Noch kein Fröccs - aber die eine, entscheidende Grundlage: Lieferung von Szikvíz, von Soda anno dazumal. Quelle: froccsbusz.hu

 

Fröccs, die Weinschorle, der Gespritze, ist wieder in. Es gibt ihn in unzähligen Mischungen und schrägsten Variationen. In Ungarn kann er auf eine erstaunlich lange Tradition verweisen – und verlangt nach der Einhaltung von klaren Regeln. Sonst hat man keinen echten Fröccs im Glas, und das wäre schade.

Fröccs ist wieder in! Und das heißt: Fröccs darf wieder bestellt werden. Ganz ohne Rotwerden, auch beim Winzer des Vertrauens. Gut, bei manchen Adressen, etwa in Tokaj, sollte man dann doch eher vorsichtig sein und um den gut gekühlten Gutswein bitten: wie gewohnt pur. Denn Fröccs (sprich: frrötsch) ist der ungarische Name für die „Schorle“, den „Gespritzten“, oder einfach nur „Spritzer“, eben jene Mischung aus… – hmm, ja, was eigentlich und, ja, wie eigentlich?

Denn schneller als der Schuss kohlensäurehaltiges Wasser im Glas landet, entlarvt man sich hier als kulturloses Etwas, das nicht einmal über das Grundwissen zu dieser Gattung von Sommergetränk verfügt. Ganz so einfach machen es einem die Ungarn nämlich nicht. Schließlich geht es um ein kulturelles Gut, das im Karpatenbecken seinen ganz eigenen Werdegang erlebt hat. Im Ergebnis findet man sich nicht nur mit einer Unmenge verschiedener Fröccs-Varianten konfrontiert. Nein, die weit über hundert Jahre alte Kultur verlangt auch heute noch die Einhaltung zumindest einiger Regeln. Doch dazu in einem späteren Teil.

Ányos Jedlik, Ungar, Benediktiner, Godfather of Soda

Ányos Jedlik, Quelle: wikipedia

Eingangs erst ein-zwei Schritte zurück, die Geschichte bemühen. Start: Mitte des 18. Jahrhundert, die Kohlensäure wird entdeckt. Ab 1790 wurde sie industriell hergestellt. Und in Ungarn ab 1840 mit Wasser vermählt und von einem gerade deswegen recht berühmtem Benediktiner-Lehrer populär gemacht: Ányos Jedlik.  Das war in Györ. Dort, von wo heute viele Audis herkommen. Deswegen darf sich die nordwestungarische Großstadt – in Ungarn spielt man mit rund 130.000 Einwohnern schon in der ganz oberen Liga mit -, zu Deutsch Raab, auch die Stadt des Fröccs nennen. Das Wasser mit Kohlensäure allein heißt „Szikvíz“ (sprich: ßickwihß; víz = Wasser). Was das bedeutet, wissen die Ungarn selbst nicht so genau. In jedem Fall nennt man es zu Deutsch Sodawasser.

In jedem Falle stieg die Nachfrage drastisch an. 1875 gab es allein in Budapest immerhin schon 18 Betriebe, die Szikvíz, also mit Kohlensäure angereichertes Wasser, herstellten. Hygienisch sicher und für Kranke sehr labend, bedeutete die Cholera-Epidemie weiterer Marketing-Kick. Schließlich muss das Wasser stark gereinigt werden, ehe es in die speziellen Siphonflaschen gefüllt und unter Druck gesetzt wird.

Fröccs ja, aber bitte nur mit Szikvíz, mit Soda!

Genau jener, der Druck mit dem die Kohlensäure injiziert wird, macht ihn am Ende aus, den Unterschied. Doch auch dazu später mehr. Der Kopf der Siphonflaschen muss in jedem Fall entsprechend gut schließen. Anfangs war er aus Zinn, später dann aus Keramik, heute aus Alu oder Kunststoff. Der Schnabel, das gekrümmte Ende, an dem das Wasser ausströmt,  gab es früher in verschiedenen Formen und Verzierungen. Gar stilisierte Schlangenköpfe, angeblich, damit auch jedem Gast im Restaurant die Lust verging, das Ende direkt in den Mund zu nehmen.

Voll gegen leer: Soda für jeden, überall

Klassische Sodaflaschen mit verschiedenen Schnäbeln. Quelle: multmento.blog.hu

Anfang des 20. Jahrhundert war die Herstellung von Szikvíz. von Sodawasser, zu einem richtigen Beruf geworden. Hersteller benötigten eine behördliche Genehmigung, Beschäftigte eine spezielle Ausbildung. Die Flaschen wurden überall im Land mit Pferdekarren, oder Fahrrädern oder Motorrädern mit Anhängern ausgeliefert. Ein Pfandsystem gewährleistete ermöglichte einen schnellen, unkomplizierten Austausch von voll gegen leer.

Das „Szódát vegyenek!“, das „Kaufen Sie Soda!“ verhallte dann zusehend auf den Straßen der Städte und Dörfer. Das Aufkommen des Mineralwassers und die Änderung des Trinkverhaltens führten zu einem deutlichen Einbruch. Waren früher mehrere zehntausend Ungarn in der Soda-Branche beschäftigt, gab es in den 1990ern nurmehr ein paar wenige Betriebe.

Doch Dinge kommen, Dinge gehen, kommen zurück. Und auch wenn (zum Glück) nicht alles ein Revival erlebt, das Soda schon. Heute ist es jedenfalls wieder so populär geworden, dass in Ungarn landesweit über eintausend, zumeist traditionelle kleine Familienbetriebe für die Herstellung sorgen. Grund genug, jetzt, wo die sommerliche Hitze einem den reinen Genuss an Wein bisweilen doch arg verleidet, sich dem Thema noch etwas anzunehmen.

In Bälde: Soda  + Wein = Fröccs. Was man sonst noch alles wissen kann, sollte, muss…

Quellen:
http://www.vinoport.hu/?node=2654
http://www.vinoport.hu/?node=2670
http://www.diningguide.hu/toplistak/etterem-informacio-6237

Eine Reaktion

  1. Karin Pálinkás

    Antworten

    Hi,
    habe mit grosser Begeisterung ihre Ausführungen über den „fröccs“ gelesen.Ich bin zwar auch nicht unbedingt ein fröccs -fan, aber um so mehr wieder!! begeisterter Szikvíztrinker (allerdings mit selbstgemachten malnaszörp
    😉 )
    Mein Wein bleibt rein !!!Seit einer Weile werden auf den Dörfern die Sodaflaschen wirklich wieder ausgeliefert.Schade, dass sie sich auch der Moderne angepasst haben und aus Kunststoff sind.Was waren sie doch für herrliche Sammelobjekte??
    in diesem Sinne
    egészségere
    Karin P.

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