
Teil II einer Artikelserie zu Villány-Siklos. Der Einstieg zur Serie “” findet sich hier.
Und Teil I über den Jungwinzer Ákos Ruppert findet sich hier.
Märchenhaft? Nein. Hier hat jemand sein eigenes Talent wachgeküsst. Ohne zuvor als Frosch daher zu kommen. Und dennoch: der Jungwinzer Gábor Kiss aus Villány hat allmählich Prinzenstatus.
Auf den ersten Blick wirkt er unbedarft, schüchtern. Etwas verlegen, daher fast überfreundlich gibt er den Gastgeber. Entrückt von der kleinen aber dicht gedrängten Erzeugerwelt des Ortes Villánys, mitten im Weinberg. Ein malerisches Plätzchen, die wunderbare Aussicht verzaubert. So ist man unweigerlich geneigt, alles durch eine rosarote Brille zu sehen. Eine (zweifelsohne unbeabsichtigte) Bestechung der ganz eigenen Art, die der Jungwinzer Gábor Kiss durchzieht.
Etwas unbeholfen, weil nach wie vor schüchtern, bescheiden, fast dienend wirkend, referiert er in wenigen Sätzen über sein kleines Weingut. Dazu gibt es den ersten Wein, einen reduktiv ausgebauten 2009er Rosé aus 80% Merlot und 20% Cabernet Sauvignon, ganz bewusst früh geerntet. Lachsfarben, Buttergebäck, Vanille und Oranginat in der Nase. So erdbeerig, himbeerig, und mild-würzig, dass er als Entrée wunderbar taugt.
Zumindest kann man nebenher bequem Gábor lauschen. Hört ihn, von acht Hektar eigener Rebfläche erzählen, zu denen im kommenden Frühjahr abschließend nochmals zwei hinzukommen sollen. Dort soll Kékfrankos (Blaufränkisch, Lemberger) gepflanzt werden, dem er die entsprechende Bedeutung zukommen lassen möchte. Später mehr dazu.
Als nächstes der 2009er Portugieser, bewusst reduktiv ausgebaut, um klarere Töne zu erzeugen, was auch gelingt: 2 kg Trauben blieben am Stock, ergeben ein trübes, mittleres bis dunkles Purpur, Brombeermarmelade in der Nase, schöne klare Töne und sauber herausgearbeitete Frucht, in sich sehr ausgewogen, gutes Säuremitspiel, reif wirkend, leicht und doch recht komplex. Der Cabernet Franc Classic 2008, bewusst verständlicher angelegt für die Gastronomie, 11 Monate in Barriques, 2. Füllung, warm, freundlich, die Hand reichend, gekochte rote Früchte, grüne Paprika, klares Säurerückgrat. Trinkfreude.
Währenddessen hört man Gábor Kiss von der Umstellung auf kontrolliert biologischen Anbau berichten. Hört von seinem festen Glauben daran, dass dadurch das Terroir deutlicher sichtbar wird. Denn das, so Gábor, kommt ihm derzeit noch zu kurz. Doch auch schon jetzt gelingt ihm der Spagat zwischen dem Verweis auf den Terroirgedanken unter Beibehaltung von Verständlichkeit, leichter Trinkbarkeit bemerkenswert gut. Das gilt im Grunde für das ganze Sortiment, das heute wie aus einem Guss erscheint, ohne wirkliche Schwachstellen. Vor zwei-drei Jahren war das noch nicht so. Fortschritt, der hier plastisch wird. Im direkten Vergleich ist er Ákos Ruppert ein paar Schritte voraus. Doch der Vergleich hinkt in vielerlei Hinsicht.
Kiss vörös, der „kleine Rote“ für den Alltag
Zwei Weinnotizen, um es greifbarer zu machen: einmal der Kiss Vörös 2008, der “kleine Rote”, ein Spiel mit seinem Familiennamen. Ein Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot zu gleichen Teilen, dann noch 10% Kékfrankos. Mittleres bis dunkles Purpur, in der Nase leicht pfeffrig, Paprika und Maggi. Am Gaumen legt er gut los mit gekochter Frucht, sehr rund und weich und warm, Zwetschgen, Johannisbeeren und Brombeeren. Hinten hält er das nicht ganz durch was er vorne und in der Mitte verspricht. Aber das geht so schon in Ordnung, für das kleine Cuvée knapp, wo man mit 7 EUR dabei ist. Dann der selektierte Blaufränkisch, der Kékfrankos Selection 2007, hier waren gerade mal 0,5kg/Stock verblieben. 13% Vol., 15 Monate in neuen 500l Eichenfässern, erst in der zweiten Oktoberhälfte geerntet. Mit dem Gaumen spielend, man trifft auf Karamell, Bitterschokolade, erhält eine warme reife Frucht aus Kirschen und Brombeeren vorgesetzt. Hier bietet jemand mehr Angriffsfläche, griffigere Säuren, deutlichere Gerbstoffe, in sich rund und ausgeglichen. Kein großer aber ein schöner Wein.
