Miskolc, die drittgrößte Stadt Ungarns. Autobahn runter, Landstraße rauf. Noch knapp 40 Kilometer auf Straße Nummer 37, der Transferschiene in eine andere Sphäre. Bolzengerade, teils kilometerweit von Bäumen gesäumt und nur gelegentlich von leichten Biegungen unterbrochen gelangt man in das bekannteste Weinbaugebiet Ungarns, nach Tokaj. Noch 30 Minuten Fahrt, optimal zur Abkopplung von der restlichen Welt. Und doch kommt es immer nur hier und auf diesem Abschnitt über einen, unweigerlich, unvermittelt.  Eine positive Anspannung, Vorfreude – und auch etwas Surreales, fast schon Mystisches.

Der eigene Überhöhungs-Reigen wird durch weltliche Dinge gebrochen. Man nimmt es automatisch persönlich, dass ausgerechnet jetzt die normale Strecke nach Mád gesperrt ist. Wie profan das, wenn einen nach kurzen Irrwegen der Meister in der sakralen Halle seine Gutshauses empfängt. Aber nein, auch das ist schon wieder rein interpretiert. Denn István Szepsy ist alles andere als abgehoben, auch wenn er allen Grund dafür haben könnte. OK, der bekannteste Erzeuger Tokajs scheint in vielerlei Hinsicht fern von der sonstigen Welt da draußen. Seine Weine sind qualitative Benchmarks. Daher kommt man an einem Besuch bei ihm nicht vorbei. Er hat in 15 Jahren Standards und Trends gesetzt, war einer der ersten, der Weine nach Lagen diversifizierte, trocken ausgebaute Weißweine und modern gemeinte und schmeckende Süßweine anbot.

In dem Markt vorauseilendem Gehorsam verlangte er von Beginn an vergleichsweise viel Geld für seine Weine. Mutig, doch letztlich nur konsequent – und erfolgreich. Nur so konnte er binnen zehn Jahren permanent expandieren. Schon sein einfacher Birtokfurmint, wenn man so will „Gutsfurmint“, kostet bereits stolze 18,00 EUR. Der 2008er kommt bald in den Handel, duftet noch etwas verschlossen nach Feuerstein und gelbem Dörrobst. Am Gaumen ist er offener, mit kühler Frucht, fein mineralisch und leicht vegetabil-krautig, dabei ziemlich breit und lang und ein warnender Fingerzeig auf alles andere, was da noch kommt.

Blick auf die Lage Király (Copright Szepsy)

Der 2007er ist nicht nur präsenter, sonder auch deutlich würziger, mit zupackender reifer Frucht, leicht salzigen Noten und fein ausgebildeten, gelben Säuren. Der Jahrgang war der heißeste, den Szepsy bislang erlebt hat und das merkt man allen Weinen auch deutlich an. So wirkt auch der sonst allgemein weicher und fruchtiger ausfallende Hárslevelű (Lindenblättrige) 2007 aus der Lage Király (König) direkt nach dem „einfachen“ Furmint verstörend, mit enorm dichter Mineralität, die eine große warme Würze ausstrahlt. Die Lage aus hartem Tuff und von Zeolith-Mineralen durchzogenen rot- und gelbfarbenen Tonböden gehört zu den bekanntesten der Gegend.

Szepsy baut seine Weine in 400 und 500l-Fässern aus ungarischer Eiche aus und fördert bewusst die malolaktische Gärung. Um die für ihn unerwünschten Apfelsäuren kontrolliert abzubauen hält er seinen Keller beheizt, aus seiner Sicht eine der wichtigsten Arbeiten jenseits des Weinberges. Im Weinberg wird der Ertrag selbstverständlich extrem begrenzt. 50ha ergeben im Schnitt 50.000 Flaschen pro Jahr. Zugegeben, einen Teil der Ernte verkauft Szepsy, weil die Qualität seinen Anforderungen nicht entspricht.

