte, hat Zoltán im aktuellen Jahr in einigen Reihen ganz bewusst seit dem Frühjahr gar nicht mehr gespritzt. Die Folgen: keine, zumindest keine negativen. Wo ehemals über Jahrzehnte hinweg der Boden streng und ausgiebig bearbeitet und gedüngt wurde, wuchern nun üppige Gräserwelten unter und Sträucher zwischen den Rebstockreihen, finden sich Insekten und leider auch zunehmend Wild ein.

Der untrügliche Spürsinn von Wildschein und Co. leitet sie alle zu den gehaltvollsten Trauben der Gegend. Denn noch ist Zoltán hier allein mit seinem „Experiment“. Noch versucht sich in der nahen Umgebung kein anderer auf so konsequente Weise neue Qualität aus alten Stöcken zu gewinnen. Das verwundert, liegt doch die Lage Oremus, aus der vermutlich der erste Aszú überhaupt gewonnen wurde, nur einen Steinwurf entfernt von Vióka. und verwundert auch wieder nicht, angesichts all dessen, was diese Pionierarbeit einem abverlangt. Allein schon deshalb, aber und auch wegen seiner ersten Jahrgänge, verdient Zoltán Asztalos Respekt und Anerkennung.

Gerade, praktisch, gut. Die Betonplatten-Zufahrt aus kommunistischen Zeiten, mittig im Weinberg.

 

Weiter Verkostungsnotizen:

Neben dem „einfachen“ Vióka 2005 gab es noch eine Vióka Válogatás aus 2005, eine Selektion, eine Art Auslese wenn man so will. Einen guten Tick dunkler als der Vorgänger. Petrol und Karamell in der Nase und auch grüne Töne, die an immergrüne Blätter erinnern. Am Gaumen auch mit kräftigen, wiewohl schärfer geschliffenen und daher besser umrissenen Säuren. Zur reifen Birnenfrucht gesellt sich auch hier Efeu und eine herbe mineralische Note. Nicht uninteressant.

Dann das 2008er-Duo aus der Vióka, das ich bereits mehr als ein Mal erleben durfte. Mit dem Vióka I jener Furmint, der sechs Monate im Holzfass verbrachte und immer noch nicht gänzlich durchgegoren war. Und einer Wachs-Joghurt-Kräuter-Nase mit matter gelber Frucht. Am Gaumen mit klar geschliffenen, dank der Mineralität des Bodens herb-maskulin wirkenden Säuren, die schön animierend wirken. Quitte und Pfirsich, beide überreif. Ein wenig gesetzter wirkt der Vióka I diesmal, ein wenig entspannter und daher auch uninteressanter. Dafür punktet der Vióka II diesmal bei mir mehr. 18 Monate im Holz, voll durchgegoren, also trocken, mit mehr Substanz, mehr Fleisch am Knochen, einer wärmeren, leicht würzigen Fruchtnase und Botrytistönen, Karamell und Holz in Ansätzen. Rund, weich. Momentaufnahmen, Wein lebt eben.

Die wunderschön-grüne Korbpresse, made in Hungary. Solide, unverwüstliche Qualität.

Der Kácsárd 2008 dann aus der Lage direkt neben dem Wohnhaus. Mit rund 80% Furmint, 15% Hárslevelű, etwas Muskateller und diversen anderen Trauben in verschwindend geringem Umfang. 26 g/l Restzucker bei immer noch vollen 14% Vol. Alkohol. Diesmal der Liebling des Nachmittages für mich. Mit breiter, werbender Birnen-Zimt-Nase. Und auch Birne am Gaumen, sehr reifer, saftiger, und feiner Süße, die zu einem schönen zarten Schmelz beiträgt. Dagegen läuft eine leicht bitter-herbe Säure und mineralische Spur. Schön. Der Édes Szamorodni von 2005 kommt mit recht hellem Strohgelb und mit Heilkräutern daher, leeres Mineralwasserglas, Botrytis und Petrol. Das Petrol dann in leicht abgeschwächter Form auch am Gaumen, zusammen mit klassischen gereiften Noten. Ein leicht tänzelndes Spiel von Aprikosen-Frucht und Zitrus-Säure. Etwas zu leicht gar.

Dann der Kácsárd 2009 hat 30 Tage auf der Maische verbracht, Birnenschalen und mineralische Noten und Holz in der Nase. Kühl und ganz leicht spannungsgeladen am Gaumen, mit Minze, ätherischen Ölen, in weichem Holz gefasste gelbe Frucht, etwas Vanille. Schön. Das 2006er Édes Cuvée, das Süße Cuvée, entspricht mit 136 g/l Restzucker einem 4 puttonyos Aszú und auch im Stil eines Aszús daher kommend. Allerdings mit recht kräftigen und frisch wirkenden Säuren, was ihm gut tut. Mit einer zudem auch sehr frischen, leicht grünlichen Frucht einerseits, aber auch gesetzten Tönen, gedörrte Aprikosen, matte feinherbe Mineralität. Und in der Nase Botrytis, gelbe Frucht, feuchtes Laub, Leder. Schön.

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