Hier steht bereits ein Konzept, auch marketingtechnisch durchdacht und, wie man später sieht, namens- und designtechnisch unterfüttert. Ein stimmiges Einstiegscuvée – und der Fingerzeig auf Blaufränkisch. Die Stärke der Rebsorte in der Region hat Gábor erkannt und wird vermehrt auf sie setzen. Zeit hat er dafür. Zumindest insofern, als dass er über ein regelmäßiges Einkommen verfügt. Beim Großweingut Matias, das in verschiedenen Weinbauregionen Ungarns insgesamt 100 Hektar Rebfläche bewirtschaftet, zeichnet er für die Weine aus Villány verantwortlich. Die feste Anstellung gibt ihm die nötige finanzielle Sicherheit. Gleichzeitig kann er parallel zum eigenen Keller Jahr für Jahr wertvolle Erfahrung in einem Großbetrieb sammeln.
Doch zurück zu den Top-Weinen. Beim Merlot ist er noch im Versuchsstadium, was die Rebklone anbelangt. Drei verschiedene, darunter zwei aus Bordeaux kommen derzeit zum Einsatz. Die Merlot Selection 2007 (14,5% Alkohol) zeigt sich mustergültig, mit kompakter Frucht aus Brombeeren, anfänglich recht zupackende Tannine, die sich nach einiger Zeit an der Luft zum Glück etwas einkriegen, ein paar Kanten bleiben stehen. Da wirkt ausgerechnet der Cabernet Sauvignon Selection 2007 im direkten Vergleich ungemein sanft und edel, alles scheint auf samt gebettet, die obligatorische grüne Paprika in gegrillter Form findet sich auch.
Die Cabernet Franc Selektion nennt Gábor neuungarisch “Code”, der Barcode auf dem Etikett untermauert die Sonderstellung im Sortiment. Hier wurde nochmals eine Schippe draufgelegt. Denn dass gerade Cabernet Franc sich in der Umgebung von Villány pudelwohl fühlt, wird die kleine Tour noch an mehreren Stellen zeigen. Der 2007er Code jedenfalls kommt mit einer ausgeprägten grünen Würze daher, mit viel Paprika, einer sehr präsenten, dicken, eingekochten, leicht geteerten Frucht. Eigentlich noch zu jung zum trinken. Das gilt ebenso für das Merum Cuvée 2007 (auch 14,5% Vol. Alkohol), das zur Hälfte aus Cabernet Sauvignon, zu 30% aus Merlot und zu 20% aus Cabernet Franc besteht. Gábors „Bordeaux-Blend“ hat es auf seine ganz eigene Art in sich: zeigt sich komplex und dicht und dabei doch nicht zu breit, zu aufdringlich, sondern kühl-rauchig, mit feinen Kräutern und dunkler Schokolade, fleischiger Frucht, weniger Tanninen als beim Code. Respekt.
Respekt? Sicherlich. Der ist in der Tat angemessen. Doch die Verlegenheit ist aus Gábors Gesichtszügen nach wie vor nicht gewichen. Also muss der Standardsatz herhalten, dass jemand trotz der nicht widerlegbaren ersten Erfolge bescheiden geblieben ist. Und so nimmt man zum Abschied auch sein unbedarftes Geschenk etwas verblüfft, dann dankend und ohne jeglichen Hintergedanken an: zwei Flaschen Bio-Apfelsaft, naturtrüb.
Dieser Artikel ist auch auf CaptainCork erschienen.

In echt viel schöner: die Aussicht von der Terrasse am Abend. Die "Großen" mit ihren großen Gebäuden sind leicht auszumachen: v.a. Sauska und Wunderlich
Tags: Cabernet Franc · Cabernet Sauvignon · Kékfrankos · Kiss Gábor · Kiss Pince · Kissvörös · Merlot · Rosé · Rotwein · Villány-Siklós
Sehr gut, dass nicht nur die Platzhirsche Beachtung finden und die ständigen “Adabeis” die reihum gehätschelt werden.
Und dass auch Weine bewertet werden, die der Villanyer Größenwahn auch bezüglich der Preise noch nicht erreicht hat.
Weiter so!