Etwas schöner hätte das Wetter durchaus sein können. Zwar schien bei der Ankunft noch die Sonne und angesichts der wunderbaren Aussicht auf den Balaton blieb einem gar nichts anderes übrig, als auf der Terrasse im Freien zu sitzen. Nur Wolken und ein zwar leichter aber kühler Wind machten die Sache dann zwischenzeitlich doch auch etwas ungemütlich.
„Die Sache“, das war ein Besuch beim Weingut Szt. Donát in Csopak (Sankt Donat ist der Schutzheilige der Weinberge) am Samstag. Ganz bewusst hatte ich nach einem (noch) eher unbekannten Erzeuger gesucht, um Figula und Jásdi und Tamás einen Bogen gemacht. Das Weingut mit angeschlossenem Restaurant liegt am Rande des Ortes Csopak, oben am Hang, direkt unter der „Baumgrenze“ inmitten der Weinberge. Alles wirkt sehr gepflegt, der sechs Jahre alte Neubau bettet sich so traditionell wie stilsicher gehalten sehr gut in die Landschaft ein, das Essen ist gut, die Bedienung ausgezeichnet, man wird umsorgt – alles leider nach wie vor bei weitem keine Selbstverständlichkeiten in Ungarn, nein, genaugenommen große Ausnahmen. Ungarisches Investorengeld wurde hier zielsicher und dankenswerterweise in einem konzeptionell bewusst überschaubaren, sich selbst begrenzenden Rahmen sinnvoll eingesetzt.
Ganz unabsichtlich ist es daher auch nicht, dass die Weine des nunmehr elf Jahre alten Gutes noch nicht allzu bekannt sind. Ein Großteil der von Kálmán und Tamás Kovács erzeugten Klein-Menge bedarf der Eigenverwendung im Restaurant. Lediglich ein Händler vertreibt einen Teil des Sortiments in Budapest. Auf vier noch nicht gänzlich unter Ertrag stehenden Hektar Rebfläche wachsen überwiegend weiße Sorten: zuallererst und vor allem Olaszrizling, der in der Region gefährlich verkürzend stets nur „Rizling“ genannt wird. Daneben auch Gelber Muskateller, Chardonnay und Sauvignon Blanc und seit 2010 eigentlich auch Furmint. Eigentlich, denn da wäre der erste Jahrgang fällig gewesen. Doch das verregnete 2010 hat den Pilzen viele und den Trauben dafür umso weniger Lebenschancen gegeben. Für den Furmint bedeutete dies den Totalausfall, für alle anderen Sorten deutliche Einbußen beim Ertrag. Die einzelnen Rebflächen finden sich an verschiedenen Stellen mit unterschiedlichen Böden und mikroklimatischen Einflüssen. Direkt ans Weingut angrenzend die Neupflanzungen von Furmint und Kékfrankos sowie der Sauvignon Blanc an.
Die Weine des Gutes werden teils in Edelstahl, größtenteils aber über sechs bis neun Monate in 300l-Holzfässerrn aus Zempléner Eiche ausgebaut und teils und tendenziell verstärkt spontant vergoren. Das Ziel ist sanfter Holzeinsatz, was auch gelingt. Die Weine von Szt. Donát sind durch geringe Säuren und angenehm niedrige Alkoholgehalte von zumeist 12,5% bis 13,5% Vol. eher weich gezeichnet, meist mit einer klaren, fast schon als karg zu bezeichnenden Frucht ausgestattet und sympathisieren offen mit Mandeltönen und einer oft matt ausfallenden Mineralität. Das macht vor allem die Olaszrizlinge in der Summe zu bekömmlichen, teils gar subtil daher kommenden Gebilden, die der permanenten Gefahr ausgesetzt scheinen, gedankenverloren schnell mal so getrunken zu werden. Auch wenn es ihnen letztlich an Tiefe und Komplexität fehlt, verdient ihr eher karger bis subtiler Bau ein wenig mehr Beachtung. Die Stilistik weiß dann und erst recht mit etwas Distanz wirklich zu gefallen. Etwas mehr Druck und Ausstrahlung wäre hier und da dennoch wünschenswert.
Doch endlich zu den Verkostungsnotizen.
Der Csopaki Rizling 2009 aus der Lage Berekhát, Parzelle Bodonkút. 40 Jahre alte Reben in rotem Sandstein, in Edelstahl ausgebaut. Kühler gelber Apfel. Stein und Flechten, schwache Säuren, klare, karge Frucht, matt, mineralisch. Der 2010er Csopaki Rizling selbst befindet sich noch im Fass und zwar zweigeteilt: die Edelstahl-Version wirkt noch auf den ersten Blick noch sehr unruhig, fast wild, mit grünlichen-vegetabilen Tönen und recht prägnanten Säuren. Die Holzversion ist da schon ruhiger, runder vom Einfluss der (ausnahmsweise) französische Eichebarriques geprägt, mit weicheren Säuren und einer gelber, wärmer wirkenden Frucht. Die höheren Säuregrade des 2010er Jahrgangs sind spürbar und tun gut. In der Flasche und auf dem Markt wird die Assemblage von beiden zu finden sein.
Der Kisrizling 2009 vom Szitahegy ist das Ergebnis des Sohnes des Hauses, der hier inmitten der einzigen Einzelpfahlerziehung schalten und walten darf wie er will. Kis meint klein, wobei der Sohn natürlich längst nicht mehr das Adjektiv verdient und der Wein wirklich gefällt: spontan vergoren und im Holz ausgebaut ist er sich in der Nase dezent floral, wirkt am Gaumen dann eingangs deutlich kräftiger, mit etwas stärkeren Säuren, insgesamt dennoch rund und weich, mit Zitrusanklängen und Mandelaromen.
Tramontana 2009 – ist ein Cuvée aus Chardonnay und Olaszrizling (Verhältnis 70/30) und unter allen Weinen der fast schon etwas unverschämt aufdringlich wirkende Schmeichler: mit warmen Vanille-Mandel-Tönen in der Nase und einem sehr weichen Angang, runder, nicht zu dicker gelber Frucht, auch hier Vanille und gegen Ende vor allem Mandelaromen. Der Sauvignon Blanc 2009 will nun gar nicht wie ein eben solcher sich zeigen, kommt mit recht matt wirkenden Säuren, Holznoten und deutlich grün-mineralischen Zügen für meinen Geschmack nicht aufrecht, nicht frisch genug daher.
Der Kékfrankos 2009 ist eigentlich nur für die Gastronomie bestimmt und eine kleine Überraschung am Ende. Die Überraschung findet zwar fast nur in der Nase statt, ein wahrer Kräutergarten der nach längerem Sommersonnenschein gerade wieder überschattet wurde, Meeresluft und trockenes Gras. Am Gaumen ist er dann ein klein wenig ruppig, etwas destrukturiert liegen die verschiedenen Bestandteile eher lose neben- und übereinander, mit Röstaromen, Holunder-Zwetschge-Frucht, Lakritz-Noten, leicht adstringierend und griffigen, etwas zu starken Säuren.

Sauvignon Blanc-Pflanzung wenige Meter unterhalb des Gutes, der Balaton im trüben Vormittagslicht im Hintergund
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