In der Lage Szent Tamás (Copyright Szepsy)

Der Furmint Szent Tamás ist schon vom Jahrgang 2008 und mit einem Flaschenpreis von gut 45 EUR der teuerste Furmint der Welt. Die Reben sind bis zu 60 Jahre alt und wurzeln in  rotem Tongestein, das in schichtweise von Zeolith und dem vulkanischen Ryolith durchzogen ist. Schon in der Nase strahlt er eine kühle, adlige Eleganz aus, etwas auf Distanz gehaltenes Birnenkompott, am Gaumen eng geschnitten, verhalten stählern-mineralische Säuren, dazu fein cremiger Textur, buttrigen Tönen und einen Backäpfel-Traum aus Granny Smith. Im Direktvergleich wirkt da der Szent Tamás 2007 zwar breiter aber trotz fülliger Wärme vor allem härter, weil zum Ende hin deutlich würziger, das klar vernehmliche Holz überlagert zumindest jetzt noch die gebrannte Frucht, dämpft auch die Säuren ab. Der Wein ist einfach noch zu jung, Szepsy vermutet, dass er zumindest noch vier bis fünf Jahre benötigt.

Genau aus diesem Grund präsentiert er im direkten Anschluss einen 2002er Furmint. Der strohgelbe Repräsentant aus der Lage Urágya weist deutliche Botrytistöne auf, Joghurt, Butter und Petrol dringen an die Nase. Am Gaumen ragen zum ersten Mal sehr deutlich die für Furmint typischen Aromen von grünen Äpfeln hervor, der Altersunterschied ist spürbar, ein kühler, zarter Schmelz verbreitet sich, schmeichelt auf sehr elegante Weise lange nach. 1964 wurden die Reben gepflanzt, die für Szepsys Urágya die Trauben liefern, in quarzhaltiges rotes Tongestein, das grundsätzlich für eine prägnante und komplexe Struktur sorgt.

Dann der Einstieg in die Süßweine, mit einem Édes Szamorodni von 2008. Man betritt mit der Nase eine Apotheke, so überdeutlich entströmen dem Glas medizinische Noten. Leicht würzig, warm, Mineralität und Frucht in schöner Koexistenz halten gegen fruchtig-frische kernige Säuren. Er wirkt leicht, fast beschwingt tänzelnd auf der Zunge – und genau das soll er auch. Dann das Szepsy Cuvée 2007, eine Sub-Aszú-Kategorie, welche Szepsy schon Ende der 1990er Jahre ganz bewusst als diplomatischen Wegbereiter für jene Fraktion entwickelt hat, die mit klassischem Aszú wenig am Hut hat und dennoch für Süßweine aus Tokaj gewonnen werden soll. Eine von Botrytis-Tönen dominierte Nase, den Gaumen mit viel Honig und Röstmandeln und Trockenobst einlullend, erscheint er durch seine aufrechten Säuren fast ein wenig einfach, in jedem Fall gut zugänglich.

Zu den Aszús, die es bei Szepsy aus Prinzip nur als 6-Pütter gibt, wenn schon, denn schon. Der 2006er wirkt unheimlich jung und in der Nase anfänglich verhalten, fast schüchtern. Am Gaumen dennoch dicht und komplex, mit kandierten Aprikosen und Zwetschgen und einer feinen, von kräftigen Säuren gestützten warmen Würze. Der 2003er Aszú spielt den Schlussakkord, ist deutlich runder und weicher, nussiger, zusammen mit den extrem jung wirkenden Säuren prickelt die goldgelbe Frucht förmlich auf der Zunge, ehe sie mächtig Raum greift und die ganze Mundhöhle dick schmelzend ausgleitet. Ein mächtiger Eindruck, dessen Nachklang sich auch dann noch auf der Zunge findet, als man Szepsy und Mád auf Umwegen längst hinter sich gelassen hat.

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Dieser Artikel ist auch auf CaptainCork erschienen. In den folgenden Wochen wird die Serie zu Tokaj fortgesetzt…

Zum Teil 1 über Attila Homonna.
Zum Teil 2 über die Bott Pince.

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