Das Erstlingswerk István Balassas, zumindest was Aszús anbelangt: der 6 puttige 2005er.

Tokaj revisited, zum dritten Mal dieses Jahr. Der erste Artikel einer weiteren Serie über Tokaj. Und damit über jenes Weinregion Unganrs, die wie keine Zweite zu faszinieren weiß und in sich die DNA für ganz Großes trägt. Jetzt: István Balassa.  

Noch befindet sich der Verkostungsraum im Haus der Schwiegereltern. Hinten, wo sich ehemals der Stall befand. Noch muss István Balassa deshalb ein wenig improvisieren, betritt mit einer Kühlbox in der Hand den schön hergerichteten Raum des über 200 Jahre alten Gebäudes. Und noch fehlen die Etiketten auf den Flaschen des 2009er Jahrgangs.

Schon in Kürze wird sich das ändern. Dann kommt die neue Generation in den Handel. Schon ganz andere Dinge galt es zu bewältigen, für den ehemalige Chemielehrer und Qualitätssicherer. Die allerersten Jahre des Nur-Winzerdaseins, der schwierige, risikobelastete Einstieg in die Selbständigkeit etwa. Und schon jetzt scheint klar, dass der Name Balassa das Zeug dazu hat, einmal zu den großen, zu den bekannten Namen Tokajs zu gehören.

Nach dem noch und dem schon: das Ziel

Sich verschiebende Schwerpunkte: früher fand István sich berufsbedingt täglich in einem Labor wieder. Heute kommt er nicht ansatzweise auf den Gedanken, seine Weine in ein solches zur Analyse einzuschicken.

Größe im quantitativen Sinne ist Istváns Ziel jedoch nicht. Bis auf rund fünf Hektar soll das Familienweingut wachsen, mehr nicht. Das ist für ihn handlebar. Dann kann er auch hier die Qualität sichern, die ihm vorschwebt und die er nun auch schon wegweisend in den Fässern konkret oder potentiell sieht. Mengenmäßig ausgedrückt, bedeutet das perspektivisch 50 Hektoliter im Jahr, durchschnittlich zehn je Hektar.

Lagenselektierte, gehaltreiche trockene Weine sollen es sein, entsprechend breit gefächter ist sein Ansatz: in den Lagen Szt. Tamás, Király und Nyulászó bei Mád, Thurrzó bei Tokaj und Mézes Mály bei Tarcal besitzt er jeweils kleine Parzellen mit jeweils unterschiedlichen Böden und Mikroklimata. Furmint und Hárslevelű dominieren. Dann führt István noch Gelben Muskateller und Zéta (Furmint x Bouviér) in seinem Portfolio, eine eher selten vorkommende, früh reifende und zu Bortrytis neigende weiße Sorte. Genau aus diesem Grund wandern deren Trauben in Süßweine. Nicht nur Aszús sind das nach Istváns Meinung und Taten, sondern verschiedene Interpretationen von Halbsüßen, Süßen und Edelsüßen, mal eher klassisch, mal modern.

Sortentypisch + lagenspezifisch = charakterlich gefestigt

Was ihm in nach nur wenigen Jahren seines jungen Winzerdaseins gelingt: ein Reihe von Weinen aufzubieten, die jeweils für sich selbst stehen, die auf ihre Weise mit ihrer Herkunft, dem Terroir der Lage umgehen, die eigenständig und charakterlich schon recht gefestigt erscheinen. Eine intensivere Beschäftigung mit diesem sympathischen, gar nicht mehr so neuen und gar nicht mehr wirklich unbekannten Newcomer der Tokajer Weinszene wäre angebracht. Hier und jetzt folgen einstweilen „lediglich“ die Notizen zu jenen Weinen, die ich vergangenes Wochenende bei ihm verkosten durfte. Eine intensivere Fortsetzung folgt, irgendwann, bestimmt. Ach ja, alle Weine vergären spontan, in Holz und reifen darin dann auch.

Die bisweilen etwas lang geratenen Verkostungsnotizen

Szt. Tamás Furmint 2009 wartet gleich mit 14% Vol. auf. Von hier, von dieser Lage stammt auch der teuerste trocken ausgebaute Furmint der Welt: der Szt. Tamás von Szepsy, der standardmäßig für um die 45 EUR zu haben ist. Den Boden durchziehen Schichten von rotem Ton, gemahlenem Zeolith-Gestein und hartem Ryolith-Tuff. Der Boden rot, Mineralienreichtum bis zum Anschlag. Die Rebstöcke für Balassas Lagenfurmint wurzeln seit Ende der 1950er Jahren dort.

Die Nase ist sehr kühl, hellgelbe Frucht, Minze und kalte Aprikosen, ganz leicht rauchiges Holz und fein-würzige Mineralität. Am Gaumen robust bis männlich, mit salzigen Noten und einer wohl durch das Holz etwas gebändigt wirkenden Mineralität. Das ist gut so. Das macht ihn auch etwas cremig, neben den leicht herben Tönen von Traubenschalen und einer etwas kargen Frucht. Klare, angenehmerweise nicht allzu stark ausgeprägte Säuren, sehr gut eingebettet. Lang. Welch Auftakt.

