Von beidem nicht zu knapp: Idylle mit Aprikosen.

Alles scheint greifbar nahe – und ist es wirklich. Klare Konzeption und moderne Weine inmitten einer fast surreal-verklärend wirkenden Vorstadtidylle. Die Etyeki Kúria drängt der Zukunft entgegen. Und findet sich in der Zerrissenheit von lokaler Identitätssuche und wachsendem Internationalisierungs-Anspruch wieder.

Das Nimby-Prinzip. Irgendwie trifft es zu, auf Etyek, in abgewandelter Form. Nimby, die Abkürzung für „Not in my back yard“. Da gibt es nun einmal dieses Weinbaugebiet, direkt vor Budapest, gen Westen gelegen. Doch gerade die Nähe scheint zu stören. Wie als wäre es zu trivial, dort mal kurz in 20 oder 30 Minuten hin zu fahren, Weingut besichtigen, Weine probieren, zurück.

Das Nimby-Prinzip. Dass man die Notwendigkeit in etwas sieht, es aber gefälligst nicht in direkter Nachbarschaft haben möchte. Kraftwerke etwa, oder ein Autobahnkreuz. Nützliches, Unumgängliches, aber nicht Schönes. Für ein Weingebiet gilt das ganz allgemein nicht. Noch dazu, wenn es klein und unscheinbar ist. So wie Etyek. Der Kern des Gebietes beschränkt sich auf einen Berg, eher ein Hügel, den Öreghegy, südlich an den Ort Etyek grenzend.

Das Problem scheint irgendwie paradox. Und dann doch wieder logisch. Sára Matolcsy kennt es nur zu gut. Die langjährige Leiterin der Etyeki Kúria hat vieles versucht. Dabei ist alles da. Schöne Landschaft, Ruhe, die Idylle einer kleinen, eigenen Welt. Ein moderner Verkostungsraum, drei Schritte bis zu den ersten Rebstöcken. Alles nur ein Steinwurf von Budapest weg, im „back yard“ des Wasserkopfes Ungarns, im Hinterhof der zwei Millionen Stadt. Und doch: der Weintourismus in größerem Stil bleibt aus.

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das… – Etikett.

Die sechs. Und ihr Macher: Sándor Mérész.

Daran hat sich bei Etyeki Kúria seit der noch engeren Partnerschaft mit dem österreichischen Hause Esterházy auch nichts geändert. Was am ehesten auffällt: die neuen Etiketten. Modern ist der Auftritt mit diesen geworden. Die minimalistischen Strichzeichnungen fallen auf. Zeugen der früheren schwäbischen Einwanderer inspirierten die Wiener Designerin Cordula Alessandri dazu, Kreuzstich Stickereien aus dem nahen Dorfmuseum. Modern mit symbolischer Verankerung in der lokalen Tradition. Saubere Linie, eindeutige Konzeption (es lohnt ein Blick auf die sehr gut gemachte Homepage). Was gleich danach auffällt: die freiwillige Selbstkontrolle, die Beschränkung. Sechs Weine, das Portfolio. Punkt. Saubere Linie auch hier, klare Ansage.  Weniger ist mehr. Das zeugt von Selbstsicherheit, das bringt Sicherheit beim Kunden.

Nicht immer war das so. Kramen zwischen den Gedächtnislücken. Das Habhafte, gebliebene Eindrücke: die Etyeki Kúria zählt schon seit langem zu den bekanntesten und besten Adressen in Etyek. Zuverlässige, sauber und klar gezeichnete Weine. Tadellos, aber auch ein wenig wahllos. Es gab einige schöne reduktive Weißweine, etwa Grauburgunder, die Pinot Gris genannt wurden. Alles recht preiswert, für den Alltag gedacht und gemacht. Dass das Habhafte sich darauf beschränkt, sagt einiges. Und erklärt gleichzeitig auch ein wenig das Grundproblem von Etyek.

