Ortswechsel, 10 Kilometer südlich, Bodrogkisfalud. Zu Hause bei Judit und József Bodó. Das Navigationsgerät hat zielstrebig den Weg gewiesen. Die Bekanntschaft mit Onkelchen Palis Gänsen musste ausbleiben. Ihr Határi Furmint von 2009 steht auf dem Tisch. Schöner Wein, das vorweg, mit einer sehr klaren, sauberen Frucht, und mindestens so klaren Säuren, geradlinig und im direkten Vergleich zu Attilas Ergebnis aus derselben Lage deutlich weniger wuchtig, reife Granny Smith-Äpfel und grüne Traubenschalen, wodurch eine angenehm leichte Bitterkeit zurückbleibt.

Zweifelsohne, die beiden haben inzwischen die nötige Sicherheit und Konstanz. Seit dem Besuch des Captain hat sich das kleine Weingut noch fester etabliert: zuverlässige, stetig steigende Qualitäten, eine immer deutlicher wahrnehmbare, eigene Handschrift – die Bott Pince ist zu einer kleinen aber feinen Marke geworden. Doch nun spielt die Natur übel mit. Selbst die Ältesten im Dorf können sich nicht an ein derart durchwachsenes Wetter erinnern, wie 2010. Das Ergebnis: viel Säure, kaum Zucker, wenig Aromen. Nicht sicher, dass es Lagenweine überhaupt geben wird. Die Chancen sind eher gering. Sie reagieren mit einer Mischung aus den Tatsachen geschuldeter Nüchternheit und Sarkasmus. Der angemietete kleine Keller am Bahnhof von Tokaj wird wohl weiter seine Dienste tun müssen, Umbauarbeiten am Eigenheim sind bis auf weiteres vertagt, Durchhalteparolen hallen kurz durch den Raum.

Dabei ist es beileibe nicht so, dass sie ansonsten Absatzprobleme hätten. In diesen Tagen schippern gar 600 Flaschen in die USA, ihr erster Übersee-Export. eher eine symbolische Menge, aber die Botts bewirtschaften ja auch nur fünf Hektar. Aber der leichte und doch tiefgründige Stil weiß zunehmend zu verfangen. Die Bott-Weine führen mit ihrer klaren Stilistik auf geduldige Art in die neue Welt Tokajs, leiten auf Basis von Furmint und Hárslevelű die Sinne subtil und doch einprägsam entlang der verschiedenen Terroirs. Die eingesetzten Holzfässer sind gebrauchte, was mindestens so sehr der Not geschuldet ist, wie dem über die Jahre allmählich entwickelten Konzept, das wahrnehmbare Holztöne nicht vorsieht.

2009 hat aus der Lage Határ (14,5% Vol., 5 gr. Restzucker) aus überreifem Traubenmaterial auch einen leicht wirkenden und doch mit Substanz versehenden Hárslevelű entstehen lassen, der in seiner jungendlichen Frische an Aprikosenmarmelade und Butterkeks erinnert. Daneben gibt es reinsortig nur noch Furmint. Der Teleki 2009 ist mit seiner Parfümnase womöglich nicht jedermanns Geschmack, dafür umso solitärer. Leichtgewichtig wirkend, weich, zart schmelzend, doch dagegen halten Gelee-, kandierte Früchte vehement an, gesellen sich parfümiert-traubige Noten hinzu, hinten raus dominiert dann Marzipan. Der Vertikalvergleich zum 2005er Teleki zeigt eine fast identische Aromenstruktur, nur etwas gefügter, reifer.

Der 2009er Furmint aus der Lage Csontos (knochig) mit knapp 40 Jahre alten Rebstöcken auf ist Sonne pur auf Pfirsich und Birnen, wirkt in der Nase zudem leicht floral-parfümiert. Seine Frucht und Säure liegt zwischen dem Határi und Teleki: sanfte und doch deutlich wahrnehmbare Mineralität, durchweg von einer leicht bitteren Kräuterigkeit getragen. Dagegen erscheint der Csontos 2008 wieder auf ganz eigen Weise spannend, mit unreifen Ananas, Gräsern und Joghurt in der Nase, am Gaumen klar, vegetabil, sonnengewärmte Mineralität, Salz und etwas Seife. Der Bott-Bor 2008 ist der Gutswein, doch beileibe nicht der Einstieg. dazu ist das Cuvée aus verschiedenen Lagen zu komplex, mit recht kräftigen, klaren Säuren, einer warmen, feinen Würze. Je länger im Mund, desto schmelziger wird er, im Abgang ist die der Pfirsichkern freigelegt – und verbleit als letzter aromatischer Eindruck im Mund.

