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Ein wenig Theorie zum Einstieg? Wenn nicht, bitte ohne Scheu gleich nach unten, zu den Verkostungsnotizen springen.

Kéknyelű, die für Ausländer nur schwerlich aussprechbare (spricht: kéhknjälüh), autochthone ungarische Rebsorte (dt. „Blaustiel, Blaustängler“), drohte Mitte der 1990er Jahre fast ganz zu verschwinden. Selbst in ihrer Hochburg Badacsony, am Nordufer des Balaton, war sie nur noch selten anzutreffen. Ihre Probleme: große Empfindlichkeit und schwache Erträge. Beides war in Zeiten des „real existierenden Sozialismus“ wenig erwünscht, suchte man doch Jahr für Jahr die Erträge für den Export in die Comecon-Länder noch weiter nach oben zu schrauben. Nicht zu vergessen, dass er als Zwitterblütler ausschließlich weiblich, schwer befruchtbare Blüten vorweist.

Reinsortiger, mit Umsicht bereiteter Kéknyelű ist aromatisch, besitzt lebhafte Säuren und ist anregend. Egal ob jung oder alt, stets weist er eine hellgrüne Farbe auf und hat ein leicht parfümiertes, jedoch nicht aufdringliches Bouquet. Gute Qualitäten bringen lang haltbare Weine hervor, was mich voir Jahren dazu brachte, jeweils einige Flaschen eines Jahrgangs von Szeremley Huba – dem vermeintlichen Nummer 1 Winzer am Badacsony (Teilgebiet am Balaton) – zu kaufen und irgendwann eine Vertikale zu starten. Die Zeit war nun reif, die ältesten Weine auch?

Zusammen mit L., dem Schreiber von Wineguide des Budapest Daily Review kostete ich vier Jahgänge:

Jahhrgang 2000, als gut bezeichnet

Strohgelb. Leider etwas oxidiert, daher Anis und Nussnoten. Nach einiger Zeit schälen sich weitere Eindrücke hervor, drängen die oxidativen Töne etwas in den Hintergund. Anklänge von Zwetschgen und reifen Birnen. Der körperreichste von allen vier Jahrgängen, zarter Schmelz, dezente Säuren, speckige Fruchtnote von Quitten, Bienenwachs. Wirklich schade, dass der Korken nicht dicht halten wollte.

Jahrgang 2002, als ordentlich bezeichnet

Helles zirtonengelb. Deutliches, jeglichen anderen Eindruck überdeckenes Bouquet nach Schafgarben und sonnenbestrahlter Wiese. Am Gaumen dominieren vor allem schroffe Säuren. Daneben zeigen sich mit der Zeit Spuren von Zitrone, Pfefferminz, Birne und gegen Ende Grapefruit, welche einen leicht säuerlich-bitteren Nachhall von mittlerer Länge erzeugt. Wirklich zu viel Säure.

Jahrgang 2003, als ordentlich bezeichnet

Zitronengelb im Glas. In der Nase wie ein Somlóer Weißwein, deutliche mineralische Noten, Rauchstein, Wachs, Ananas. Deutlich ausgewogeneres, runderes Säure-Frucht-Spiel als beim 2002er, die Mineralik nur im Hintergund, kühle, dezente Frucht von Limetten und Aprikosen, auch tropische Früchte. Mittlerer Abgang.

Jahrgang 2004, als gut bezeichnet

Zitronengelb. Schöne fruchtig-feinsäuerlich spritzige Nase mit Honigmelonen. Im Mund kühle Frucht aus Kiwi, unreifem Pfirsich, Spuren von Limettenschalen. Kräftiges, schön strukturiertes Säuregerüst stellt ein solides Rückgrat. Wirkt jetzt schon schön gereift, zeigt aber noch viel Entwicklungspotential auf. Der gefälligste Blaustängler des Abends.

Unterm Strich zeigten sich alle Weine als ungemein schlank, säurereich, daher unabhängig vom Alter noch jugendlich frisch und ausgesprochen mannigfaltig. Kein Jahrgang ähnelte dem anderen. Ausgesprochen außergewöhnlich geschweige denn hochwertig oder gar herausrangend und uneingeschränkt empfehlbar sind sie nicht. Eine Preisentwicklung von ehemals 1.600 Ft (vor acht Jahren für den 2000er) zu inzwischen 4.600 Ft erscheint völlig unangemessen, kann ich nicht nachvollziehen. Man denke nur daran, was man in der Preiskategorie 16-18 EUR (je nach Wechselkurs) bekommen kann. Da kann man inzwischen vergleichbare, wenn nicht gar bessere Qualitäten z.B. von Istvándy (Jahrgang 2008) bekommen – für lediglich 2.700 Ft. Dennoch bleibt es spannend, den Restbestand noch einige Jahre lagern zu lassen und zu sehen, wie die dann hoffentlich nicht oxidierten Repräsentaten sich angehen.

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