Idylle pur: schmale Straße, kleine Häuser, wenige Rebzeilen

Die eigene Identität und Eigenständigkeit zu wahren, vielleicht auch erst zu finden, ist angesichts der landeseigenen Konkurrenz nicht einfach. Der Schwerpunkt liegt eher bei Weißweinen, doch auch die Roten, insbesondere Pinot Noir kommt zunehmend auf. Alles bleibt überschaubar, auch die Zahl nennenswerter Weingüter vor Ort. Die Überschaubarkeit, ein Abbild der Gegend selbst. Eine schmale geschotterte Straße, links und rechts reihen sich kleine, pittoreske Kellerhäuser in unregelmäßigen Abständen aneinander. Nussbäume, Sträucher, hier und da ein verfallener Keller, und ein paar Rebzeilen. Provinzielles Idyll in der großstadtnahen Provinz.

Schmale Schotterstraße, urige Weinkeller. Provinzgefühle in Großstadtnähe: Etyek eben.

Nach gut und gerne dreihundert Metern weist ein handgemaltes Schild die Kúria aus. Ein Relikt aus der Vor-Esterházy-Zeit, umrankt von wildem Wein. Unter dem Haus, in gut sieben Metern Tiefe, der Keller mit den Holzfässern und mit optimal konstanten zwölf Grad und guter Luftfeuchte. Man setzt auf ungarische Eiche (Trust), testet aber auch französische. Hinter dem Haus, auf der Terrasse und im Schatten eines großen Baumes dann der erste der sechs Weine. Einer, der den Keller nie zu Gesicht bekam. Eine reduktiv ausgebaute Cuvée aus Királyleányka und Szürkebarát (Grauburgunder), White genannt.

Sechs Weine. Nicht mehr. Nicht weniger.

Die kurze Reihe von insgesamt nur sechs Weinen verlangt irgendwie zwingend eine ebenso kurze Charakterisierung, einen Abriss des Gebotenen. Der 2010er White wunderbar frisch, mit knackigen, animierenden Säuren. Der 2010er Rosé merkwürdig außen vor bleibend, weil aus zugekauften Trauben und daher aus Cabernet Franc. Der 2008er Red geschmeidig-süffig, wenig Zweigelt zeigt viel Präsenz. Der 2009er Chardonnay bemerkenswert, weil untypisch und vielschichtig. Der 2010er Sauvignon Blanc das Gegenteil, sehr klassisch und zupackend. Der 2008er Pinot Noir ein Frucht-Säure-Spiel, erstaunlich warm, fleischig [Detailbeschreibung und weitere Erläuterungen am Ende des Artikels].

Das Stakkato der Label-Vergabe lässt die durchgehende Linie außen vor. Denn die gibt es und soll hervorgehoben werden. Die Weine sind allesamt modern. Und auch wenn viele, wie etwa der Chardonnay und die beiden Roten Holz gesehen haben, ist es stets sehr taktvoll eingesetzt. Hier wirkt nichts fett, findet man kein Gramm zu viel, ohne je auch nur ansatzweise in Kargheit oder Fahrigkeit abzudriften. Dabei sind alle sehr gut trinkbar, schon jetzt. Und manche, wie natürlich der Pinot, aber wohl auch ein Stück weit der Chardonnay, noch in einigen Jahre auf einem schönen Entwicklungsweg. Und für diese beiden gilt dann auch, dass Sie über eigene Charakterzüge verfügen, die sie zu etwas Eigenständigem machen.

Expansion mit klarem Konzept

300 Liter, eingefasst von ungarischer Eiche.

Sándor Mérész hat hier in der kurzen Zeit, in der er bei Étyeki Kúria ist, zweifelsohne gute Arbeit geleistet. Wie bei der Henne und dem Ei fragt man sich für einen Sekundenbruchteil, was zuerst da war. Es war der Winzer, dann kamen die Etiketten. Äußerer Aufdruck und innerer Inhalt sprechen jedenfalls dieselbe Sprache. Die Schule des Auslandes, die Sándor durchlaufen hat – Stationen in Kalifornien und der Toskana – ist spürbar. Sehr sicher steht für jeden Wein die individuelle Behandlung der Moste, die Entscheidung für den technischen Ausbau. Das beginnt bei der gekühlten Pressung und dem reduktiven Ausbau in Stahl für den White und endet beim Pinot, wo der Maische zwei Wochen gegeben wird und Handarbeit beim Unterrühren angesagt ist, ehe der Reifung ein Jahr in 300-Liter Eiche statt gegeben wird. Individuelle Karrieren der Weinwerdung, die am Ende in einer in sich geschlossenen Reihe enden. So soll es, so sollte es sein. So ist es aber nicht immer und überall.