Nach diesen jeweils eigenständigen Weinen, leitet der 2009er Bott-rytis mit einer gnadenlos schönen Almdudler-Nase über in die Riege der Edelsüßen. Auch am Gaumen Alpenkräuter, die die cremige Fruchtsüße aus Pfirsich und Aprikosen ergänzen, feinst verästelte Säuren, jung, frisch. Zu dem Aszú-Feuerwerk, das zu wechselnden Anteilen von Furmint und Hárslevelű angeheizt wird: der 2007er erscheint spielerisch tänzelnd, mit ungemein jungen, kräftigen Säuren, einer glasklaren Süße aus Aprikosen- und Quittengelee. Der 2006er kommt mit deutlich mehr Säure und wirkt wohl gerade deshalb ansonsten etwas flacher. Der 2002er duftet nach Ingwer und warmem Salz. Hier merkt man die zusätzlichen Jahre, in denen die Aromen in der typisch schmalhalsigen Halbliter-Aszú-Flasche Raum greifen konnten: er ist dichter, tiefgründiger, reicher, und doch wirken die Säuren noch klar und vital. Die reife gelbe Frucht wird gegen Ende von floralen Tönen und Kräuteraromen abgelöst.

Am Ende steht der 2008er – was zu einem kurzen innerfamiliären Beben führt. Denn eine Fassprobe hatte bislang nicht einmal Judit selbst probiert, József hatte einige Milliliter in Eigenregie gezapft. Die ungemein frische, von vitalen Säuren umspielte Frucht giert regelrecht nach intensivem Gaumen und Zungenkontakt. Kein Zweifel, da ist etwas Großes im Entstehen. Ein überdeutliches Zeichen, das auch Judit versöhnlich stimmt und die Alltagssorgen kurzzeitig vergessen lässt. Ohnehin, unterkriegen lassen sich die Bodós nicht so schnell. Zum Glück.

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Dieser Artikel ist auch auf CaptainCork erschienen. In den folgenden Wochen wird die Serie zu Tokaj fortgesetzt…

Zum Teil 1 über Attila Homonna.

Einen Vorteil hat der niedrige Ertrag in 2010: im kleinen, angemieteten Keller wird es ausnahmsweise keine Platzprobleme geben.

3 Antworten

  1. Super, dass Sie über das Weingut Bodó geschrieben haben! Ich bin ein Fan von Bott-Weinen. Interessant: vor 2 Jahren haben wir eine Weintour in Tokaj gemacht und waren bei Attila Homonna und Judit Bodó. Nobilis war auch gut, kennen Sie sie? Und Patricius?

    Monika Kosa

    • Liebe Frau Kosa,

      ja natürlich kenne ich Bardós Sarolta und ihren Mann – Sie mich vielleicht inzwischen auch persönlich, in jedem Fall aber von etlichen Verkostungen. Vor Ort bei Nobilis selber war ich noch nicht. Wird sicher aber im kommenden Februar wohl auch ändern. Schöne Weine, Patricius ist nicht so mein Fall, aber Nobilis ist gut. Sie finden auf BorWerk über die Suche oben rechts auch diverse Verkostungsnotizen zu Nobilis-Weinen.

      Schönen Gruß, Peter Klingler

  2. Habe gestern ein neues Bio-Geschäft in Wien entdeckt, in dem es den Határi von Bott zu kaufen gibt. Also wer einen schönen Furmint von Bott in Wien kaufen will: Der Hofladen, Liechtensteinstraße 73/3, 1090 Wien, Vorher nach Öffnungszeiten schauen, die haben nicht immer offen!

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