Vor dem Verkostungsraum: einen mindestens so schönen, wenn auch nicht so alten Bogen spannen seine Weine.

Der 2009er Furmint aus der Lage Becsek sendet in direkter Folge gänzlich andere Zeichen aus. Was mit 10-11 g/l Restzucker auch nur logisch ist. Was aber auch viel mit dem anderen Boden zu tun hat. In diesem findet sich in rund einem Meter Tiefe gelber Ton und weißer Ryolith-Tuff. Etwas Zitrone, etwas Apfel, Mandelaromen, wärmere, rundere, gar etwas süßlichere Frucht in der Nase, auch Honig. Am Gaumen nicht nur etwas, sondern ziemlich cremig, fein und rund, mit deutlicher gelber Birnenfrucht, gepuffert durch Holz und begleitet von rauchig-steiniger Mineralität, die zum abermals langen Ende hin sich in Mandeltönen verliert. Ja, in der Tat fein cremig. Um eine ganz andere Dimension aufzuzeigen: etwas mehr als ein Viertel Hektar ergeben um die 600 Flaschen.

Hárslevelű kam dann. Aus 2009 und aus den Lagen Mézes Mály – recht dicke Löss und Braunerde-Schicht auf vulkanischem Untergrund – und Becsek. Mit 17 g/l Restzucker. Man hangelte sich also Stück für Stück in den süßeren Bereich vor. Der „Übergangswein“ hier kommt schon mit viel süßer reifer Frucht, mit Ananas, roten, frisch geschnittenen Äpfeln, Honig und Traubenzucker und einer ordentlichen Portion Küchenkräutern in der Nase. Am Gaumen sehr fruchtig, satte reife rote Apfelfrucht, mit Vanille und etwas Holz untermalt. Verspielt, wie auf kühlem Stein gebaute schmelzige Textur. Doch im Ansatz erst saftig, dann kommt die steinige Kühle. Die Säuren sind da, aber kaum wahrnehmbar, gar etwas zu knapp gehalten. Sonst schön, über seine deutlich breiter angelegte Frucht definiert. Ein Hárslevelű eben.

Thurzó Furmint 2009, aus der südlichsten Lage des Kopasz, des Hausbergs des Ortes Tokaj. Eine Lössdecke von bis 30cm, der stark Pyroxin-haltiges Dazit-Lavagestein folgt. Kurz: wieder eine Mineralienspielart mit vulkanischem Ursprung mehr. Mit 24 g/l Restzucker, 7 g/l Säure – und 15% Vol. Alkohol, alles gleichmäßig auf 400 Flaschen gefüllt. Und die Mineralien sind deutlich und tragen auch den Wein, halten ganz gut gegen den Alkohol an. Leicht vegetabile Töne und helles Steinobst in einer warmen Nase. Am Gaumen kreisrund ausgebildet, überreife Birnenfrucht, die leicht gefrostet erscheint und gazeartig umwebt scheint, daher etwas matt wirkt. Traubenzucker, etwas Honig, Sellerie gegen Ende und auch eine feine Würze, macht zusammen mit dem Alkohol auch ordentlich Druck. Mir persönlich trotz gut gelungener Einbindung doch etwas zu alkoholisch.

Dann ein reinsortiger Zéta, der nun aus 2008. Und wie schon erwähnt, der Veranlagung und Eignung wegen zum Süßwein ausgebaut. Ins Fass wanderten vollreife und Aszú-Beeren, wurden dann wie ein Aszú behandelt. 194 g/l Restzucker fanden sich am Ende zusammen. Geben ein matt-würziges Aprikosenbouquet ab. Und schmecken am Gaumen wie frisch geriebene, überreife rote Äpfel mit Aprikosenmarmelade vermengt. Schön, interessant, die leicht medizinische Note. Breit am Gaumen, fast schon ölig wirkende Textur, mit Honig aufgeladen und einer leichten Kräuterwürze versehen. Mittelschwer, vielleicht mit einem Tick zu wenig Säure als Gegenpol. Aber schön.

Als Abschluss der erste Aszú überhaupt, 6-puttig, von 2005. Wäre soeben ein klein wenig mehr an Säure wünschenswert gewesen, ragen nun die 13 g/l gegen den Restzuckergehalt von 180 g/l fast etwas zu sehr heraus. In jedem Fall tragen sie ganz wesentlich zu einem spannungsgeladenen, ungemein frisch wirkenden Aszú bei, dessen edelfaule Beeren aus der Mészes Mály stammen und dessen Grundwein aus der Lage Király kommt. Helles bis mittleres Goldgelb mit ordentlicher Schlierenbildung im Glas. Karamell, Brot und dichtes, lauwarmes Quittengelée in der Nase. Am Gaumen mit sehr schmeichelndem Holz umgebenen eine Frucht aus Orangen und Aprikosen, die dank kräftiger, fast etwas spitzer und dem Ende hin zunehmender Säuren sehr frisch ankommt. Botrytisaromen und Vanille, Schalen von Äpfeln und Birnen, Rhabarber, Zitrusfrüchte. Etwas mehr Tiefe ginge sicher noch, etwas mehr Komplexität auch. Dennoch. ein wirklich guter, ein schöner, ein gelungener „Einstieg“.

Und ein angemessenes Ende. Wie gesagt, to be continued…

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