Eine gute Grundlage für das Bevorstehende, den deutlichen quantitativen Schub nach vorne. Zu den bestehenden 18 Hektar kommen nochmals knapp 10 hinzu. Am Konzept soll dabei nicht gerüttelt werden. Nur die Stoßrichtung, der Absatz muss sich ändern. Nicht wegen der ausbleibenden Weintouristen, sondern dem schieren Zwang, dem zu klein werdenden ungarischen Markt zu entfliehen.

Für den Export ist man somit wohl besten gewappnet. Das Konzept spricht für sich. Einziger, nicht zu unterschätzender Wermutstropfen ist abermals das Thema der eigenen Identität. Die Weine kommen so makellos geradlinig international daher, dass sie alles anderes als notwendig Ungarn sein müssen. Und ausgerechnet die Zutaten des Red stammen nicht einmal aus Etyek, sondern aus Sopron, am Neusiedlersee (siehe auch Notiz zum Ungarischen Wanderer, zum Magyar Vándor, wie der erste Rote der Kúria noch genannt wurde). Ein zusätzlich identitätsstiftender Mehrwert, wie etwa autochthone Rebsorten oder ein herausragendes Terroir, fehlen.

International offen, lokal betroffen

Gut möglich also, dass im künftigen Erfolg gerade keine Lösung für das ureigene Problem, das Paradoxon Etyeks liegt. Die Budapester kommen an die Weine der Etyeki Kúria. Da genügt der Gang zum nächstbesten Weinhändler der Stadt. Und draußen, in der weiten Welt, wird bei der Stilistik und Sortenwahl kaum einer keinen Gefallen finden, nur eben recht gleichgültig genießen, kaum je nach Etyek googlen. Im besten Falle merkt sich der eine oder andere wenigstens das Ursprungsland, Ungarn.

Das Nimby-Prinzip, abgewandelt, als Krux. Die nachvollziehbare Eigendynamik des Zuhause Bleibens oder anderswo Hin- und wirklich Wegfahrens, als ins nahe Etyek. Der Ausflugs-Charakter hält sich in Grenzen. Alkohol geht nicht, das Auto, Zero Tolerance. Doch all das hält das Sára Matolcsy nicht davon ab, mit viel Herz und mindestens so viel Seele um jeden Besucher zu kämpfen. Schwierig bleibt es. Der Heimfahr-Chauffeur-Service mit dem eigenen Auto will nicht verfangen. Eine Pendelbusverbindung könnte zumindest ausländische Touristen für einen Tagesauflug aus der Innenstadt locken. Doch andere Weingüter wollen sich nicht anschließen. Alltag in Ungarn – durch den sich die so resolut wirkende wie charmant rüberkommende Sára auch nach Jahren nicht unterkriegen lässt.

Blick vom Öreghegy nach Norden: den namensgeber, Etyek, zu Füßen. In der Ferne der Vorort Biatorbágy und die Ausläufer Budapests.

Zusatzinformationen / detaillierte Verkostungsnotizen:

An vier Stellen von Etyek finden sich bislang die Reben für die Weine der Etyeki Kúria, ausnahme der Red, dessen Traubenmaterial aus Sopron stammt. Der Szürkebarát (Grauburgunder) kommt vom Szépvölgy (Schönen Tal), Kalkstein und reiche Braunerde. Der Chardonnay stammt vom Öreghegy, der auch hier der Grund aus Kalkstein, darüber ausgesprochen fruchtbare Braunerde. Der Sauvignon Blanc wurzelt in – exakt – auch diesem Untergund, nur eben in der Lage Szent Orbán. Beim Nagy Látóhegy (Großer Aussichtsberg) schließlich finden sich der Pinot Noir udn die weißen Sorten Chardonnay, Sauvignon Blanc, Szürkebarát in kalkreichem Löss.

Der White 2010, aus 80% Királyleányka und 20% Szürkebarát (Grauburgunder), kommt so daher, wie er wohl sein soll: sehr frisch und lebendig, mit Ananas, Apfel, Birne und floralen Noten in der Nase. Und mit einem richtig knackigen Anschub am Gaumen, eben solchen klaren Säuren, saftigen Äpfeln, fein-grüner moosiger Bitterkeit. Sehr schlank und gerade geschnitten das alles, ohne nach links und rechts zu schauen. Ein absolut gelingener, einfacher Sommerwein, der sich gewiss auch sehr gut für Fröccs eignet.

Der Rosé 2010 aus zugekauftem Franc, der sonst eigentlich ein Pinot sein müsste. Eine außerordentliche Notlösung, die dem quantitativ schwachen Jahrgang 2010 geschuldet ist. Vor allem der Pinot litt unter dem niederschlagsreichen Sommer. Doch das fixe Konzept verlangt nach einem Rosé und so musste dieser aus anderer Quelle gewonnen werden. Und auch wenn man nur theoretisch vergleichen kann: weniger Frucht und leicht-feine Verspieltheit, dafür ein gesetzt wirkender, fast in sich ruhender  Rosé mit verhaltener, bräunlichroter Frucht und gar leicht grünlichem Anstrich. Passabel, aber irgendwie ohne Halt.

Der Red 2008 als Abschluss des Einstiegssegments. Sein Vorgänger hieß noch Magyar Vándor, ein Wanderer zwischen den Weinwelten von Sopron und Etyek. ausgesprochen warm und weich schon in der Nase, schwarze Kirschen, Milchschokolade, rauchiges Holz. Und folgerichtig und nur konsequent am Gaumen sanft, schmeichelnd, erst in der zweiten Phase und zum Ende zunehmende Bitterkeit durch Gerbstoffen, fein adstringierend. Drumherum reife dunkelrote Frucht und mattes, weiches Holz, gut aufeinander abgestimmt. Mittlerer Abgang. Die Verlängerung des White in den „Alltags“-abend hinein.

Der Chardonnay, Jahrgang 2009, ist derzeit der vermeintlich spannendste Wein der 6-er-Kollektion. Dabei befindet er sich in einem nicht leicht lesbaren, sonoren Zwischenstadium. In der Nase noch am typischsten, erst mit floralen Tönen, aber vor allem Mandarine, Papaya, Mango – dann Rückzug. Am Gaumen mit zartestem Holzeinsatz und behutsam gewobener Frucht aus vorsichtig gedämpften Zitronen und grünlich-gelben Schalen von Birnen und Äpfeln in der Morgensonne. Und von einem nicht näher definierbaren Unten kommend, angenehm bereichernde Bitterstoffe. Nicht allzu komplex und doch mehrschichtig, ohne Interferenzen. Mittlerer Abgang. Schöner, bemerkenswerter Chardonnay zu einem absolut  guten Preis.

Beim 2010er Sauvignon Blanc bleibt fast nichts anderes zu sagen, als dass er sortentypisch daher kommt. Und das ist in Ungarn, wo auch zu viele Erzeuger mit sehr bescheidenem erfolg mit SB herumdoktern, auch schon viel wert. Klar, rein, mit Zitrusfrüchten und Grasnoten in der Nase. Mit sehr schöner, fast transparent wirkender Frucht aus Grapefruit, Limetten und halbreifen Äpfeln, grüne Gräser, feinherb, schlank, die Säure drängt nach Raum. Angenehm.

Dann noch der Pinot Noir, aus 2009. Frisch abgefüllt – und dennoch schon sehr ruhig, stabil, sicher wirkend. Mittleres Rubinrot im Glas. Luft benötigt er, bleibt aber letztlich noch etwas zurückhaltend, mit roter, gar leicht bräunlicher Frucht, etwas Vanille  und Holz in der recht kühlen Nase. Am Gaumen mit aufrechter, fordernder Würze von Beginn an einen recht kräftig auftritt hinlegend. Pfeffer und grünen Gewürze, zwetschgen und fette schwarze Kirschen, Bitterschokolade, auch Rosinen, alles in einem recht komplexen, fleischig-warmen Ganzen. Selbstredend noch jung. Mittlerer bis langer Abgang. Schön.

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